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Brezelbub Axel Reiprich macht Halt in der Buchscheer; Heidrun und Robert Lindner kaufen eine leckere Schinkenstange.

Sachsenhausen

Von Nonnenfürz' und Haddekuche: Einen Abend auf Tour mit dem Brezelbub

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Wenn sich Apfelweingärten und Lokale mit Gästen füllen, kommt der Brezelbub. Bei Hitze, Wind und Wetter. Mit einem großen Korb voll salzigem und süßem Gebäck.

Frankfurt - Schwarze Hose, blau-weiß kleinkariertes Hemd, weiße Jacke, ein großer geflochtener Korb und ein pfiffiges Grinsen im Gesicht sind seine Erkennungsmerkmale. Axel Reiprich (53) ist leise, wenn er acht Kilo Brezeln, Knusper-, Käse- und Dinkelstangen, Weck, Haddekuche und Makrönchen geschickt zwischen Bierbänken und Platanen in der Buchscheer balanciert. "Meine linke Schulter ist deutlich kräftiger als die rechte. Das kommt vom einseitigen Tragen", sagt er, lächelt und zuckt mit den Schultern.

Dreimal in der Woche besucht er zwischen 12.45 Uhr und etwa 21 Uhr zwei- bis dreimal insgesamt 17 Lokale in Sachsenhausen und Neu-Isenburg und wechselt sich mit seinem Kollegen Werner ab. Wölfi ist ebenfalls in Sachsenhausen unterwegs, Franky tourt durch Bornheim.

Einst Bäckerlehrlinge

Mehr als 100 Jahre gibt es Brezelbuben in Frankfurt. "Viele sind nicht mehr da", erzählt Reiprich. "Nachwuchs fehlt - wie in vielen Handwerksberufen, auch bei Bäckern. Ende 1800 gab es ohne Ende Brezelbuben und sieben Bäckereien, die frisch gebacken haben." Brezelbuben waren ursprünglich Bäckerlehrlinge. Das ist längst vorbei.

Axel arbeitet am Wochenende als Fahrer für Behindertentransporte. Er ist gelernter Diplom-Geograph, aber der Umgang mit Menschen macht ihm mehr Spaß. "Als Brezelbub darf man nicht auf den Mund gefallen sein, sollte Ware gut anpreisen, Kraft haben und Witze machen - aber nie auf Kosten anderer. Und man sollte immer das letzte Wort haben", verrät er. Heidrun und Robert Lindner lassen sich gleich vier Stangen und Brezen in Tüten packen. "Wir sind mit unseren Enkeln Robert und Max von Mainz mit dem Rad in die Buchscheer gefahren. Die Jungs brauchen was auf die Rippen", so Lindner. "Dann vielleicht noch Makrönchen für die Enkelsöhnchen?" fragt der Verkäufer und reicht ihr eine Tüte. Gekauft.

Salz-Weck heißen Asseln

Das Gerippte als Gebäck: Das ist der Haddekuche.

In Alt-Sachsenhausen winken ihm die Leute zu. Wirt Wolfgang Steuber betreibt seit über 50 Jahren das Lokal "Zu den drei Steubern" und singt leise "Macky Messer". Dann kauft er ein paar große Brezeln. Die Gäste sind Frankfurter, jeder kennt den Brezelbub. "Schinken-Käse-Stangen, Blindenzeitung, Kellerasseln und Nonnenfürz'" werden gewünscht. "Die Asseln habe ich gerade gefangen und das war gefährlich bei der Größe. Die Beine sind raus", so Axel über die Kümmel-Salz-Weck, die wie sehr dicke Asseln geformt sind. "Schau mal, ob Du die Zeitung mit geschlossenen Augen lesen kannst", fährt er über den Mohnweck fort und packt Kokosmakronen dazu - die Nonnenfürz'.

Beim Apfelwein Dax läuft's genauso gut. Die Wirtin ruft ihm zum Abschied "Tschüss, Hase" zu. Der Korb ist zum zweiten Mal fast leer. Im Hochdachkombi füllt er mit Zangen penibel und hübsch drapiert wieder auf. Kleine Brezeln, große Brezeln, Stangen, Weck, Süßes. "Es ist schön. In meinen 23 Jahren als Brezelbub hat nur einer unserer Läden geschlossen und zwei haben die Wirte gewechselt. Wirklich verändert hat sich nur, dass es früher viel mehr Stammtische gab. Da sind die alten Leute schon mittags mit dem Taxi gekommen und haben bis 20 Uhr gebabbelt. Leider sterben die immer mehr aus."

Auch Manfred Wagner (82) erinnert sich. Stammgäste kamen auch in den "Klaane Sachsenhäuser". Er erzählt, dass sein Lokal seit 133 Jahren ein Familienbetrieb sei. "Der Adolf Wagner wurde 1902 in meinem heutigen Schlafzimmer geboren. Brezelbuben gab es immer schon", sagt er und sieht sich die Postkarten an, die Axel dabei hat mit den vier jetzigen Brezelbuben, die die Fotografen Hubert Gloss und Boris Borm porträtiert haben.

In Alt-Sachsenhausen, im Brückenviertel und auf der Schweizer Straße läuft es weiter rund. Schnell ist die Ware weg. In der Atschel und im Fichtekränzi jammern Gäste. "Wir brauchen Haddekuchen", sagt ein Mann. "Den in Äppler geditscht, das ist der beste Nachtisch der Welt". Axel feixt: "Warte bis morgen, dann kriegst Du zwei!"

Von Sabine Schramek

Info: In Frankfurt hat das Zimtgebäck eine lange Tradition

In Frankfurt hat das Zimtgebäck eine lange Tradition. Die Brezelbuben hatten nicht nur Laugenbrezeln im Korb, sondern auch Süßes wie Haddekuche oder Kokosmakronen. Heute gibt es den rhombenförmigen Haddekuche - frankfurterisch für "Harter Kuchen" - kaum noch zu kaufen. Man findet das flache Gebäck mit dem Gerippten-Muster noch beim Traditionsbäcker Hanss in der Sachsenhäuser Brückenstraße. "Einheimische der älteren Generation kaufen ihn, aber auch junge Leute und Touristen sind neugierig darauf", erzählt Bäckermeister Martin Kramer. Sein Rezept will er nicht verraten, außer: "Zimt, Anis, Nelke, Kardamom und weitere Gewürze sind drin. Die Mischung macht's." Weil der Haddekuche so süß ist und nach Lebkuchen schmeckt, passt er gut zum Stöffche - ob als Nachtisch nach deftigem Rippchen oder einfach so. stw

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