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Feier zu 70 Jahre Grundgesetz: Hunderte Schüler machen bei einem Grundgesetz-Quiz mit und konnten Fragen mit Ja oder Nein (rote und grüne Karten) beantworten.

Geschichte

Über 600 Schüler feiern 70 Jahre Grundgesetz in Paulskirche

Vor 170 Jahren tagte in der Paulskirche die Frankfurter Nationalversammlung und ebnete den Weg für die deutsche Verfassung. Gestern feierten dort über 600 Schüler 70 Jahre Grundgesetz.

Frankfurt - "Der kürzeste Artikel im Grundgesetz hat drei Worte. Stimmt das?", fragt Lena Auth vom Gymnasium Riedberg das Publikum. Ihre Stimme hallt durch die große Halle der Paulskirche. Vor ihr sitzen über 600 Oberstufenschüler, außerdem Lehrer und Vertreter der Stadt. Erst zögerlich, dann entschieden, gehen grüne und rote Karten in die Luft. Die grünen haben ein "Ja" auf der Vorderseite, die roten ein "Nein". "Oh, das sind mehr Ja-Schilder. Ihr habt recht", sagt Lena. "Artikel 31 besagt: Bundesrecht vor Landesrecht."

Das Verfassungs-Quiz ist nur einer von vielen Programmpunkten der Festveranstaltung "70 Jahre Grundgesetz". Hunderte Frankfurter Jugendliche aus vier verschiedenen Schulen sind in die Paulskirche gekommen. Aber sie feiern nicht nur den Geburtstag der deutschen Verfassung, sie resümieren, blicken in die Zukunft. Das HR-Fernsehen überträgt live im Fernsehen.

Programm mitgestaltet

Ab 10 Uhr ist der geschichtsträchtige Ort für zwei Stunden in der Hand der Schüler. Im Vorfeld haben sich 100 von ihnen intensiv mit dem Grundgesetz auseinandergesetzt, das Programm des Tages mitgestaltet. Ihre Aufgabe war, die Bedeutung des Grundgesetzes für das Zusammenleben in einer offenen, demokratischen Gesellschaft herauszuarbeiten. Nun geben sie ihr Wissen weiter, diskutieren. Die Schüler sind Moderatoren, Quizmaster, Poetry-Slammer, Experten.

Die Idee vor allem mit den Menschen zu feiern, die maßgeblich ander Zukunft des Grundgesetzes mitwirken werden, kam durch die Initiative der Stiftung Polytechnische Gesellschaft und der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Schon vor knapp eineinhalb Jahren begann die Programmplanung. Nun stehen die Jugendlichen vor dem Publikum und werden kräftig von ihren Mitschülern für ihre Leistungen angefeuert.

"Warum kämpfen für das, was man schon hat? Weil es flüchtig ist." Anna Knechtel, ehemalige Schülerin der Liebigschule trägt einen Poetry-Slam mit dem Titel "Unveräußerlich" vor. Die Stimme nutzen. Aktiv sein, statt passiv, ist ihre Botschaft an das Publikum. Es applaudiert.

Poetry-Slammerin Anna Knechtel, ehemalige Frankfurter Schülerin, trägt dem Publikum ihren Text "Unveräußerlich" vor.

Im Podiumsgespräch mit F.A.Z.-Mitherausgeber Werner D´Inka, erklären Maryam Ayoub, Frederik Hirsch, Amin Tarazzit und Mika Winn, warum das Grundgesetz auch heute noch wichtig und zeitgemäß ist. Aber auch wie es sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt hat und weiterhin muss. "Das Grundgesetz ist ein Spiegelbild der Gesellschaft", sagt die 18 Jahre alte Maryam Ayoub.

Schüler sind Moderatoren

Beim Expertengespräch werden die Rollen dann getauscht. Die Schüler stellen die Fragen. "Wird das Grundgesetz noch in 70 Jahren Bestand haben?", fragt der 16 Jahre alte Mats Klein Dr. Jelena von Achenbach, Verfassungsrechtlerin an der Universität Gießen. Nicht, wenn es nicht von allen geschützt wird, merkt die Juniorprofessorin an. "Die gesellschaftlichen Bedingungen sind wichtig für die Stabilität des Grundgesetzes." Studentin Flora Fülle (19) will dagegen von Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, wissen, ob das Grundgesetz Relevanz hinsichtlich der EU hat. "Es ist wichtig, Partner in der ganzen Welt zu haben, die diese Werte weitertragen", sagt er.

Ex-OB Petra Roth hat immer ein kleines Grundgesetz mit dabei.

Am Ende sind sich alle einig: Das Grundgesetz ist keinesfalls langweilig, sondern lebendig, modern und entwicklungsfähig. Mats und auch Flora sind zufrieden. "Das war mega spannend und hat viel Spaß gemacht", sagt Flora nach der Veranstaltung. Lange haben sich beide vorbereitet, Moderation und Rhetorik geübt. "Wir haben so etwas noch nie gemacht. Das war eine große Erfahrung", sagt Mats. Für beide eine erfolgreiche Veranstaltung, die das Grundgesetz mehr in das Bewusstsein gebracht hat. "Das war eine tolle gemeinsame Arbeit zwischen uns, den Jugendlichen, den Lehrern und der Stadt", sagt Roland Kaehlbrandt, Vorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. "Man hat gespürt, dass sich die Jugendlichen sehr mit dem Thema beschäftigt haben", sagt Frank-Jürgen Weise, Vorsitzender der Herti-Stiftung. Dem stimmt auch Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) zu. Es wurde gezeigt, dass "das Grundgesetz nicht etwas verstaubtes oder veraltetes ist, sondern etwas lebendiges, für das die Menschen eintreten", sagt er. Gerade bei solchen Veranstaltungen aber auch durch die Fridays for Future-Demonstrationen, sei zu erkenn, dass die junge Generation keinesfalls unpolitisch ist.

von Svenja Wallocha

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