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Das Vermieter-Ehepaar Elke und Ralf Kauer vor dem Zaun ihres Hauses. Die Zettel, auf denen die Mieter über die Vermieter schimpfen, haben sie selbst aufgehängt – um die aus ihrer Sicht absurden Vorwürfe öffentlich zu machen.

"Die müssen doch plemplem sein!"

Sachsenhausen: Streit zwischen Vermieter und Mieter eskaliert

Am Zaun eines Mietshauses in der Thorwaldsenstraße hängen seit Monaten Schilder, die jedem Passanten klar machen sollen: Hier ist ein Streit zwischen Vermieter und Mieter eskaliert.

Frankfurt - An wen sind diese vielen Schilder eigentlich gerichtet? 159 Schilder mit Botschaften „zieren“ den eisernen Zaun rund herum bis zur Garage. Wer verfasst sie und hängt sie auf? Zwei Kostproben: „Laut einem Mieter ist der Hauseigentümer unverschämt. 

Unfassbar!“, „Hier im Hause wird der Hauseigentümer von Mietern abgemahnt. Realer Irrsinn!“ Und: „Laut einem Mieter erscheinen der Hauseigentümer und seine Familie ständig unangemeldet!“ Was ist da los?

Frankfurt: Streit zwischen Mieter und Vermieter eskaliert

Die Hauseigentümer selbst sind es, die sich auf diese Weise gegen einen oder mehrere Mieter zu wehren versuchen, die ihnen das Leben schwer machen. Elke und Ralf Kauer (51 und 57) aus Bad Vilbel sprechen so offen darüber, wie ihre Schilder es tun: „Wir wissen nicht, was wir tun sollen. 

Die Schilder sind ein Ventil für uns. Wenn Sie ständig und immer wieder mit Briefen und Anwaltsschreiben traktiert werden, dann platzt ihnen irgendwann der Kragen“, sagt Ralf Kauer. Was sie mit den Schildern bezwecken, klingt wie ein Hilferuf: „Wir wollen, dass die Passanten das lesen und sich Gedanken machen.“ Zum Beispiel, ob sie meinen, dass sich ein Vermieter bei seinen Mietern anmelden muss, wenn er im Haus nach dem Rechten sieht.

Frankfurt: "Die müssen doch plemplem sein!"

Prompt fragt eine ältere Dame, die aus dem Nachbarhaus kommt: „Was ist da eigentlich los? Die Vermieter müssen doch plemplem sein“, sagt sie, nicht ahnend, dass die Kauers die Vermieter sind. Die Kauers lächeln. „Andere finden die Schilder gut“, sagt Ralf Kauer, „weil endlich mal jemand was sagt.“ Von den Hausbewohnern ist gestern niemand anzutreffen. Die Rollläden im ersten Stock sind unten. 

Der Altbau mit weißer Fassade wirkt sauber, Farbeimer stehen aufgestapelt im Eingang. Nichts weist darauf hin, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Doch die Hauseigentümer berichten von monate-, teils jahrelanger Missstimmung schon zwischen den Vorbesitzern, den Eltern von Ralf Kauer, und den Mietern. Es gehe vor allem von einer Person aus, die versuche, die anderen, neueren Mieter auf ihre Seite zu ziehen. Sie könnten gar nicht mehr einschätzen, welche Mieter gegen sie sind und welche nicht.

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„Uns hat gestört, dass jemand ein Fahrrad am Zaun befestigt hat“, berichtet Elke Kauer. „Dann haben wir ein Schild angebracht, dass das Anbringen von Rädern am Zaun untersagt.“ Aber der Grund für die Streits liege nicht in ihren Wünschen, finden die Kauers, sondern in Forderungen der Mieter, oder mindestens einer Mieterpartei. Laut dem Vermieterpaar passt den Briefeschreibern alles mögliche am Haus nicht, von den Renovierungsarbeiten bis zu den Eimern vor dem Haus bis zu dem Wiesenstück, das „karg wie eine Wüste“ sei. 

„Die Mieter tun so, als ob sie über das Haus entscheiden könnten. Dabei treffen doch die Hausbesitzer die Entscheidungen“, sagt Kauer verzweifelt. „Es werden Mietminderungen gefordert wegen diesem und jenem. Was sollen wir da machen?“ Die Mülltonnen stünden am falschen Platz, obwohl sie gerade noch versetzt worden waren, weil sich Mieter beschwert hatten, dass sie bis zum Garagenhof zum Müll laufen müssten. „Jetzt stehen die Tonnen vor dem Haus, und wir kriegen Beschwerdebriefe, weil es stinkt“, sagt Kauer. Ja, man habe sich sogar schriftlich beschwert, weil die Vermieterfamilie vor einem Hausbesuch bei McDonald’s vorbeigefahren war und das Essen im Auto sitzend verspeiste.

Verfahrener Dauerstreit

Sie seien selbst keine Juristen und leiteten alles an ihre Anwältin weiter – die sei ständig beschäftigt, immer längere Antwortbriefe zu verfassen. An eine Aussprache sei nicht mehr zu denken. „Die wollen gar nicht mit uns einig werden“, meinen beide. Der einzige Wunsch der Kauers ist, dass die Mietpartei endlich auszieht.

Ein derartig verfahrener Dauerstreit sei ungewöhnlich, sagt Jürgen Conzelmann, Vorsitzender des Vermietervereins Haus und Grund. „Normalerweise verhandeln so etwas die Juristen der Mieter- und Vermietervereine.“ Den Kauers rät er dringend, sich beraten zu lassen.

Von Stefanie Wehr

Kommentar von Stefanie Wehr: Streit muss lösbar sein

Der Streit mutet skurril an. 159 Schilder, auf denen Vorwürfe der Mieter an die Hausbesitzer aufgelistet werden, prangen um das ganze Haus herum. Erst auf den zweiten Blick, nach einem Gespräch mit den Hausbesitzern, wird klar: Hier ist offenkundig jemand verzweifelt und versucht, halb scherzhaft, halb anklagend, auf sein Leid aufmerksam zu machen. Und die Mieter mit deren eigenen Waffen anzugreifen und zu ärgern. Kann ein Mietverhältnis so verfahren sein, dass man nur noch über Anwaltsbriefe und Botschaften am Zaun kommunizieren kann? Man möchte meinen: Das muss sich in einem Gespräch doch ausräumen lassen. Aber wie in einem Rosenkrieg sind Verletzungen, Forderungen und oft auch Missverständnisse irgendwann nicht mehr auflösbar. Da hilft es nur, möglichst früh offen auf ein klärendes Gespräch zu drängen oder das Ganze, wenn das nicht geht, einem Juristen zu übergeben, der die Kommunikation übernimmt – mit dem Ziel der Befriedung.

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