+
Die WC-Anlage unterm Paulsplatz ist vielen Touristen unbekannt.

Öffentliche Toiletten

WC-Mangel in Frankfurt: Wie will die Stadt das Problem lösen? – Gesamtkonzept fehlt

Die neue Altstadt ist ein Besuchermagnet. Die steigende Zahl an Touristen spült nicht nur Geld in die Kassen, sondern auch ein anrüchiges Thema nach oben: den Mangel an öffentlichen Toiletten. 

Frankfurt.Die Chinesen sind da: Vor der "Goldenen Waage" stehen sie und fotografieren, was die Linse hergibt, haben gerade den Dom besichtigt - und suchen nun ein noch stilleres Örtchen. Sie stehen vor dem Restaurant "Cucina delle Grazie", dort steht auf selbstfabrizierten Schildern: "Toilets only for our Guests" (Toiletten nur für unsere Gäste). Inhaber Claudio Fiorentino will so "fremde" WC-Gänger abhalten und verweist auf die öffentliche WC-Anlage auf dem Paulsplatz. Doch diese ist rund fünf Minuten Fußweg entfernt und der Weg nicht ausgeschildert. Etwa 8000 Touristen kommen organisiert täglich in die neue Altstadt. Und von diesen "müssen" auch viele mal. An einem normalen Samstag drängen sich vom Vormittag bis zum Abend bis zu 55 Führungen durchs Quartier.

Nur 57 öffentliche WC-Standorte im gesamten Frankfurter Stadtgebiet – Stadt muss nachbessern

"Alle Lokalbetreiber hier ärgern sich sehr über fehlende öffentliche WCs", heißt es im Café des Frankfurter Kunstvereins am Römerberg. Im "Römer Bembel" vis-à-vis vom Rathaus sagt Kellner Todor Kikiazov, öffentliche Toiletten fehlten hier "schon lange", nicht erst seit der Eröffnung der neuen Altstadt. Auf dem Römerberg feiere man die Eintracht und viele große Feste: Er habe bei Ansturm schon die Tür abgeschlossen. "Am schlimmsten ist es beim Weihnachtsmarkt. Da wird auch ans Haus gepinkelt." Auch Giuseppina Clavelli, Shop-Managerin im "Einstein Kaffee", nennt die Lage "eine Katastrophe".

Dass die Stadt nachbessern muss, weiß Jan Schneider (CDU), Dezernent für Bau und Immobilien (ABI) spätestens, seit die Stadt in einer Statistik anlässlich des UN-Welttoilettentags (2013, am 19. November) nur auf Rang acht unter zehn deutschen Großstädten landete, was WCs im öffentlichen Raum betrifft. Rein rechnerisch kommen danach etwa 13.000 Frankfurter auf eine öffentliche Toilettenanlage. Es gibt aber nur 57 WC-Standorte.

Mindestzahl an öffentlichen Sanitäranlagen nicht gesetzlich vorgeschrieben – Leistung freiwillig

Der Verein Deutscher Ingenieure empfiehlt ein öffentliches WC pro 5000 bis 10.000 Einwohner. Eine Mindestanzahl öffentlicher Sanitäranlagen ist aber nicht gesetzlich vorgeschrieben. Und für freiwillige Leistungen geben Städte am liebsten nicht allzu viel Geld aus. Der Betrieb der WC-Anlage an der Konstablerwache kostet Frankfurt um die 20 000 Euro im Monat, die Anlage an der Hauptwache wegen des Nachtbetriebs im Winter sogar 35 000 Euro. Die Nachbarstadt Wiesbaden versucht es dagegen mit Sponsoring: Ein Unternehmen finanziert Örtchen und vermietet Werbeflächen. Das soll 1,5 Millionen Euro Einnahmen pro Jahr generieren.

Am ersten Frankfurter Toiletten-Gesamtkonzept arbeitet Ariane Immen seit bereits etwa sechs Monaten in Schneiders Dezernat. Sie stellte kürzlich im Planungsausschuss nur einen Zwischenstand vor, was viele Mitglieder nicht zufriedenstellte. Wissen sie doch längst, dass 2017 bei einer Online-Umfrage der Stadt rund 13 000 Bürger 179 Standort-Vorschläge machten, von denen die Stadt erst 84, nach Prüfung nur 23 als geeignet akzeptierte. Denn immer sind Baurecht, Eigentumsverhältnisse und mögliche Anschlüsse ans Wasser- und Stromnetz zu beachten.

Werden Betriebstoiletten für Bus- und U-Bahnfahrer der Allgemeinheit zugänglich gemacht?

Das Problem: Einige Toiletten verwaltet das Liegenschafts-, andere das Grünflächenamt. Dazu gibt es sogenannte Vertragstoiletten, die Restaurants oder Ausflugslokale betreiben, etwa das "Oosten" am Hafenpark. "Dort war die Vertragsregelung mit dem Pächter einfach, denn das Grundstück gehört der Stadt", erklärt Günter Murr, Schneiders Referent. Inzwischen überlege man sogar, Betriebstoiletten etwa für Bus- und U-Bahnfahrer für die Allgemeinheit zu öffnen. "Wir ermitteln neben dem genauen Bestand auch den Bedarf an öffentlichen WCs", sagt Murr. Mehr als 450 Standorte seien dies. "Wir prüfen, welche davon einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können", sagt Schneider. Er will mehr Vertragstoiletten.

Das tut not. Denn bei schönem Wetter tummeln sich allein am Main tausende Menschen, doch seit Jahren gibt's nur eine Toilettenanlage am Sachsenhäuser Ufer im "Maincafé". Es ist nur sommers geöffnet. Auch am Bornheimer Hang fehlen WCs. Dort machen Hunde und Kinder ins Gebüsch. Kleingärtnern stinkt's, dass sich viele im öffentlichen Park entlang der Kettelerallee erleichtern. Dasselbe gilt für den Ostpark.

Dixie-Klos keine Alternative zu öffentlichen WC-Anlagen

Laut Murr sind Dixie-Klos keine Alternative, auch hier seien Nutzerfrequenzen und Anfahrtswege wegen der Leerungen zu beachten. Festen Neubauten an den Mainufern stehe der Hochwasser- oder der Denkmalschutz entgegen. Hübscher sind die hölzernen Öko-Klohäuschen von Elisabeth und Séverine Felt. Sie stiegen mit der Firma Nowato (No Water Toilets) 2011 als Erste in Deutschland in die Vermietung mobiler Komposttoiletten ein. Sie stehen im Botanischen Garten, im Wissenschaftsgarten Riedberg, an einem Kiosk, beim Sommerwerft-Theaterfestival sowie im Umland. Sägespäne unterbinden Gerüche.

Eher "anrüchig" finden Bürger, offene Pinkel-Boxen nach Pariser Vorbild etwa im Bahnhofsviertel aufzustellen, wo es vielerorts nach Urin stinkt. Claudia Gabriel, Leiterin der Stabsstelle Sauberes Frankfurt, bezweifelt, ob dies das richtige Einsatzgebiet ist. Denn Drogendealer und -konsumenten nutzten fast alles, um Depots anzulegen.

Sprecher Murr kündigt mehr Info-Schilder an, die auf öffentliche WCs hinweisen. Zudem werden diese Infos auch digitalisiert inklusive Karten und Öffnungszeiten, um per "open data" online und etwa für Apps verfügbar zu sein.

Von Ute Vetter

Kommentar von Ute Vetter: Der Mensch hat Bedürfnisse 

Ute Vetter

Frankfurt wächst, verzeichnet Zuwachsraten bei Einwohnern und Touristen. Neben dem Stolz auf die Attraktivitätsteigerung spielt auch das Monetäre eine Rolle: Jeder Gast kauft ein, geht essen, übernachtet womöglich, fährt Taxi oder leiht ein Fahrrad, besucht Museen, Konzerte und Geschäfte - und die Mundpropaganda mehrt den Ruhm noch. Die meisten Frankfurter sind stolz auf ihr Metropölchen, das sich eine 250 Millionen Euro teure neue Altstadt zwischen Dom und Römer gönnte, die alle Besuchererwartungen übertrifft. 

Doch zeigt sich hier, dass eine prosperierende Stadt das "Klein-Klein" niemals vergessen sollte: Wo viele Menschen sind, gibt's Bedürfnisse. An die Integration des U-Bahn-Halts wurde gedacht, auch an einen Behindertenaufzug am Krönungsweg - doch an öffentliche WCs nicht. Man vertraute auf die rund 500 Meter entfernte Anlage auf dem Paulsplatz. Das rächt sich jetzt. Die Leidtragenden sind die Gastronomen, sie legen bei Wasser, Strom und Papier drauf, wollen es sich nicht mit Kunden verscherzen. Die Stadt muss neue WCs aufstellen, bauen oder in Lokalen "mieten". Und zwar flott. Denn was muss, das muss...

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare