+
Redakteurin Julia Lorenz im Gespräch mit Hans Werner Jorda.

Montagsinterview

Auf welche Schule soll mein Kind? Ein Gespräch über die richtige Wahl

  • schließen

Natürlich wollen alle Eltern nur das Beste für ihr Kind – und das ist in ihren Augen meist das Gymnasium. Warum das so ist, darüber hat Redakteurin Julia Lorenz mit Hans Werner Jorda, dem Leiter der Fürstenbergerschule, einer Realschule im Nordend, gesprochen. Ein Gespräch über den Gymnasialwahn von Eltern, das Scheitern von Kindern und anderen Wegen zum Glück.

„Das Leben fängt mit dem Abitur erst an!“ So lautete ein beliebter Spruch in den 70er Jahren. Der Satz ist aber immer noch ziemlich aktuell. Oder?

HANS WERNER JORDA: Der Satz ist damals entstanden, als man auch sogenannten Arbeiterkindern das Abitur ermöglichen wollte. Seitdem wurde die Quote der Kinder, die nach der Grundschule auf das Gymnasium gehen, peu à peu höher. Heute liegt sie in Frankfurt bei über 50 Prozent. Das ist natürlich eine Zahl, mit der man als Bildungspolitiker punkten kann. Aber das ist Schaufensterpädagogik.

Wie meinen Sie das?

JORDA: 20 Prozent der Kinder, die in Frankfurt mit dem Gymnasium beginnen, enden dort nicht. Sprich: Jedes fünfte Kind schafft es nicht bis zum Abitur.

Zur Person: Hans Werner Jorda ist Südtirol-Liebhaber und Rennradfahrer

Warum sind die Eltern denn so auf das Gymnasium fixiert?

JORDA: Weil Frankfurter Kinder genetisch gymnasial angelegt sind (lacht). Spaß beiseite. Eltern definieren ihren Sozialstatus über die Gymnasialzugehörigkeit ihres Kindes. Mütter sagen an der Supermarktkasse heutzutage nicht mehr, mein Kind geht auf die Realschule. Dann drucksen sie lieber herum. Das ist ja auch mit ein Grund, warum die Hauptschulen, obwohl sie richtig gute Arbeit gemacht haben, abgeschafft werden.

Lesen Sie auch:  Eltern von Viertklässlern müssen sich jetzt entscheiden, auf welcher Schule es für ihre Kinder weitergeht

Sie haben es ja schon angesprochen: Nicht alle Kinder schaffen es bis zum Abitur. Und dann?

Das Handwerk klagt über Nachwuchsmangel. Und viele Studenten sind überfordert. Hans Werner Jorda appelliert vor allem an Eltern, die Fähigkeiten ihrer Kinder richtig einzuschätzen.

JORDA: Dann klingeln von März bis Mai in jedem Jahr die Telefone in den Realschulen heiß. Zu dieser Zeit sind Eltern oder Gymnasialschulleiter auf der Suche nach einem Platz für ihre Schützlinge, die in der neunten Klasse zum zweiten Mal sitzen bleiben. Im vergangenen Jahr hatte ich ungefähr 40 Anfragen, zwei Schüler konnten wir aufnehmen. Vor einigen Jahren haben wir an der Fürstenbergerschule eine komplett neue neunte Klasse gebildet, mit nur ehemaligen Gymnasialkindern.

Was bedeutet der Wechsel vom Gymnasium auf die Realschule für die Kinder? Wie verkraften sie das?

JORDA: Es beschädigt sie. Sie konnten die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Sie sind gescheitert. Sie fühlen sich als Verlierer. Wir brauchen etwa zwei Jahre, bis wir sie wieder aufgebaut haben.

Keiner möchte Handwerker werden

Es muss aber doch auch nicht jeder Akademiker werden. Wir brauchen doch auch Handwerker.

JORDA: Keine Chance. Selbst wenn die Schüler ein erfolgreiches Praktikum in einem Handwerksbetrieb gemacht haben und die Betriebe sich anschließend bei mir melden, damit ich die Schüler überzeuge, eine Ausbildung zu beginnen. Wenn nach der zehnten Klasse fünf von 60 Schülern eine Ausbildung beginnen, ist das schon viel. Und bitte nur Weiße-Kragen-Berufe.

Aus Ihrer Erfahrung heraus: War das früher auch schon so?

JORDA: Die Realschulen waren früher die klassischen Schulen für eine Ausbildung. Ich selbst habe auch auf einer Realschule meine mittlere Reife absolviert. Das war 1969. Von 28 Schülern damals haben 26 eine Lehre begonnen, zwei sind aufs Gymnasium gegangen. Einer davon war ich. Heute ist es umgekehrt. Das liegt aber auch an der Reife unserer heutigen Schüler.

16-Jährige wollen keine Berufe lernen

Wie meinen Sie das?

JORDA: Fragen Sie heute mal einen 14-Jährigen, was er nach der Schule machen will. Der versteht gar nicht, warum man ihm jetzt schon diese Frage stellt. Sie wollen ja auch nicht von zu Hause ausziehen. Ich war damals nach dem Abitur und der Bundeswehr jedenfalls nicht mehr in meinem Elternhaus. Heute leben die jungen Menschen bis 25 und länger bei Mama und Papa. Das ist doch weniger anstrengend. Und dann sagen Sie einem 16-Jährigen doch mal, er soll einen Beruf lernen. Völlig ausgeschlossen.

Aber ist es dann nicht auch einfach zu früh, sich schon nach der vierten Klasse entscheiden zu müssen, ob man auf eine Gesamtschule, ein Gymnasium oder eine Realschule gehen will?

JORDA: Bei dieser Frage gehen die Meinungen weit auseinander. Da gibt es diejenigen, die sagen, die Grundschulzeit muss verlängert werden, weil es sich erst viel später entscheidet, ob jemand in die eine oder andere Richtung tendiert. Und dann gibt es diejenigen, die die Kinder so schnell wie möglich trennen wollen, weil es Kinder gibt, die schnell lernen, die nach vorne wollen, aber von anderen gebremst werden. Das frustriert natürlich.

"Die Grundschulen in Frankfurt haben unendlich viel Arbeit, die Kinder auf ein erträgliches Niveau zu führen"

Welcher Meinung sind Sie?

JORDA: Ich gehöre zu letzterer Gruppe und bin der Meinung, das Gymnasium sollte zur Elitebildung beitragen, die Spitzen im Land ausbilden, und nicht in die Breite gehen. Deshalb sollten die besten Kinder nicht noch weitere zwei Jahre in der Grundschule bleiben, vor allem nicht in Frankfurt, wo viele Kinder keine Weltmeister im Lernen sind und die Grundschulen unglaublich viel Arbeit haben, die Kinder auf ein erträgliches Niveau zu führen.

"Kinder für ein Gymnasium fit zu machen, ist in machen Frankfurter Stadtteilen sehr schwer."

Die Aussage ist hart.

JORDA: Ich meine das nicht böse. Aber es gibt viele Kinder in der vierten Klasse mit einer katastrophalen Rechen- und Rechtschreibleistung. Sie können oftmals selbst nicht lesen, was von ihnen geschrieben wurde. Dafür können die Lehrkräfte allerdings nichts. Sie sind frustriert, weil sie sich darum kümmern müssen, dass ihre Schüler im Winter nicht im T-Shirt in die Schule kommen, dass sie ein Frühstück dabei haben, dass sie zu Hause einen Schreibtisch haben oder dass sie überhaupt zum Unterricht erscheinen. Da bleibt für das Lernen erst einmal nicht so viel Zeit. Sie fit zu machen für ein Gymnasium ist in manchen Frankfurter Stadtteilen eben sehr schwer. Das hat auch nichts mit Migration zu tun, sondern ist eine Frage der Schichtzugehörigkeit.

Das heißt: Das Westend-Kind ist eher befähigt aufs Gymnasium zu gehen als das Kind aus der bildungsfernen Familie?

JORDA: Absolut. Fragen Sie mal, wo ein Buch gelesen wird. Buch lesen ist ein klassisches Zeichen für eine Gymnasialzugehörigkeit.

Nur Einser- oder Zweierschüler sollen aufs Gymnasium

Wo wir bei der Frage wären: Welche Kinder sind denn geeignet, ein Gymnasium zu besuchen?

JORDA: Das lässt sich leicht definieren. Gymnasialkinder sollten ein Einser- oder Zweier-Zeugnis haben. Mit der Note „ausreichend“ in Mathe kann man kein Gymnasium besuchen. Zudem müssen die Kinder aus eigenem Antrieb, aus Neugierde über einen längeren Zeitraum, ohne sich ablenken zu lassen, lernen können. Wenn man ein Kind indes jede Viertelstunde ermahnen muss, dass es nicht aus dem Fenster schauen soll, dann gehört es eher nicht aufs Gymnasium.

Aber zum Abitur führt ja nicht nur der Weg über das Gymnasium.

JORDA: Man kann auch erst die Realschule besuchen und nach der zehnten Klasse auf das Gymnasium wechseln. Man kann aber auch erst eine Ausbildung machen und dann das Abitur. Alles ist möglich.

Sind denn alle Kinder für die Realschule geeignet?

JORDA: Mitnichten. Auf die Realschule kann nicht jeder. Wir sind die Schule für Kinder mit einem Zweier- und Dreier-Zeugnis. Mit der Vier in Mathe wird es auch bei uns knapp.

Mal abgesehen vom Leistungsniveau: Was ist denn der Unterschied zwischen der Realschule und dem Gymnasium?

JORDA: Realschulen haben eine überschaubare Größe. Statt 1200 Schüler gibt es bei uns nur 400 bis 500. Zudem wird bei uns besonders viel Wert auf die Beziehungsarbeit gelegt. Lernen gelingt am besten, wenn die Beziehung stimmt. Wenn der Lehrer vor der Klasse steht und es eine Verbindung zwischen ihm und den Schülern gibt, dann steigt die Lernbereitschaft. Deshalb sind bei uns die Klassenlehrer auch bis zu 15 Stunden in der Woche in ihrer Klasse. Beziehungsarbeit braucht Zeit. Da muss eine Schulstunde notfalls auch mal ausfallen, wenn es einen Konflikt gibt.

Jedes Kind bringt andere Voraussetzungen mit

Gibt es noch mehr Unterschiede?

JORDA: Wir legen viel Wert darauf, die Lernausgangslage bei jedem neuen Fünftklässler zu recherchieren. Jedes Kind bringt andere Voraussetzungen mit. Dies versuchen wir herauszufinden, um dann mit einer entsprechende Förderung zu beginnen. Bei uns an der Schule gibt es außerdem eine fünfte Mathestunde, an dem Fach scheitern die Kinder am ehesten. Dass Kinder überhaupt scheitern, oder dass wir mit dem Lernen nicht vorwärts kommen, das liegt an unserem Bildungssystem. Schulen in Deutschland arbeiten nicht effektiv. Sie sind teilweise mittelalterlich.

Wie würden die Schulen denn besser arbeiten?

JORDA: Ganz anders. Wir planen, einen neuen Weg für die Fürstenbergerschule zu gehen. Wir bekommen nämlich einen Neubau. Deshalb überlegen wir uns natürlich auch, wie die neue Schule gestaltet sein muss? Aktuell fahren wird durchs Land und schauen uns neue Schulmodelle an.

Wie sehen neue Schulen denn aus?

JORDA: Wir müssen weg von den Flurschulen kommen mit abgeschotteten Klassenzimmern. Schulen heutzutage müssen durchgängig transparent sein. Beim Lernen ist Abwechslung gefragt. Die Schüler müssen sich auch außerhalb der Klassenräume bewegen. Notebooks für jeden Schüler. In einer Schule muss man digital arbeiten können, unsere Schüler verbringen einen Großteil des Tages am Smartphone und in Frankfurter Schulen gibt es kein WLAN. Noch Fragen? Es gibt in Deutschland einige gute Schulen, aber in der Summe sind das zu wenig. Und gerade in Frankfurt müssen wir neue Wege gehen, was das Lernen betrifft. Ich war gerade in der Agora/Niekee Schule in Roermond, Holland. Diese Schule sollte man einfach gesehen haben.

Was sieht man da denn?

JORDA: Keine Bücher, keine Klassenzimmer, keine Noten, keinen Zeitplan, alleine und im Team lernende Schüler. Lehrer, die beratend durch die Gänge gehen und schauen, was die Schüler machen. Da ist natürlich auch nicht alles Gold, was glänzt. Die Philosophie lautet: Schüler möchten die Welt entdecken. Lernen muss Spaß machen, Neugierde ist der Motor allen Lernens, und Schüler dürfen Fehler machen! Dabei lernen sie am meisten. Was ist, wenn in einer deutschen Schule jemand einen Fehler macht? Dann bekommt man schlechte Ziffern.

Lernen funktioniert nur, wenn das Interesse da ist

Wie funktioniert richtiges Lernen?

JORDA: Lernen funktioniert nur nachhaltig, wenn man davon überzeugt ist, das ist für mich wichtig, das interessiert mich. Es muss ein entdeckendes Lernen sein, ein selbstständiges Lernen ohne Zeitdruck. Das reproduzierende Lernen ist an seine Grenzen geraten. Das hat früher funktioniert, weil wir lernen mussten. Wir haben auswendig gelernt, immer wieder, weil wir dazu erzogen wurden. Bei der heutigen Schülergeneration geht das nicht mehr.

Fehlt der Ehrgeiz?

JORDA: Ja. Und es fehlt die Bereitschaft, sich anzustrengen. Bei Jungen mehr als bei Mädchen.

Was ist denn die Konsequenz aus dem Gymnasialwahn?

JORDA: Die Konsequenz ist, dass die Qualität des Abiturs heute neu zu definieren und diskutieren ist. Wir brauchen Elite-Bildung und andere Zugänge zur Bildung. Wir können doch heute in diesem Land noch nicht mal mehr einen Flughafen bauen. Wir produzieren Abiturienten inflationär und demonstrieren Unfähigkeit bei der Deutschen Bahn, beim Dieselverbot, bei der Polizei und so weiter. Deutschland verkommt zur Lachnummer. Das hat alles etwas mit Intelligenz und Bildung zu tun. Wie bekommen wir fähige Leute, die das Land irgendwann wieder nach vorne bringen -- unsere übersatte Gesellschaft sollte endlich beginnen, Bildung völlig anders zu gestalten.

In den nächsten Tagen müssen die Eltern von Viertklässlern entscheiden, welche weiterführende Schule ihre Kinder besuchen sollen. Was raten Sie?

JORDA: Die Wunschschule am Tag der offen Tür zu besuchen, auf die Grundschullehrerin zu hören und schon nicht an Nachhilfe zu denken, wenn das mit dem Gymnasium doch nicht klappen sollte.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare