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Viele Verkehrsteilnehmer teilen sich die Straßen und Wege in Frankfurt. Das schafft bisweilen Unfrieden.

Frankfurt

Der Wunsch nach weniger Autos in Frankfurt

Dezernent Oesterling hinterfragt, ob alle Frankfurt-Pendler wirklich mit dem Auto kommen müssen.

Dass die Mobilitätswende schnell kommen muss und dafür dringend ein Konzept nötig ist, ist Konsens bei der Podiumsdiskussion „Frankfurt – autofrei?!“, zu der der Domkreis Kirche und Wissenschaft am Montagabend geladen hat. Der Saal ist bis zum Bersten voll – das größtenteils fahrradbegeisterte Publikum klatscht laut für Ideen für ein autofreies Frankfurt.

Vor Beginn der Internationalen Automobilausstellung (IAA) und angesichts des zunehmenden Bewusstseins der Dringlichkeit der Klimakrise sei der politische Handlungsdruck erhöht, so die Veranstalter – und das gelte speziell für Deutschlands Pendlerhauptstadt Frankfurt. Im Gespräch debattieren Publikum, Politiker und autokritische Initiativen, wie der Wandel hin zu einer nachhaltigen und fairen Mobilität gestaltet werden kann.

Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) weicht der Forderung nach einem umfassenden Konzept zunächst aus. Es sei zwar klar, dass die Bedeutung des Autoverkehrs in der Stadt abnehmen werde. „Aber es gibt eine zunehmende Polarisierung in der Debatte, ein Konsens ist fast unmöglich.“ Deswegen bevorzuge er kleine verkehrspolitische Einzelmaßnahmen wie die Sperrung des Mainkais oder den Ausbau der Radwege.

Frankfurt: Müssen wirklich alle mit dem Auto kommen? 

Das Wort „autofrei“ sei ein polemisches Schlagwort – für Menschen mit Behinderung oder für die Belieferung werde es immer Autos in der Innenstadt geben müssen, ebenso Taxis. Die viel wichtigere Frage ist laut Oesterling, ob all die Pendler wirklich mit dem Auto kommen müssen.

Alexis Passadakis vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac fordert, man müsse „Autos systematisch aus der Stadt verdrängen“. Dagegen hält Joachim Stoll, der Vizepräsident des Handelsverbands Hessen-Süd: Bevor die Innenstadt für Autos gesperrt werden könne, brauche es „zuerst das bessere Angebot“ – den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Er wird vom Publikum später auch gelobt, sich hier in der „Höhle der Löwen“ so gut behauptet zu haben.

Frankfurts Vorbilder: Kopenhagen, Amsterdam und Helsinki

Bei allen Unterschieden wurde gepflegt diskutiert.

Beispiele für Großstädte mit einer nachhaltigeren Mobilität seien Kopenhagen, Amsterdam, Helsinki. „Diese Referenzstädte haben aber viel früher mit der Mobilitätswende angefangen“, so Stadtplaner Alexander Breit, der den Radentscheid vertritt. Der neue Beschluss zum Ausbau der Radwege sei nun ein erster Schritt. „Ich möchte eine andere Atmosphäre – das muss das Ziel sein, eine saubere Innenstadt“, sagt auch Friedhelm Ardelt-Theek vom Aktionsbündnis unmenschliche Autobahn.

Die Moderatorin Elisa Rheinheimer-Chabbi äußert Bedenken, ob in der Diskussionsrunde nicht eher Minderheitenpositionen vertreten seien, Frankfurt sei auch IAA-Stadt. Passadakis kontert: „Die Minderheit kann ja auch recht haben!“ Und angesichts der „Dramatik des Klimawandels“ brauche es schnell ein klares Konzept – „vielleicht eher 0,05 Parkplätze pro Wohnung“, worauf das Publikum freudig klatscht. Der Attac-Vertreter fordert schnelle symbolische Veränderungen und massiven Druck gegen die mächtige Autolobby. So schlägt er ein SUV-Verbot in der Innenstadt vor. Die IAA solle nicht mehr in Frankfurt stattfinden. „Es muss Schluss sein mit dem Feiern von Autokultur – es braucht eine Anti-Auto-Politik, die das Auto als Statussymbol kritisiert.“

„Wir dürfen die Leute nicht an der Nase herumführen“ 

Der Einzelhandelssprecher Stoll führt aus, dass das Klima nicht dadurch gerettet werde, dass Frankfurt autofrei wird: „Wir dürfen die Leute nicht an der Nase herumführen. Die Menschen müssen auch mitkommen beim Wandel.“ Der Vizepräsident des Handelsverbands hofft auf die nächste Generation für die Mobilitätswende. „Wir brauchen eine Diskussion unter Einbeziehung von Handwerkern, Wirtschaft und Industrie.“ Problematisch bei allen stadtplanerischen Ideen sei die lange Umsetzungsdauer, die beschleunigt werden müsse. Verkehrsdezernent Oesterling stimmt zu.

Mit den Fragen aus dem Publikum wird die Dringlichkeit der Mobilitätswende deutlich. Die Teilnehmenden verlangen ein neues Verkehrskonzept, das Frankfurt zum Vorreiter mache. So beispielsweise ein 365-Euro-ÖPNV-Jahresticket für alle, um die Menschen für Bus und Bahn zu motivieren. Laut Stadtrat Oesterling sei das mit der hessischen Landesregierung aber nicht möglich, es gebe kein Geld.

„Skandal ersten Ranges“ 

Auch die Ampelschaltung in Frankfurt wird stark kritisiert, Autos seien systematisch bevorzugt. „Fußgänger und Radfahrer riskieren jeden Tag ihr Leben. Und das ist undemokratisch – ich als Minderheit möchte geschützt werden!“, sagt eine Frau aus dem Publikum. Unter großem Applaus fügt Friedhelm Ardelt-Theek vom Aktionsbündnis unmenschliche Autobahn an, dass es für die Sicherheit in Frankfurt zumindest ein Tempo-30-Limit geben müsse, es sei „ein Skandal ersten Ranges, dass Lkw mit über 30 durch die Stadt fahren“.

Stadtplaner Breit macht allerdings Hoffnung: „Alle hier auf dem Podium haben sich für den Ausbau der Radwege und des ÖPNVs ausgesprochen.“ Der Verkehrsdezernent schließt sich an: „Aber jeder muss selbst gucken“ – der Mobilitätswandel sei auch Aufgabe der Einzelnen. Oesterling selbst habe keinen Führerschein, kein Auto.

Zum Abschluss der Runde sagt Stadtplaner Breit vom Radentscheid, dass sich nun schnell etwas im Stadtbild sichtbar verändern müsse. Die Sperrung des Mainufers sei ein wichtiger Schritt gewesen, dieses müsse jetzt aber auch „von der Öffentlichkeit in Beschlag genommen werden“. Es müsse vorgeführt werden, wie eine andere Stadt genutzt und belebt werden kann.

Sabrina Butz

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