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Hunderte Motorradfahrer nehmen an Gedenkfahrt in Frankfurt teil. 

Für Unfallopfer: Korso durch Frankfurt

Hunderte Motorradfahrer besuchen Gedenkgottesdienst in der Innenstadt

Aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet treffen sich jedes Jahr Motorradfahrer beim Abschluss der Saison, um all jenen, die auf ihren Maschinen gestorben sind, zu gedenken. Zum 39. Mal kamen am Sonntag Hunderte an der St. Katharinen-Kirche zusammen.

Frankfurt - Wenn zwischen Rebstockgelände und Stadtmitte der Autoverkehr an einem Sonntag kurzfristig fast lahmgelegt wird, weil Hunderte brummende, dröhnende und blubbernde Motorräder aller Marken im Konvoi fahren, ist das Ende der Motorradsaison nah. In Lederkluft und Jeans, mit roten, weißen und schwarzen Helmen, in Karohemd, T-Shirt, Weste, mit Anorak oder Biker-Jacken, mit festen Stiefeln oder High-Heels fahren die Motorräder in Polizeibegleitung ins Stadtzentrum. 

Sie fahren langsam und bedacht zum 39. Gedenkgottesdienst zur St. Katharinenkirche. Die Glocken läuten laut, als die Maschinen auf dem Goetheplatz zum Stehen kommen. Es ist ein ungewöhnlicher Anblick, wenn Hunderte Motorradfahrer zu Fuß und den Helm in der Hand ein Gotteshaus betreten.

Frankfurt: Motorradfahrer gedenken Unfallopfern der Saison

„Ich bin seit Anfang dabei“, sagt der bärtige Ago (69), der seinen Helm mit einer schwarzen Baskenmütze getauscht hat. Er trägt eine Zimmermannshose „weil’s einfach bequem ist und mit den neuen Kunststoffklamotten ohne weiteres mithalten kann“. Ago ist Mitglied im Verband Christlicher Motorradfahrer (VCM), der gemeinsam mit der Motorradfahrer-Seelsorge der Evangelischen Landeskirchen Hessen und Nassau den Gedenkgottesdienst veranstaltet. 

„Es geht immer unter die Haut“, so der ehemalige Büromaschinenmechaniker bei den Adlerwerken, der seit 1966 Motorrad fährt. Damit meint er die Verlesung der Namen der Menschen, die im vergangenen Jahr auf dem Motorrad ums Leben gekommen sind. „Auch die Angehörigen der Opfer kommen und das ist bewegend. Man will sie trösten“, sagt er.

Gottesdienst in Frankfurt: Motorradfahrer fahren am 39. Gedenkgottesdienst zur St. Katharinenkirche

Die Kirche ist komplett gefüllt. Vor dem Altar liegen Motorradhelme. Darauf stehen Sonnenblumen. Angehörige erkennt man sofort. Sie tragen keine Motorradausrüstung und senken den Blick, als die achtköpfige Band „Fishermans Friends“ das Lied „Lay Your Worry Down“ spielt und singt. „Sorge Dich nicht“, heißt das. Einige Frauen und Männer haben Tränen in den Augen. Ihre Trauer ist tief. Einige sind im Rollstuhl gekommen. Auch sie hatten Motorradunfälle. Sie haben überlebt mit Schwerstverletzungen.

„Überleben“ heißt das Motto des Gottesdienstes. Bikerpfarrer Thorsten Heinrich spricht von „Bewegung und Innehalten“. Die Bewegung mit dem Motorrad für die passionierten Fahrer, das Innehalten für die Angehörigen, die ihre Söhne, Partner oder Freunde auf dem Bike verloren haben. „Wir treffen uns hier, weil wir die Saison überlebt haben. Weil wir weiterleben. Wir treffen uns hier, weil wir die Trauer überwinden müssen. Weil wir leben. Weil wir überleben“, sagt er. Der Pfarrer ist selbst Motorradfahrer. „Ich trage einen Organspende-Ausweis bei mir. Damit andere überleben, wenn ich nicht überlebe.“ Auch das stärke den Glauben an das ewige Leben.

Gedenkgottesdienst in Frankfurt: 6 Männer und zwei Frauen auf Motorrad gestorben

Pfarrer Heinrich erinnert daran, was für Bilder im Kopf entstehen, wenn eine Todesmeldung kommt. „Was war wohl der Grund, fragt man sich an der Stelle, an der man selbst gerade erst vorbei gefahren ist. Da erstarrt einem das Blut in den Adern. Dort zu sterben ist kein Naturgesetz. Die Frage, ob es ein Fahrfehler war, Selbstüberschätzung oder zur falschen Zeit am falschen Ort, bleibt.“ Er liest 68 Namen vor. 66 Männer und zwei Frauen, die seit dem 22. August 2018 mit dem Motorrad ums Leben kamen. „Lukas und Niels-Arne waren erst 18 Jahre alt. Georg-Josef 81.“

Ago hat bis heute jeden Unfall überlebt. „Es gab etliche und heftige darunter, wo jeder dachte, dass ich aufhöre. Das Motorradfahren ist ein Virus. Den hat man, oder man lässt es sein.“

Von Sabine Schramek

Nach dem Anschlag in Halle trafen sich Menschen in Frankfurt zur Mahnwache vor der Westend-Synagoge und dem Römer.

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