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Frankfurt: "Ich mache keine Selfies"

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Von: Sabine Schramek

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Volker Schlöndorff gehört zu den wenigen deutschen Filmemachern, die einen Oscar gewonnen haben. Nun hat er einen Dokumentarfilm über einen interessanten Mann aus Australien gedreht - mit einer Botschaft, die man gut gebrauchen kann. FOTO: leonhard hamerski
Volker Schlöndorff gehört zu den wenigen deutschen Filmemachern, die einen Oscar gewonnen haben. Nun hat er einen Dokumentarfilm über einen interessanten Mann aus Australien gedreht - mit einer Botschaft, die man gut gebrauchen kann. © Hamerski

Regisseur Volker Schlöndorff stellt Filmessay "Der Waldmacher" vor

Mit 83 Jahren ist der Filmregisseur, Drehbuchautor, Filmproduzent und Oscar-Preisträger ("Die Blechtrommel", 1980) Volker Schlöndorff unterwegs wie eh und je. Zum ersten Mal hat er einen Dokumentarfilm gedreht. In Afrika. Ohne Drehbuch und mit fünf Monaten im Schneideraum. Lässig die Hände in den Hosentaschen, mit dunkelblauem Jackett, Schal, Sonnenbrille, Hut und bunt geringelten Socken, die zwischen braunen Halbschuhen und anthrazitfarbenen Hosen hervorblitzen, steht er vor dem Harmonie-Kino in Sachsenhausen, in dem "Der Waldmacher" läuft. "Es ist ausverkauft", sagt er anerkennend und grinst. "Zumindest, wenn ich da bin."

"Ich weiß nicht, ob ich zurzeit mehr Kilometer zu 44 Kinos in ganz Deutschland fahre als bei den Drehs in Afrika", sagt er dann und lacht. "Dort sind wir auch viel geflogen. Die Strecken sind oft viel zu weit zum Fahren." Zwölf Wochen lang ist er mit dem "Waldmacher" und Träger des Alternativen Nobelpreises, Tony Rinaudo , durch sieben afrikanische Länder gereist, um "irgendwas zu machen".

Der Australier setzt sich seit 40 Jahren für Aufforstungsprojekte ein, bei denen keine Bäume gepflanzt werden, sondern das Wachstum von Wurzelwerk unter der Erde gefördert wird. Und es funktioniert. "Bei den Drehs ging es um Bäume, um Menschen, um Afrika. Alles spielt zusammen und man kommt schnell vom Hundertsten zum Tausendsten. Es ist einfach faszinierend. Aus dem ganzen Material habe ich erst danach eine Story gemacht", erzählt Volker Schlöndorff, der nach dem Film mit den Besuchern spricht. "Auch hier wollen alle helfen. Sie wissen nur nicht, wie. Sie haben Recht, wenn sie sagen, dass sich Entwicklungspolitik auf Landwirtschaft konzentrieren sollte, als in die tiefen Taschen der Städte." Helfen könne jeder. "Da muss man nur mal ins Internet gucken", sagt er und erzählt von jungen Leuten, die nach dem Abitur in Umwelt- und Entwicklungshilfegruppen an Ort und Stelle aktiv seien oder in den Ferien Englischkurse geben, und älteren, die als Rentner für einige Monate nach Afrika gingen, um den Menschen in Runda Schreinern, Tischlern oder Elektrik und anderes Handwerk beibringen. "Möglichkeiten gibt es unzählige", so Volker Schlöndorff. Tony Rinaudo sei das beste Beispiel dafür. "Die Geduld und die Zuversicht der Afrikaner ist etwas Schönes. Die sollte man lernen und annehmen, dann lässt sich auch sehr viel bewegen."

Aus Geduld und Zuversicht ist auch der Dokumentarfilm entstanden, der nun täglich im Harmonie-Kino läuft. "Er hat sich einfach entwickelt", so der Filmemacher, der ihn als "Filmessay" bezeichnet.

Auch Tony Rinaudo hat sich entwickelt. Zweieinhalb Jahre lang hatte er versucht, Bäume zu pflanzen. Es gelang ihm nicht und er wollte aufgeben. Er entdeckte durch Zufall Wurzelnetze unter der Erde. Es müsse - schlussfolgerte er - ein weites Wurzelnetzwerk unter der Erde geben. Einen unterirdischen Wald, der nur darauf warte, ans Licht zu kommen - durch Schutz und Pflege der Triebe. Schon dadurch, dass Ziegen davon abgehalten werden, die neuen Zweige abzufressen. Sie wachsen und gedeihen. Der Agrarwissenschaftler arbeitet auch für die Organisation "World Vision", die Kleinbauern dabei unterstützt, selbst ihre Nahrungsgrundlage zu erhalten und ihren Lebensunterhalt selber zu bestreiten.

Bei Tony Rinaudo steht der Mensch im Fokus und Lösungen für ihre Probleme. In "Der Waldmacher" werden sie sichtbar. Die Probleme, die Menschen und das Leben. Wo etwas wächst, ist Leben. Schlöndorff wird nicht müde, Fragen zu beantworten. "Das ist nicht anstrengend", sagt er. Die Diskussionen führen auch weg von Afrika nach Indien. "Auch dort gibt es jede Menge verkarsteten Boden, der wiederbelebt werden kann", ist er sicher. Man müsse nur lesen und lernen und es wagen, vorhandene Wurzeln zu pflegen.

Volker Schlöndorff ist offen, freundlich und geduldig, wenn es um die Sache geht. Dass er eine Sonnenbrille trägt, weil er seine andere Brille in Lüneburg verloren hat, nimmt er mit Humor. Dass er noch ein paar Bücher kaufen will, "weil ich immer etwas lesen muss", macht ihn nur ein bisschen ungeduldig. Der Geduldsfaden reißt immer nur dann, wenn jemand jäh ein sachliches Gespräch vor dem Kino unvermittelt unterbricht, weil die Freundin ein Selfie mit ihm machen will. "Das ist einfach nur dreist. Ich mache keine Selfies." Und da ist Volker Schlöndorff konsequent. Sabine Schramek

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