„Ich trete in die dunkelblaue Stunde“, beginnt ein Gedicht von Gottfried Benn (1886 bis 1956). Das konnten am Wochenende auch die Besucher in der Meditationskirche Heilig Kreuz. FOTO: enrico sauda
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„Ich trete in die dunkelblaue Stunde“, beginnt ein Gedicht von Gottfried Benn (1886 bis 1956). Das konnten am Wochenende auch die Besucher in der Meditationskirche Heilig Kreuz.

Kirche in Bornheim

Frankfurt: Im Wechselbad der Farben und Gefühle

  • VonSabine Schramek
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Licht- und Klanginstallation in Heilig Kreuz lässt den Alltag vergessen

Vor einem Jahr hat die Aktion "Nachtschimmer" zum ersten Mal Hunderte in die Kirche Heilig Kreuz am Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität drei Tage lang am 1. Adventswochenende gelockt. Jetzt gab es eine neue Lichtinstallation mit Musik, Poesie und einer Atmosphäre, die die Alltagssorgen kurz vertrieb.

Kirchenschiff scheint zu wachsen

Schon von weitem hat am Wochenende der sonst weiße Turm der Kirche Heilig Kreuz in rosa, lila, pastellgrün und blau geleuchtet. Wie ein kleiner Vorgeschmack auf das, was Besucher innen erleben konnten. Gemütlich in Strandstühlen, auf runden Sitzkissen oder Klappstühlen. Einen warmen Raum, der sich unermüdlich verändert, durch gekonnte Lichteffekte noch höher wirkt als die tatsächlichen 15,5 Meter, noch breiter als die 18,5 Meter und noch länger als die53,3 Meter. Oder kleiner, gemütlicher, enger, niedriger. Die weit voneinander stehenden Plätze sind belegt, wer sitzt, entspannt in Minuten und lässt sich treiben. "The Sound of Silence" von Simon & Garfunkel durchdringt tiefes Blau, in das sich langsam Gelb wie Sonnenstrahlen mischt. Die Bauhaus-Kirche wird nahtlos zur Burg, zum Haus, zum Sternenhimmel, zu Mystik pur.

Priester Olaf Lindenberg sitzt ebenso wie alle Besucher mit in einem der Strandstühle und lässt die Lichter auf sich wirken. "Die Nacht ist Gottes so voll" heißt diese Version von "Nachtschimmer". "Letztes Jahr wollten wir wegen Corona etwas Besonderes machen, um der Zeit der Lockdowns etwas Schönes zum In-Sich-gehen entgegenzusetzen", sagt er leise. "Das kam so gut an, dass wir auch jetzt eine neue Show aus Licht, Poesie und Musik zusammengestellt haben, damit man einfach mal wieder die Seele baumeln lassen kann - gerade in dieser Zeit."

Die Stimmen von Schwester Kristina Wolf und Referentin Simone Müller sind zu hören. Texte von Rainer Maria Rilke, Mascha Kaleko und Madeleine Delbrêl wechseln sich ab mit den Liedern "With Arms Wide Open" von Creed, "Heaven for Everyone" von Queen und "Human Hearts" von Coldplay. Lichter huschen und ziehen sich, das Drumherum verändert sich in grelle, helle, sanfte, freundliche Farben, zwei kleine silberne Feuerwerke sprühen an den Seiten des optisch fast verschwundenen Altars, das Gesicht Jesu am Kreuz strahlt als oval, verdunkelt und tauch wieder auf. Ebenso wie der gemalte Kreuzgang hinter den großen Nischen, der mal aufblitzt und wieder verschwindet. Zwei Tage lang hat allein der Aufbau gedauert. Die Planung noch viel länger. Das ganze Team des Meditationszentrums hat mitgewirkt, Texte und Musik zusammengestellt. Jürgen Henn hat den Ablauf zwei Tage lang programmiert.

Dem Himmel doch so nah

Besucher stehen auf, gehen langsam und erholt. Manche fassen Wände an, während sie sich in wieder neue Töne verwandeln oder versuchen, die Strahlen mit den Augen zu verfolgen, die durch den Boden zu dringen scheinen. Ein Mann zündet Kerzen an. "Jeder kann kommen und gehen, wann er will", so Lindenberg, während die Schlange auf den Stufen zur Kirche länger wird. Jeder zeigt seinen Impf- oder Genesenen-Nachweis, jeder trägt Maske und jeder genießt das, was so wirkt, als käme es direkt aus dem Himmel.

Fünf Stunden lang wiederholt sich alle 30 Minuten die Show. Einige bleiben, um sie zwei Mal zu sehen, zu hören, zu genießen, zu beten oder um den Segen noch einmal zu hören. Zeitgleich sind gut 20 Besucher da, die sich gleichzeitig mit fernen Abständen nah in dem riesigen Kirchenschiff sind. Auch bei der Jazzmeditation mit Susanne Kohnen am 1. Advent. Zum dritten Advent lockt offene Kirche ab Samstag, den 11. Dezember beim Lichterlabyrinth zum Staunen, Beten und Meditieren ein. 2000 Kerzen werden bis zum 20. Dezember auf den Boden des Kirchenschiffs als Labyrinth aufgebaut, in dem sich Besucher jeden Abend zwischen 17 Uhr und 19 Uhr ihren eigenen Weg bahnen können. bi

Das Programm im Netz

Informationen zu weiteren Veranstaltungen, Meditation und Gottesdiensten in der Kirche Heilig Kreuz in der Kettelerallee 46 gibt es im Internet unter https://meditationszentrum.bistumlimburg.de/ .

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