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Im Rahmen des Tanzfestivals zeigte Keiko Agnes Schmitt von Tanzlicht K Grundlagen für den Hula Hoop-Dance an.

Tanztag

Frankfurt: Immer schön im Takt bleiben

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Beim 7. Tanztag Rhein-Main bieten Künstlerhaus Mousonturm und Tanzschulen der Region Schnupperkurse für 170 Tanzstile aus aller Welt an. Die meisten Besucher sind Anfänger.

Viktoria Masterovenko ist völlig überwältigt, wie viele Menschen sich für die Tänze aus ihrem Heimatland interessieren. „Wir wussten gar nicht, ob überhaupt jemand kommen wird“, sagt sie. Der Ukrainerin ist am Tanztag Rhein-Main jeder Teilnehmer mehrfach begegnet: Weiße Bluse mit rot-blauen Blumenstickereien, ein roter ausgestellter Rock, Blüten im Haar – in traditioneller ukrainischer Tanzkleidung zierte sie Plakat und Programmheft des Tanztags. Darin war auch der Schnupperkurs ihrer bisher rein privaten Tanzgruppe „Smereka“ zu finden.

In zwölf Städten des Rhein-Main-Gebiets konnten Besucher am vergangenen Samstag auf Spendenbasis insgesamt 170 verschiedene Tänze aus aller Welt und aus allen Zeitepochen ausprobieren. Ob „Smereka“ demnächst einen öffentlichen Tanzkurs anbietet, wollen die Freundinnen nun diskutieren.

Rebekka Schöberl demonstrierte am Ende ihres Einführungskurs zu Bharathanatyam einen indischen Tanz.

Von zehn Uhr vormittags bis Mitternacht konnten sich Interessierte in den teilnehmenden Tanzschulen in Wiesbaden, Kelkheim oder Friedrichsdorf und im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm, wo das abschließende Tanzfest stattfand, zu Musik bewegen. Wer sich aber vorstellt, dass dort pausenlos wild abgegroovt und locker aus der Hüfte lange Schrittfolgen synchron getanzt wurden, liegt falsch. Na gut, dem ein oder anderen war die Pilateshaltung anzusehen, manch einer brüstete sich mit „Dance, sleep, eat, repeat“-T-Shirt oder demonstrierte seinen Schneidersitz. Die allerallermeisten aber waren absolute Anfänger. Außerdem ist gegenseitiges Herumwirbeln für viele Tänze eher untypisch.

„Beim Tanzen im Kreis hat jeder Einzelne und alle zusammen die Verantwortung dafür, dass es ein Kreis bleibt“, ermahnt die Tanzlehrerin vom Folklore-Ensemble Slawia den Knick in der Runde des russischen Reigentanzes. Der meditative Tanz wird zu andächtigem Frauengesang im Saalbau Bornheim geübt. Erst alle an der Hand im Kreis. „Die vier ruhigen aufrechten Schritte zur Mitte muss man genießen.“ Die abschließende Verneigung nach dem Innehalten sieht aus, als hätten die 30 Teilnehmer verstanden.

Man kommt nicht umhin: Würde sich das Studio 2 im Künstlerhaus Mousonturm mit einem Schnipp in die Kulisse eines Historienfilms verwandeln, Christian Griesbeck würde kaum auffallen. Mit seinen langen, im Nacken zum Zopf gebundenen Haaren, Ballettsocken und dreiviertellanger Pluderhose strahlt er den Barock aus, als er gut zwanzig Teilnehmer zum Aufwärmen bei Flötenmusik zur schön französisch gesprochenen „Polonaise“ aufruft.

„Hoch, hoch, hoch, flach, setzt den linken Fuß ab“, erklärt Griesbeck die Fußhaltung des „Pas de bourré“-Schritts für das Damensolo „Entrée pour une Femme – Forlane“. Das Stück im Ganzen können Balletterfahrene bei seinen „Historische Tanzkunst“-Kursen Anfang Dezember lernen. „In der Renaissance ist man dem Boden näher. Im Barock gibt es mehr Sprünge, die Schrittzahl erhöht sich, die Schritte werden ausgefallener“, antwortet er einer interessierten Tänzerin, die mit ihm durch mehrere Jahrhunderte gereist ist.

„Ich habe es die ganze Stunde nicht geschafft, im Takt zu bleiben, weil die Musik so langsam ist“, verlässt Eva Cepulyte etwas ernüchtert ihren ersten Schnupperkurs des Tages vorzeitig. Sonst sei sie zeitgenössisch unterwegs. „Man ist es einfach gewohnt, schneller zu tanzen“, lautet ihre Beobachtung. „Irish Set Dance“ stünde bei ihr deshalb als Nächstes auf dem Programm.

Zu zackiger Musik mit Akkordeon und Geige tanzen fünf Achtergruppen durch den Raum. Da wird sich schon mal angerempelt oder auf den Fuß getreten. Zwischendrin sind kurze Trink- und Verschnaufpausen nötig. Manche setzen wegen Asthma oder Schwindel – niemand wegen mangelnder Kondition – aus. Die Zwillinge Franzi und Maria haben einen neuen Tanz für sich entdeckt. „Jeder kann sofort mittanzen“, sagen sie begeistert. „Wenn man die einfachste Schrittfolge kann, bleiben alle einigermaßen im Takt“, sagt die eine.

Auch beim indischen Odissi legen die Teilnehmer nach fünf Minuten die Sweatshirts an die Seite. Was viele wohl nicht ahnten: Die Knie leicht nach außen gebeugt, wird der Rhythmus in zehn verschiedenen Tritten barfuß selbst gestampft. „Hacke, klopfen, aufsetzen, Hacke, klopfen, aufsetzen“, zeigt die Tanzlehrerin Gina Odathuparambil geschmeidig, die das Ganze natürlich in vielfacher Geschwindigkeit beherrscht. „So viel zu den Füßen.“ Jede der Fingerfiguren hat ihren eigenen Namen: Nadel, Mondsichel, Schlangenkopf heißen die einhändigen. Lotusblume, Schildkröte oder „Kleines Geheimnis“ die mit beiden Händen zusammen geformt werden. Wer hätte gedacht, dass man vom Tanzen Muskelkater in den Händen bekommen kann.

Besucher konnten im Mousonturm Tänze aus Bolivien ausprobieren.

Japanische Begrüßungsrituale auf dem Gang: Bon Odori beginnt. Mann in kariertem Anzug, Tweedmütze, Lederschuhen und Fliege: Lindy Hop ist zu Ende. Durcheinander auf Spanisch im Treppenhaus: Die bolivianischen Tänze fangen an. Swing, Hip-Hop, klassisches Ballett und griechische Folklore. Piratentanz für Kinder oder Thai-Chi-Meditationstanz. Senegalesischer Sabar und Djembe und hessische Volkstänze.

Samba, Salsa, Flamenco, klar. Aber lateinamerikanische Tänze, bei denen man eine bunt verkleidete Flasche auf dem Kopf balanciert? „Untiendo Fronteras“ – Grenzen vereinen – bieten kolumbianische und ecuadorianische Tänze zum Ausprobieren an. Die Kolumbianerinnen Nubia Delanoy und ihre Tochter Isabela kennen die Tänze. „Mapalé zum Beispiel ist ein traditioneller Volkstanz, den jeder kennt.“ Aus ihrem Wohnort Kaiserslautern sind sie extra zum Heimatkulturschnuppern in den Mousonturm gekommen.

Bei Burlesque im Tanzstudio „OT pur“, die „Bauchtanz und mehr für alle Körperformen“ anbieten, geht es weniger verrucht zu, als man sich vorstellen mag, trotzdem werden die Jalousien nahe der Berger Straße lieber heruntergelassen.

„Traut euch“, das Mantra von Trainerin Lea Schiemann. Ob die französische Sängerin „savoir“ oder „ce soir“ haucht, ist für die „Tribal und Vintage Fusion“-Expertin eher nebensächlich, aber als sie in der Spiegelwand hinter sich flatternde Haare entdeckt, freut sie sich. „Haare gehören zum Körper und dürfen mittanzen.“

Gute Tipps vom Tango Argentino im Ravenstein Zentrum. „Wenn man verstehen will, was man macht, ist man schon zu langsam.“ Auch wenn man stolpert, so die Erfahrung der Tanzlehrerin, die Beine entscheiden schon richtig, wo wir hingehen müssen.

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