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Der Industriepark Griesheim hat es in den vergangenen Jahren nicht geschafft, den Weggang von großen Chemiefirmen innerhalb der Sparte zu kompensieren. Stattdessen sind dort immer mehr Dienstleister eingezogen; inzwischen werden dort auch Neuwagen zwischengelagert.

Infraserv-Geschäftsführer stellt These auf

Frankfurt: Industriepark Griesheim steht vor dem Aus

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Ungewohnt deutlich hat der Infraserv-Geschäftsführer Jürgen Vormann die These aufgestellt, dass der Industriepark Griesheim "in 10 bis 15 Jahren" am Ende sein wird. 

Griesheim - Seit dem Rosenmontagsstörfall von 1996 ist der Industriestandort Griesheim tot – das hört man immer wieder hinter vorgehaltener Hand von Vertretern internationaler Chemiefirmen. Die Ereignisse mit dem gelben Ortho-Nitroanisol-Regen, der über Schwanheim niederging, hätten den Standort, der unter immensen Altlasten leidet, stigmatisiert. 

Seit 1996 dauert auch der Niedergang des Industriestandorts Griesheim an. Jetzt hat der Vorstandsvorsitzende von Infraserv Höchst, Jürgen Vormann, eine düstere Prognose gewagt: „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Griesheim in 10 oder 15 Jahren noch als Chemiestandort genutzt wird.“

Industriepark Griesheim: Immer weniger Betriebe

Infrasite Griesheim, eine Tochter der Infraserv Höchst, betreibt den Industriepark Griesheim; Eigentümer ist die Clariant als Erbe der Hoechst AG. In den vergangenen Jahren sind immer mehr Firmen abgewandert; zuletzt hat 2016 die SGL Carbon ihre Produktion in Griesheim geschlossen. Große Projekte wurden angekündigt, aber selten umgesetzt; auch der avisierte Bau eines Ersatzkraftwerks in Griesheim (wir berichteten) sei, so Vormann, noch „in statu nascendi“, im Entstehen begriffen. 

Andererseits würden sich durch den Wegfall von Standort-Mietern Dienstleistungen wie etwa die Energie- oder Dampfversorgung für die Verbliebenen verteuern; WeylChem hatte zuletzt ein eigenes Kohlekraftwerk gebaut. An dem Standort, der in den 1970er Jahren etwa 3500 und vor dem Rosenmontagsstörfall – 1993 – noch 2200 Mitarbeiter hatte, sind heute nur noch knapp 900 Personen in etwa 30 Unternehmen beschäftigt.

„Die Situation in Griesheim ist kritisch, und sie wird es auch in absehbarer Zeit sein“, sagte Jürgen Vormann jetzt beim „MeetWoch“ der unabhängigen Liste Frankfurt-West im Kulturkeller im Dalberger Haus in Höchst, wo er als Gesprächspartner geladen war und über verschiedene Themen, etwa auch von dem seit Jahren geforderten Neubau der Höchster Paul-Ehrlich-Berufsschule, sprach. 

Für Griesheim gebe es, im Gegensatz zum Industriepark Höchst, keine neuen Ansiedlungs-Interessenten. Die entscheidenden Weichen, so Vormann, seien noch unter der Hoechst-Ägide falsch gestellt worden; es habe Investitionen „nach dem Gießkannenprinzip“ und nicht in besonders zukunftsfähige Technologien gegeben. Auch gab es immer wieder die gleichen Alarme um Pannen mit Salzsäureaustritt.

Industriepark Griesheim: Schlechte Prognose

Ähnliches sei es am Standort Offenbach geschehen, der sich bereits in der Konversion – in der Neu-Nutzung der Fläche – befindet. Eine Verlagerung der im Industriepark Griesheim noch existenten und unter die Störfall-Verordnung fallenden Betriebe nach Höchst, wie es die Grünen im Frankfurter Westen fordern, hält Vormann aber für nicht bezahlbar. 

Eine solche Verlagerung würde den Wegfall der Seveso-Richtlinien bedeuten und könnte Griesheim neue Entwicklungs-Chancen offenbaren. Den Standort will Vormann aber keinesfalls zur Wohnbebauung freigeben: „Es gibt in Frankfurt nach wie vor zu wenig Flächen für verarbeitendes Gewerbe.“

Porträtaufnahmen Geschätsführung

In Zukunft, so der Infraserv-Manager, würden nur große Chemiestandorte überleben – so der Industriepark Höchst, an dessen Ausgestaltung Vormann  seit 2004 als Vorsitzender der Geschäftsführung arbeitet. In dem Chemie- und Industriepark Höchst stieg der Umsatz im letztem Jahr.

Hinsichtlich der Seveso-Richtlinie habe man Anfang vergangenen Jahres für die Industrieparks Höchst, Fechenheim und Griesheim „eine gute Einigung“ mit der Stadt Frankfurt erzielt, die das Zeug habe, bundesweit als Modell zu dienen: Mit neuen Wohngebieten muss ein 500-Meter-Abstand zu Störfallbetrieben gewahrt werden, und innerhalb dieses Radius’ sind auch Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser tabu. Im Bestand sind jedoch Neubauten möglich, etwa als Lückenschlüsse sowie unter 5000 Quadratmetern Fläche oder unter 100 dort lebenden Personen.

Im Mindestabstand von 500 Metern um die Industrieparks darf die Stadt keine neuen planungsrechtlichen Grundlagen schaffen, sondern nur innerhalb bestehender Regelungen agieren. „Was uns auf der Seele gedrückt hat, war das mögliche Heranrücken neuer Wohngebiete“, sagte Vormann: Sie hätten im Zweifelsfall die Entwicklung industrieller Vorhaben innerhalb der Werksgrenzen verhindern können. 

In Unterliederbach darf jetzt etwa die Parkstadt nach bestehendem Recht weitergebaut werden. In Nied war die Etablierung einer neuen Schule – des Gymnasiums Nied – schon vor der Einigung am Mindestabstand zum Industriepark Griesheim gescheitert.

Info: Griesheim ist ein Ort bedeutender Erfindungen

Die Tradition der chemischen Industrie in Griesheim ist älter als in Höchst: Als Meister, Lucius & Co. 1863 in Höchst ihr erstes Farbenlabor eröffneten, war man in Griesheim schon im 7. Jahr: 1856 hatte die „Frankfurter Aktiengesellschaft für landwirtschaftlich chemische Fabrikate“ mit der Produktion von Kunstdünger, Schwefelsäure, Salpetersäure und Soda in Griesheim begonnen. 

Die „Chemische Fabrik Griesheim am Main“ wurde jedoch im gleichen Jahr wie Höchst – 1863 – handelsgerichtlich eingetragen. Im Volksmund hieß sie „die Chemisch“. 1893 wurde die erste Chlor-Alkali-Elektrolyse der Welt im Produktionsmaßstab in Betrieb genommen; im Jahr darauf begann die Entwicklung, Produktion und der erste großtechnische Einsatz von Kohleelektroden in der „Chemischen Fabrik Elektron“. 

1902 bis 1904 entwickelte Ernst Wiss in Griesheim das autogene Schweißen und Schneiden; 1912 führte Fritz Klatte Pionierarbeiten zur Entwicklung der Kunststoffe Polyvinylacetat und Polyvinylchlorid durch; 1913 entwickelte Philipp Siedler Leuchtstoffröhren mit Edelgasfüllung. 1930, schon unter Führung der IG Farben, wurde das Elektrodenschweißen entwickelt. 

1952 wurde das Werk Griesheim in die Hoechst AG eingegliedert; 1995 ging die Pflanzenschutzmittelproduktion auf die AgrEvo GmbH (heute Bayer CropScience GmbH) über; das Spezialchemikaliengeschäft wurde 1997 in die Clariant AG überführt. 

Der Standort heißt seit 2003 Industriepark Griesheim – und blutet immer mehr aus. Größter Schlag ist 2016 die Schließung des Griesheimer Standorts der SGL Carbon und damit das Ende der traditionsreichen Kohlenstoffprodukte. 

(hv)

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