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Klaus Gietinger, Sozialwissenschaftler, Autor und Regisseur, wünscht sich deutlich weniger Autos und mehr Straßenbahnen - aber keinen Fernbahntunnel für den Zugverkehr in Frankfurt. Der sei viel zu teuer. Er präsentierte ein Konzept mit Gleichgesinnten für die Initiative "Frankfurt22". 

Kosten: 1,37 Milliarden Euro 

Auto, Fahrrad, Tram, Maut: So will "Frankfurt22" die Verkehrswende einleiten 

Die ganze Innenstadt autofrei, überall Fußgängerzonen, kostenfreie Tickets für Busse und Straßenbahnen, sichere Trassen für Fahrradfahrer - so stellt sich die Initiative "Frankfurt22" die Stadt in zehn Jahren vor in ihrem "Masterplan Verkehr".

Frankfurt - "Jahrzehntelang sind in Frankfurt Fußgänger und Radfahrer vernachlässigt worden", findet Klaus Gietinger. "Das soll anders werden." Er wünscht sich deutlich weniger Autos, mehr Straßenbahnen - aber keinen Fernbahntunnel für den Zugverkehr. Der sei mit veranschlagten 3,5 bis 5 Milliarden Euro zu teuer. Gietinger, Sozialwissenschaftler, Autor und Regisseur, Hans-Jürgen Hammelmann, Vorsitzender der AG Westend und für Die Linke im Ortsbeirat 2 (Westend, Bockenheim) sowie Markus Schmidt, Verkehrsexperte und Autor, stellten für die Initiative "Frankfurt22" am Donnerstag im Club Voltaire ein alternatives Verkehrskonzept vor und diskutierten es mit dem Publikum. Titel: "Straßen für alle 2.0, Masterplan Verkehr Frankfurt22".

Frankfurt: Masterplan für Verkehrswende vorgestellt 

Vor beinahe 15 Jahren stellte die Initiative erstmals ihre Ideen von "Straßen für alle" vor. Gietinger: "Das meiste blieb Vision." Nun sagte er: "Binnen zehn Jahren" könne Frankfurt ein "Eldorado der Urbanität, in der sich alle Menschen frei und ungehindert bewegen können" werden. Der Stadt warf er vor, für eine Verkehrswende viele Pläne, aber kein Konzept zu haben. Seit Jahrzehnten hätten die Kommunalpolitiker es versäumt, den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) bedarfsgerecht auszubauen. "Die bisherige Frankfurter Verkehrspolitik ist gescheitert."

"Frankfurt22" möchte eine Maut für das gesamte Stadtgebiet - und zwar für ein- wie ausfahrende Auto. Der Stadtkern müsse autofrei werden, die Innenstadt eine "riesige Fußgängerzone". Bereiche "außenherum" sollten verkehrsberuhigt und für Autos nur mit Tempo 15 passierbar sein. 

Die Zahl der Zebrastreifen in Frankfurt solle "vervielfacht" werden. Die Parkhäuser sollten weg, stattdessen Wohnhäuser entstehen. Die Straßenbahn solle zur "Ringbahn" werden. Um Pendler (rund 350 000 täglich) in Busse und Bahnen zu bringen, sollten Ticketpreise "radikal reduziert" werden, forderte Hans-Jürgen Hammelmann. Das Geld könne eine Nahverkehrsabgabe der Frankfurter Firmen bringen. 

Geschützte Radfahrstraßen müssten her, mindestens zwei Meter breit, mit Signalfarbe markiert und mit Pollern abgeschirmt. Hammelmann: "Das Rad muss das Vorrechtsfahrzeug auf den Straßen werden. Wir wollen den Straßenraum auch und gerade für das Fahrrad zurückgewinnen."

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"Frankfurt22": Straßenbahn wichtiger als U-Bahn 

Straßenbahnen sollen zur Stadtbahnlinie vom Frankfurter Berg bis zum Offenbacher Hauptbahnhof werden. Der weitere Ausbau der U-Bahn sei verzichtbar, ausgenommen die Stadtbahnanbindung der U 4 nach Ginnheim. Markus Schmidt: "U-Bahnen sind in Bau und Unterhalt zehnmal teurer als Straßenbahnen, aber im Verhältnis kaum leistungsfähiger." Der Sachsenhäuser Berg sei besser per Tram als per U-Bahn zu erschließen.

Der Ausbau des Tramnetzes sei eines der Hauptprojekte für eine autofreie Innenstadt. Für dieses Ziel sei der Tram "absoluter Vorrang" vor dem Auto einzuräumen. Züge sollen leiser sein, Rasengleise seien gut. Die Trassenführung der 16 konzipierten Straßenbahnlinien im Stadtgebiet und darüber hinaus können heruntergeladen werden unter: www.gietinger.de. Eine Absage erteilten die "Frankfurt22"-Initiatoren dem Plan eines Fernbahntunnels. "Der kommt wie Kai aus der Kiste", sagte Gietinger. Dabei sei der Traum von einem unterirdischen Durchgangsbahnhof bereits vor 20 Jahren wegen unübersehbarer Kosten geplatzt.

Initiative "Frankfurt22": Fernbahntunnel viel zu teuer 

"Die oberirdische Variante von Posch ist komplett vergessen worden. Wir verlangen, dass in der Machbarkeitsstudie diese Konzeption mit einfließt." Dieter Posch (FDP) war von 1999 bis 2003 und von 2009 bis 2012 hessischer Minister für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung. Gietinger nannte die Idee vom Fernbahntunnel "ein Milliardengrab". Oberirdisch gebe es in Frankfurt , anders als vielfach behauptet, genug Platz für neue Gleisführungen. Während der Kostenvoranschlag für den Fernbahntunnel bis 5 Milliarden Euro betrage, sei die oberirdische Ertüchtigung des Zulaufs zum Hauptbahnhof über den Südbahnhof für rund 500 Millionen Euro realisierbar.

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Die Kosten für den kompletten Ausbau der konzipierten Tram-Strecken betragen laut Gietinger etwa 870 Millionen Euro. Würde die U-Bahn um sechs Strecken ausgebaut, seien dafür mindestens 2,2 Millionen Euro aufzuwenden. Gietinger: "Unterm Strich kostet die Umsetzung unseres Masterplans 1,37 Milliarden Euro." Die Ausbauvorhaben von Stadt und Bahn würden 7,2 Milliarden Euro kosten.  Von Sylvia A. Menzdorf 

Kommentar: Mit Scheuklappen gegen die Zukunft 

In der überhitzten Klimadebatte haben Nahverkehrs- und Fahrradfetischisten Oberwasser. Was für ein Glück, dass die meisten Politiker mit einem Kurs der Mitte standhaft bleiben. Im Bund wie in Frankfurt. Klar: Angesichts der Erderwärmung muss der Verkehr sauberer werden. Da helfen aber weder die zutiefst unsoziale Stadt-Maut wie auch der wirre Vorschlag von Wohnungen statt Parkhäusern. Mit Unwahrheiten macht sich "Frankfurt22" völlig unglaubwürdig. Zwischen Haupt- und Südbahnhof ist der Ausbau nicht vergessen, sondern längst vorgesehen. Selbst mit ihm reicht die Kapazität im Hauptbahnhof nicht, wenn der Bahn-Fernverkehr bis 2030 verdoppelt wird: Ohne Tunnel fehlt Platz für Regionalzüge. Das mag manchen Frankfurter wenig jucken. Aber wer mit solchen Scheuklappen durch die Welt fabuliert, legt die Axt an die Prosperität der Pendlerhauptstadt. Das ist zukunftsfeindlich.   Von Dennis Pfeiffer-Goldmann

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