+
Ist die Innenstadt von Frankfurt bald frei von Autos? Das forderten zumindest viele Menschen bei den Demonstrationen gegen die IAA im September 2019.

Verkehr

„Keine Zeit verlieren“: Ist die Innenstadt von Frankfurt bald autofrei?

  • schließen

Ist die Innenstadt von Frankfurt bald autofrei? Für die SPD ist es nur eine Frage der Zeit, für die Industrie- und Handelskammer ein Horrorszenario.

Frankfurt - Beim Diesel-Urteil ist die Stadt Frankfurt kürzlich mit einem blauen Auge davongekommen, muss keine flächendeckenden Fahrverbote einrichten. Doch seit langem gibt es Forderungen, die Innenstadt autofrei zu machen. Von diesem Ziel scheinen einige in der Politik auch nach dem milden Urteil nicht abzurücken.

„Frankfurt erstickt im Pendler- und Lieferverkehr“, schimpft Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). „Wir haben viel zu viele Autos in der Stadt.“ Für sie ist das Diesel-Urteil vom Dezember „ein Blauer Brief für Frankfurt“. Es sei nach wie vor zu viel Dreck in der Luft. Die Stadträtin möchte daher „nun keine Zeit mehr verlieren“, um die Innenstadt autofrei zu machen. „Lassen wir die autogerechte Stadt endlich hinter uns.“

Frankfurt im Zentrum autofrei: Oslo und Wien machen es vor

Das ist bereits die Zielrichtung der aktuellen Politik der Römerkoalition von CDU, SPD und Grünen in Frankfurt: „Es ist die Absicht, den Autoverkehr insgesamt zu reduzieren“, hatte Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) es im Herbst in dieser Zeitung auf den Punkt gebracht. Zuvor hatte die SPD bei einem Parteitag das Ziel beschlossen, die Innenstadt innerhalb des Alleenrings für den Autoverkehr zu sperren.

Das schade der Wirtschaft nicht, sondern nutze ihr, unterstrich Parteichef Mike Josef, der auch städtischer Planungsdezernent ist: „In Städten wie Oslo und Wien, die diesen Weg gegangen sind, hat es sich gezeigt, dass die Frequenz der Besucher gestiegen ist.“ Taxen, Anwohner und der Lieferverkehr sollten weiter in die Zone fahren dürfen.

Die Wirtschaft aber befürchtet negative Folgen für den Handel - und verweist auf alarmierende Zahlen. Im für den Einzelhandel wichtigen Weihnachtsgeschäft sei die wichtigste Einkaufsstraße, die Zeil, nur noch auf dem fünften Platz im bundesweiten Vergleich bei der Passantenfrequenz gelandet, erklärt die Industrie- und Handelskammer (IHK).

Frankfurt im Zentrum autofrei: IHK sieht Zeil auf dem absteigenden Ast

„Vor einigen Jahren lag die Zeil noch auf dem ersten Platz“, erinnert IHK-Präsident Ulrich Caspar. „Diese gesunkene Passantenfrequenz besorgt uns sehr.“ Die lebendige Innenstadt sei ein wichtiger Faktor für die Attraktivität eines Wirtschaftsstandorts. „Dieser Faktor wird offenbar von der Kommunalpolitik durch zunehmende Behinderung der Erreichbarkeit mit dem Pkw gefährdet“, warnt der IHK-Präsident.

Eine Befragung im Auftrag der IHK hatte im vorvergangenen Jahr ergeben, dass 32,3 Prozent der Passanten mit dem Auto in die Innenstadt von Frankfurt fahren. Und jene Kunden, die mit dem Auto kommen, seien die größten Umsatzbringer. „Dies ist eine entscheidende Größe, die politisch negiert wird“, kritisiert Caspar. „Mit einer Verkehrspolitik, der keine Gesamtstrategie zugrunde liegt, verdrängt die Stadtpolitik viele Kunden aus der Stadt.“

Für Kunden werde es immer mühsamer, die Innenstadt zu erreichen, und teurer, da die Parkgebühren steigen. Im vergangenen Jahr hatte die Stadt Parktickets angesichts drohender Fahrverbote von drei auf vier Euro pro Stunde verteuert. „Einzelhandelslagen auf der grünen Wiese können dagegen bequem erreicht werden, dort fallen nicht einmal Parkgebühren an“, erinnert Caspar.

Frankfurt im Zentrum autofrei: Nahverkehr und Radwege werden ausgebaut

Verkehrsdezernent Oesterling hält dagegen: Binnen 30 Jahren sei die Verkehrsmenge in der Innenstadt um 30 Prozent zurückgegangen. „Das geschah nicht ruckartig von Tag zu Tag, sondern das ist Bestandteil eines kontinuierlichen Prozesses über Jahrzehnte, nämlich des Ausbaus des Nahverkehrs.“ Erst dieser habe es der Stadt Frankfurt überhaupt ermöglicht, 1972 die Zeil und 2009 die Hauptwache zu sperren.

Angesichts des bisherigen Rückgangs der Verkehrsmenge erwartet der Stadtrat, „dass sich dieser Prozess fortsetzt“. Die Stadt unterstütze den Prozess aktiv: „Wir werden den Nahverkehr weiter ausbauen“, erklärt Oesterling. Er verweist auf den U4-Lückenschluss von Bockenheim nach Ginnheim, den Bau der nordmainischen S-Bahn und die Verlängerung der Straßenbahnlinie 17 nach Neu-Isenburg und Dreieich.

Frankfurt autofrei: Mehr Radwege in der I

Ebenso entstünden in nächster Zeit mehr Radwege in der Innenstadt, damit „neue Verkehrssysteme wie Leihfahrräder und E-Scooter stärker genutzt werden können“, sagt Oesterling. Nicht nur fielen Auto-Fahrspuren zugunsten von Fahrstreifen für Radfahrer weg. „Es wird weitere Straßensperrungen geben“, räumt der Dezernent ein. Die Innenstadt werde aber nicht plötzlich komplett dichtgemacht.

Dennoch werde irgendwann der Tag kommen, von dem an man nicht mehr mit dem Auto in die City fahren kann. „Ich könnte mir vorstellen“, sagt Klaus Oesterling, „dass die Innenstadt in 20, 30 Jahren autofrei ist“.

dpg

Kommentar zur autofreien Innenstadt: Gut erreichbar, dennoch ruhig - warum nicht beides?

Die Händler sind skeptisch und fordern ein Gesamtkonzept für die autofreie Innenstadt in Frankfurt.*

Freie Fahrt oder lieber eine autofreie Innenstadt?

Was denken Sie, liebe Leser? Schreiben Sie uns an frankfurt@fnp.de.

*fnp.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare