Glaubt, dass Verbrauchern und Sparern ein harter Winter bevorstehen wird: Gärtner Mario Hofmann, der seinen Blumenstand auf dem Wochenmarkt am Dornbusch aufgebaut hat. FOTO: julian dorn
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Glaubt, dass Verbrauchern und Sparern ein harter Winter bevorstehen wird: Gärtner Mario Hofmann, der seinen Blumenstand auf dem Wochenmarkt am Dornbusch aufgebaut hat.

„Wohin soll das noch führen?“

Preiserhöhungen in Frankfurt: Inzwischen gibt es weniger fürs Geld

  • Julian Dorn
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Die Inflation schwächt die Kaufkraft und frisst das meist niedrig verzinste Ersparte auf. Händler und Kunden sind in Sorge.

Frankfurt – Als Thorsten Pieper an seine jüngste Tankfüllung denkt, lächelt er erst gequält. Dann wird er wütend: "Das ist doch unglaublich", entfährt es ihm. "Plötzlich kostet Diesel doppelt so viel - wie soll das ein Berufspendler auf Dauer bezahlen?" Der 52-Jährige aus Frankfurt steht in seinem mobilen Hähnchengrill auf dem Wochenmarkt im Dornbusch, hinter ihm drehen sich die Vögel am Spieß. Mittlerweile hat sich der selbstständige Unternehmer in Rage geredet, hochrot ist sein Kopf: "Einfach zum Haare-Raufen."

Das dürften derzeit viele denken, egal, ob vor der Gemüse-Theke im Supermarkt, auf dem Friseurstuhl, an der Zapfsäule - oder eben auf dem Wochenmarkt am Parkplatz der Carl-Goerdeler-Straße. Denn die Preise steigen fast überall. Damit sinkt die Kaufkraft der Verbraucher: Für einen Euro können sie weniger kaufen als zuvor.

Höchste Inflationsrate seit 28 Jahren

Das ist kein Gefühl, sondern ein empirisches Faktum: Das Statistische Bundesamt verzeichnet einen Anstieg der Verbraucherpreise im Oktober gegenüber dem Vorjahresmonat von 4,5 Prozent. Seit September liegt die Inflationsrate erstmals seit knapp 28 Jahren wieder über der Vier-Prozent-Marke. Jahrelang war sie in Deutschland niedrig. 2020 lag die Teuerungsrate bei 0,5 Prozent, im Jahr zuvor bei 1,4 Prozent.

Mit Wehmut erinnern sich Autofahrer an die Benzinpreise vom Sommer 2020: Damals kostete der Liter Super kaum mehr als 1,10 Euro. Jetzt kann der Preis schon mal bei mehr als 1,70 Euro liegen. In den vergangenen fünf Jahren ist Benzin insgesamt 17 Prozent teurer geworden.

Frankfurt: Preisanstieg vor allem beim Gemüse

Auch Erika Ditter traute zuletzt ihren Augen nicht, allerdings im Supermarkt: "Ich musste bei Obst und Gemüse zweimal hinsehen, der Preisanstieg ist wirklich enorm", sagt die 78-jährige Frankfurterin auf dem Wochenmarkt am Käse-Stand: Insgesamt sind Nahrungsmittel tatsächlich 4,9 Prozent teurer als im Vorjahr. Besonders stark betroffen sind dabei pflanzliche Speiseöle (plus 15,2 Prozent), Eier (plus 13,4 Prozent), Gemüse (plus 9,2 Prozent) und Molkereiprodukte (plus 5,5 Prozent). Ob ihr der Preisanstieg Sorgen mache? "Ich bin Gott sei dank in der privilegierten Position, nicht auf jeden Cent schauen zu müssen", sagt Erika Ditter. "Aber für viele Armutsbetroffene und Hartz-IV-Empfänger ist das natürlich ein Katastrophe." Auch die gestiegenen Heizkosten dürften in der kalten Jahreszeit viele Geringverdiener treffen, glaubt sie.

Auch für Sparer ist die Situation gerade schwierig: Wenn sie Geld beispielsweise auf niedrig verzinsten Tagesgeldkonten gebunkert haben, dürfte ihnen die hohe Inflationsrate Bauchschmerzen bereiten.

Dem Unternehmer Pieper wird flau im Magen, wenn er an seine Einlagen denkt. Er hat sich vor 26 Jahre selbstständig gemacht und aufgehört, in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen. "Ich habe privat vorgesorgt - doch was habe ich nun davon? Bei der Nullzins-Politik schmilzt meine Einlage doch weg." Nach Berechnungen der Commerzbank-Tochter Comdirect verloren Spareinlagen in den ersten neun Monaten in Deutschland insgesamt rund 47 Milliarden Euro an Wert wegen niedriger Verzinsung. Und jetzt geht auch noch das Gespenst der Inflation um.

Frankfurt: Preiserhöhungen haben gemeinsamen Ursprung

Doch woran liegt das? Dafür gibt es laut dem Ifo-Institut verschiedene Gründe, die aber eines gemeinsam haben: ihren Ursprung in der Corona-Pandemie. Zu Beginn der Krise waren die Preise im Keller, denn die Weltkonjunktur war eingebrochen. Nun erholt sich die Wirtschaft. Verbraucher konsumieren wieder mehr und die Firmen produzieren und investieren wieder verstärkt. Die Nachfrage und damit Preise steigen. Hinzu kommen massiv gestiegene Energiepreise. Die Nachfrage nach Rohöl und Gas ist wegen der Fahrt aufnehmenden Konjunktur extrem hoch derzeit. Außerdem sind hierzulande seit Januar 2021 rund 25 Euro je Tonne Kohlendioxid fällig, das beim Verbrennen von Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas entsteht.

Und: Noch immer sind die globalen Lieferketten völlig aus dem Takt. Viele Firmen haben während der Lockdowns ihren Betrieb heruntergefahren und Personal abgebaut. Die Erholung kam für viele Unternehmen wohl doch überraschend. Die Rückkehr zum Normalbetrieb kostet nun viel Zeit. Die Nachfrage nach Produkten steigt also abrupt, das Angebot bleibt derzeit jedoch weit dahinter zurück. Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts beklagten 74 Prozent der befragten Einzelhändler im September Lieferprobleme.

Sorgen bei den Händlern aus Frankfurt: „Wohin soll das noch führen?“

Die spürt auch Mario Hofmann an seinem Blumenstand auf dem Wochenmarkt im Frankfurter Norden. Dem Gärtner mangelt es an etwas für seinen Betrieb Elementarem: Düngemittel. "Das ist derzeit, wenn überhaupt, nur zu horrenden Preisen zu bekommen." Der 44-Jährige blickt mit Sorge in die Zukunft. "Da wird noch einiges auf uns zukommen im Winter", befürchtet er.

Zumindest bei Piepers Grill-Hähnchen spürt die Kundschaft aber noch nichts von der steigenden Inflation. Bislang habe er den Preisanstieg "geschluckt" und noch nicht an seine Kunden weitergegeben, erklärt der Selbstständige. Allerdings: Früher oder später müsse auch er die Endpreise erhöhen, meint Pieper. "Schließlich muss ich meine gestiegene Gasrechnung bezahlen - der Grill heizt sich nicht von allein."

Ein Kunde, der das Gespräch mitbekommen hat, kramt in seinem Portemonnaie und legt mit Galgenhumor ("freiwillige Sprit-Zulage") ein paar Münzen auf den Tresen. Pieper lacht erst, wird dann aber ernst: "Wohin soll das noch führen? Soll mein Hähnchen etwa zum Luxusprodukt werden?" (Julian Dorn)

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