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Jens-Peter Feidner (44) ist seit Oktober 2019 als Managing Director der Deutschland-Geschäftsführer des weltgrößten Betreibers von Rechenzentren, des US-Unternehmens Equinix. Ihren Deutschland-Sitz hat die an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq gelistete Firma im Kleyerviertel im Gallus. Feidner ist schon seit 2014 bei Equinix, anfangs als Finanzdirektor für Deutschland, ab 2017 dann als Leiter der Unternehmensentwicklung für die Region Europa, Naher Osten, Afrika (Emea). Bevor er in die IT kam, war er unter anderem beim Maschinenbauer SPX Flow, bei Bosch Automotive Service Solutions und der Finanzberatung Ernst & Young tätig. Der gebürtige Pfälzer wohnt mit seiner Frau, Tochter (10) und Sohn (6) seit 2001 in Mainz - freut sich als Weinliebhaber, dass das Rhein-Main-Gebiet ebenfalls gute Tropfen bietet. Das Familienzuhause hat er längst zum Smarthome hochgerüstet.

Montagsinterview

Frankfurt ist wichtigster Datenverarbeitungsstandort; "Wir bieten hier digitale Ökosysteme"

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Jens-Peter Feidner, Chef des Rechenzentrumsbetreibers Equinix, spricht über die 60 Rechenzentren, Herausforderungen und Chancen.

Im Stadtbild sind sie oft gar nicht oder bisher als große, graue Halle zu sehen: 60 Rechenzentren laufen in Frankfurt. Die Stadt ist einer der wichtigsten Datenverarbeitungsstandorte der Welt - und derjenige mit dem größten Wachstum in Europa. Welche Herausforderungen und vor allem enorme Möglichkeiten bringt das für Frankfurt mit sich? Jens-Peter Feidner, nationaler Geschäftsführer des weltgrößten Rechenzentrumsbetreibers Equinix mit Deutschland-Sitz in Frankfurt, antwortet auf Fragen von Redakteur Dennis Pfeiffer-Goldmann.

Wie fühlt man sich als Krisengewinnler, Herr Feidner?

Wir fühlen uns eher als Krisen-Supporter. Früher waren wir die große, unbekannte Branche, die alles unterstützt. Jetzt in der Corona-Zeit werden wir gesehen, unter anderem durch die viele Heimarbeit über digitale Wege. Denn alles ist digital heute, egal, was wir tun - vom Fahrstuhl bis hin zur Kaffeemaschine.

Also treibt das Homeoffice Ihr Wachstum?

Viele sprechen gerade über Video-Streaming und Heimarbeit. Viel wichtiger sind die Industrien, die nun betroffen sind. Händler müssen Umsatz machen, auch wenn Menschen nicht mehr so oft auf die Straße gehen wollen. Bei Fahrradhändlern macht jetzt zum Beispiel nicht jeder einen eigenen Web-Shop. Viele haben sich zusammengeschlossen, eine digitale Plattform gebaut und in ein Rechenzentrum gesteckt. Dort läuft es mit einem Cloud- und einem Zahlungsprovider und einem Logistikunternehmen, das die Fahrräder verschickt. Das sind die digitalen Ökosysteme, die wir im Rechenzentrum bieten. Kleine Händler, die bisher nur Kunden aus dem Stadtviertel hatten, in dem sie sitzen, bekommen so die Möglichkeit, in ganz Deutschland zu verkaufen - und vielleicht zum Großhändler zu werden.

Wie viel bleibt da effektiv bei Equinix hängen?

Wir stehen bei 71 Quartalen kontinuierlichen Wachstums. Es geht uns gut, so wie der ganzen Branche. Was wir investieren, kommt bei uns auch wieder rein.

Welche sind die ganz großen Wachstumstreiber?

Frankfurt ist beim Datenverkehr der größte europäische Wachstumsmarkt: Unsere aktuelle Marktstudie, der Global Interconnection Index, geht davon aus, dass der private Datenverkehr hier pro Jahr um 50 Prozent zunimmt. Cloud ist definitiv der größte Wachstumstreiber, ganz klar. Das geht durch die Decke, alles wird cloudbasiert. Viele Branchen wollen digitalisieren: Automobil, verarbeitendes Gewerbe, Versicherungen, Behörden, Pharma und Chemie. Dagegen wachsen Finanzbranche, Medien und Streaming nicht mehr ganz so stark wie vor einigen Jahren.

Was hat sich durch Corona in Ihrer Kundschaft geändert?

Firmen, die bisher vorsichtig und nicht sicher waren, ob sie digitale Lösungen benötigen, haben nun gemerkt: Ja, die brauchen sie, besonders wenn Mitarbeiter und Kunden zu Hause sind. Und unsere Kunden, die vorher schon wuchsen, wachsen weiter.

Warum steht Frankfurt beim Wachstum an der Spitze?

Zum einen ist in Frankfurt der Internetknoten De-Cix, aufgeteilt auf mehrere Betreiber - und bei uns im Campus Kleyer steht der größte Teil. Zum anderen gibt es das Prinzip der Datengravität. So wie im Weltraum große Planeten kleine anziehen, ist es auch mit Daten: Große Datenmengen ziehen weitere Daten an.

Warum ist das so?

Je mehr Daten transferiert werden müssen, desto wichtiger ist die Latenz, die Geschwindigkeit. Deshalb müssen Datenpunkte möglichst nah an anderen Datenpunkten sein. Das macht private Verbindungen zwischen Firmen so wichtig, die Interconnection. Dabei werden Daten nicht übers Internet ausgetauscht, sondern innerhalb des Rechenzentrums untereinander. Das ist wichtig für die Schnelligkeit. Ganz wichtig ist auch die Sicherheit, zum Beispiel gerade bei Banken.

Wie erhöht ein Rechenzentrum die Sicherheit?

Wenn Sie mit der EC-Karte von Bank A Geld am Automaten von Bank B abheben wollen, möchten sie nicht lange warten, bis die Daten hin- und hergesendet worden sind. Damit das schnell geht, verbinden sich die Banken im Rechenzentrum direkt miteinander, und damit es sicher abläuft, ziehen sie ein direktes Kabel zueinander. So verbinden sich immer mehr Firmen in den Rechenzentren miteinander - alles zusammen wächst immer weiter. Deshalb sind Rechenzentrumscluster entstanden, also große digitale Ökosysteme.

Dadurch steigt auch der Flächenbedarf der Rechenzentren. Wie einfach können Sie den in Frankfurt decken?

Viele der Rechenzentren sind an ihren Standorten über lange Zeit gewachsen - und zwar dort, wo sie vor vielen Jahren einmal angefangen haben, zum Beispiel in alten Postgebäuden oder Lagerhallen. Das passierte in Randbezirken, die Stadt wächst aber immer mehr dorthin. Zugleich müssen neue Rechenzentren aber in der Nähe der alten entstehen aufgrund der Latenz und der Sicherheit der Verbindungen. Daher ist es schon schwierig, Land zu finden. Deswegen werden Bestandsgebäude ausgebaut, um mehr Rechenzentrumsfläche auf gleicher Grundfläche einbauen zu können. Auf Kundenseite werden auch die Geräte effizienter. Die Auslastung der Server ist heute etwa dreimal so hoch wie früher.

Es geht aber nicht ohne neue Flächen.

Ja, wir müssen auch Land kaufen und ausbauen, und das in Kooperation mit der Stadt. Unser größtes Wachstum in den nächsten Jahren sehen wir im Nordosten der Stadt, in der Friesstraße im Seckbacher Gewerbegebiet.

Kleinere Gewerbetreibende fürchten, dass sie verdrängt werden könnten, weil Rechenzentrumsbetreiber alles Geld der Welt ausgeben können für Grundstücke. Wir real ist diese Gefahr?

Betrachtet man unsere Ausbaupläne, ist die Gefahr nicht so real. In Seckbach haben zum Beispiel viele Grundstücke brach gelegen, und alte Bürogebäude waren ungenutzt, bevor wir sie kauften. Wir vertreiben niemanden. So ist eine örtliche soziale Einrichtung durch den Kauf jetzt Mieter von uns. Wir arbeiten zusammen und unterstützen sie aktiv dabei, einen neuen Standort zu finden.

Warum müssen Rechenzentren immer so hässliche, graue Kästen sein?

Neubauten sehen so nicht mehr aus. Alle unsere neuen Rechenzentren in Frankfurt bekommen begrünte Fassaden - in der Friesstraße in Seckbach und auch unser Rechenzentrum FR8, das wir nächstes Jahr in Griesheim eröffnen. Das sieht ein wenig so aus, als hätte man einen Wald in die Stadt gepflanzt.

Und wie sieht es mit Ihrer Abwärme aus?

Die geben wir liebend gerne und auch unentgeltlich als Nahwärme ab. Am Standort Seckbach sind wir in fortgeschrittenen Diskussionen dazu. In Frankfurt gibt es zwar in der Innenstadt ein super ausgebautes Nahwärmenetz. Das müsste man entweder bis zu uns erweitern oder dort, in Seckbach, ein eigenes Nahwärmenetz für das Industriegebiet aufbauen. An dieser Entwicklung arbeiten wir gerade mit der Stadt.

Ist das nur eine Lösung für Seckbach?

Nein. Gerne würden wir die Abwärme von unserem Standort Gallus für die Bebauung auf dem danebenliegenden, ehemaligen Teves-Gelände abgeben. Das ist fast immer machbar, wenn es eine Neuentwicklung gibt. Dann müssen Stadt, Investoren und Rechenzentrumsbetreiber gemeinsam rangehen.

Die Rechenzentren verbrauchen inzwischen mehr Strom als der Flughafen. Wie ökologisch ist das denn?

Sehr! Das ist wie mit einem Linienbus. Der braucht zwar mehr Diesel als ein Auto. Aber wenn 150 Leute ihre Autos stehen lassen und mit dem Bus fahren, wird viel weniger Kraftstoff verbraucht. Das ist mit den Rechenzentren genauso. In Frankfurt gibt es vor allem Co-Location-Anbieter, in deren Rechenzentren stehen also die Server verschiedener Unternehmen. Dadurch wird in Summe viel weniger Strom verbraucht, als wenn jeder sein eigenes Rechenzentrum hätte. Wir gehen davon aus, dass die zentrale Infrastruktur grob gerechnet vier- bis fünfmal effizienter ist als eine individuelle.

Wo kommt Ihr Strom her?

Wir beziehen nun im siebten Jahr grünen Strom ganz lokal von der Mainova. Der wird natürlich nicht in Frankfurt hergestellt. Aber er kommt nachgewiesen nur aus grünen Quellen.

Wie stark wirkt die Stadt bei so etwas auf Sie ein?

Das fließt mit ein, ganz klar. Wir arbeiten konstruktiv zusammen. Aber wir haben als Unternehmen schon 2015 beschlossen, dass wir weltweit mit 100 Prozent nachhaltigem Strom arbeiten wollen. Wir haben im vorigen Jahr weltweit schon mehr als 90 Prozent erreicht, und in Deutschland sind wir schon bei 100 Prozent. Wenn es nun weitere Wünsche der Stadt gibt, eruieren wir das gemeinsam. Die Stadtplanung hat zum Beispiel gefragt, ob wir nicht die Bürogebäude statt der Rechenzentren zur Straße hin platzieren könnten, damit die Friesstraße einen lebhafteren Charakter bekommt. Wenn wir das machen können: Gerne!

Was hat ein Frankfurter konkret von den Rechenzentren?

Fast alles, was wir heute tun, ist digital. Das ist als Allgemeingut ein Vorteil für Menschen in der ganzen Welt. Frankfurt hat den Vorteil, Zentrum der Rechenzentrumsbranche zu sein. Die ist ein großer Arbeitgeber, das wird oft übersehen, und wir suchen händeringend neue Leute. Allein Equinix hat mehr als 500 Mitarbeiter in Deutschland, davon 85 Prozent in Frankfurt, und wir bilden jedes Jahr 30 Auszubildende aus. Da die Branche auch in einem riesigen Volumen investiert, ist der Effekt für lokale Handwerker und Zulieferer enorm: bauen, Kabel ziehen, Elektriker, Maler, Schlosser - das machen alles Betriebe unter anderem aus Frankfurt und dem Umland.

Und wie nutzt das dem Standort Frankfurt?

Nehmen Sie die Banken. Die sind ja nicht nur in Frankfurt, weil hier andere Banken sind, sondern auch weil die Rechenzentren hier sind. Und die sind wiederum auch hier, weil die Banken hier sind. Das ist eine Symbiose. Das Finanz-Ökosystem ist der Kern der Rechenzentrumslandschaft in Frankfurt. Das nutzt auch jedem, der in der Banken-Branche in Frankfurt arbeitet - oder dort zukünftig einen Job bekommt, weil viele Banken nach dem Brexit eher nach Frankfurt als nach Paris gegangen sind. Die meisten Banken haben sich für Frankfurt entschieden - auch weil hier das Finanz-Ökosystem so gut ausgestattet ist.

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