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Den linken Arm mit einem Gebetsriemen aus Leder umwickelt, steht ein gläubiger Jude in der Westend-Synagoge in sich versunken unter dem riesigen Leuchter in der Mitte des Gebetssaals. (Symbolbild)

Nach Attentat von Halle

Juden in Frankfurt sehen Antisemitismus wachsen

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Der Anschlag auf die Synagoge in Halle mit zwei Todesopfern hat in Frankfurt große Betroffenheit ausgelöst. Fühlen sie sich noch sicher?

Frankfurt – Der Sicherheitsbeauftragte der Jüdischen Gemeinde, Prof. Leo Latasch, wähnt die Frankfurter Gemeinde sicher. „Wir werden nichts ändern“, sagte er gestern. „Wir werden auch in der kommenden Woche das Laubhüttenfest feiern wie immer.“ Die Westend-Synagoge ist in Frankfurt immer von der Polizei geschützt.

Nach dem Anschlag in Halle an der Saale gibt es in der jüdischen Gemeinde und in der Stadtgesellschaft eine große Betroffenheit. „Es gab neben der Mahnwache vor der Synagoge noch eine auf dem Römerberg“, berichtete Latasch. „Es hat uns sehr gefreut.“ Es gehe nicht um die Synagoge oder um die Religion, glaubt Latasch, „es geht den Attentätern um den Hass. Eine andere Religion, eine andere Hautfarbe, eine andere Sprache als die eigene, das reicht ja schon, um zu töten.“ 

Die Zusammenarbeit mit der Polizei in Frankfurt sei gut, doch in Deutschland insgesamt „versagen bestimmte Akteure“, so Latasch. „Leider auch die Justiz.“ Er erinnert an den Mann, der nach einer Messerattacke am Wochenende an der Neuen Synagoge in Berlin nicht in Untersuchungshaft genommen worden ist: „Was muss denn noch passieren?“ 

Sicherheitsbeauftragter der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt kritisiert AfD

Latasch macht keinen Unterschied, ob ein Attentäter – wie in Halle – ein Rechtsradikaler ist oder wie in Berlin ein Araber. Verräterisch sei jedoch das Schweigen der AfD: Wäre der Attentäter ein Moslem gewesen, hätte sie laut proklamiert, als erste Partei gewarnt zu haben. „Jetzt, da es ein Rechter ist, schweigen die. Für mich ist das ein klares Zeichen, dass die AfD die Tür aufgestoßen hat.“ 

Die Jüdische Gemeinde warnte gestern: Der Anschlag „ist ein Fanal für die Umstände in Deutschland. Viel zu lange wurde der Antisemitismus klein- geredet und nur in einen historischen Kontext gesetzt“. Judenhass sei real und aktuell. Alarmsignale wurden ignoriert. Dr. Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, fordert: „Wir müssen aus der Defensive gehen und konsequent gegen den Hass vorgehen, der den Nährboden für rechtsextreme Gewalt bereitet.“ 

Fotograf Rafael Herlich aus Frankfurt sieht Antisemitismus im Alltag

Das sieht auch der Fotograf Rafael Herlich so. „Wie kann es sein, dass ein jüdisches Kind auf dem Schulhof mit dem Hitlergruß bedacht wird? Weshalb“, fragt Herlich, „stehen da nicht alle anderen auf? Wo sind die anderen?“ Herlich glaubt: „Die Zeit zum Wegschauen ist vorbei. Es wird ernst.“ Die Unsicherheit wachse. Dabei gehe es gar nicht um das Judentum, es gehe um den Respekt für jeden Menschen und für jede Religion. Es seien halt leider wieder die Juden, die für alles verantwortlich gemacht würden. Es seien halt leider sie, deren Gotteshäuser geschützt werden müssten. „Aber das könnte jeder andere auch sein, dann wären die Forderungen, zum Beispiel an die Mitschüler, genau die gleichen.“ 

Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) erklärte gestern: „Der Hass und die Menschenverachtung, die durch diese Tat zum Ausdruck gebracht wurden, lassen uns erstarren. Dieser feige und antisemitische Angriff ist ein Angriff auf unser friedliches Zusammenleben in Deutschland. Es ist ein Angriff auf uns alle. Wir werden Gewalt gegen das jüdische Leben in Deutschland niemals dulden.“ 

Rat der Religionen Frankfurt begrüßt Mahnwache nach Anschlag in Halle 

In Frankfurt gebe es eine tiefe Verbundenheit der Bürger mit der Jüdischen Gemeinde. „Frankfurt ist und bleibt eine weltoffene und tolerante Stadt. Wir werden jeden Tag gemeinsam gegen antisemitischen Hass und Gewalt kämpfen – und: Wir stehen mit unseren Herzen an der Seite der Jüdischen Gemeinden in Deutschland.“

Die Polizei Frankfurt twitterte: „Wir sind zutiefst erschüttert. In Gedanken sind wir bei den Angehörigen des Opfers und allen Betroffenen aus Halle.“ 

Der Rat der Religionen Frankfurt begrüßte die Mahnwache als „entschlossenen Ausdruck von Solidarität und Verbundenheit.“ Erschüttert über die Eskalation der Gewalt sei der Rat bei den Opfern des Attentats und ihren Angehörigen und bei denjenigen, die den Angriff in der Synagoge unverletzt überlebt haben.

von Thomas J. Schmidt

Rund 900 Menschen haben vor der Westend-Synagoge ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinde nach dem Anschlag von Halle bekundet. Redner hatten klare Botschaften. In Richtung AfD gab es deutliche Worte

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