Warenhaus auf der Zeil

Emotionaler Protest gegen Aus für Karstadt auf der Zeil: „Es ist so unfair“

  • vonSabine Schramek
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Gewerkschafter, Mitarbeiter und Politiker protestieren vor dem Warenhaus Karstadt auf der Zeil in Frankfurt gegen dessen Schließung.

  • Der Galeria Karstadt Kaufhof GmbH droht wegen Corona die Pleite
  • 62 Filialen sollen bundesweit schließen, darunter auch die in Frankfurt
  • Am Montagnachmittag (29.06.2020) gab es deshalb vor dem Karstadt-Gebäude auf der Zeil eine Kundgebung

Frankfurt - Am Rand der Demonstration steht ein Mann mit beigem Jackett. Er applaudiert, als der Karstadt-Betriebsratsvorsitzende Norbert Sachs sagt, dass "nicht wir, die Mitarbeiter, die seit 16 Jahren alles gegeben haben, um das Missmanagement auszubügeln, jetzt wieder die Opfer sein können. Nicht in den Filialen, sondern im Management sollten Köpfe rollen". Applaus und Trillerpfeifen begleiten die harten Worte.

Kurz darauf liest Sachs einen Brief des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) vor, der sich aus Termingründen entschuldigen lässt. Das Schreiben ist an Arndt Geiwitz gerichtet, der bereits als Insolvenzverwalter bei Schlecker tätig war. 

Außerdem an den ehemaligen Finanzchef der Galeria Karstadt Kaufhof GmbH Miguel Mühlenbach, der seit dem 10. Juni als Konzernleiter tätig ist. Und schließlich an den Aufsichtsratsvorsitzenden von Karstadt, Wolfram Keil. Unter anderem besagt das Schreiben, dass der Vermieter dem Konzern angeboten habe, auf eine Million Euro Miete zu verzichten.

Proteste vor Karstadt in Frankfurt: Viele Demonstranten verstehen nicht, warum ausgerechnet die Karstadt-Filiale auf der Zeil schließen soll.

Protest vor Karstadt-Filiale in Frankfurt: "Das ist frech und typisch Insolvenzrecht"

Der Mann im beigen Jackett nickt. "Das stimmt", sagt er, und er muss es wissen. Denn der Jacketträger ist Albert Sahle, Vermieter des 100 Jahre alten Traditionskaufhauses. "Es gab nur ein Telefonat, danach war alles schriftlich. Ich habe das Angebot gemacht, die Miete um 17 Prozent zu senken*. Eine Million Euro weniger Miete auf neun Jahre." Doch Karstadt reichte das nicht. "In ihrer Antwort fordern sie 30 Prozent Mietsenkung. Rund zwei Millionen auf 21 Jahre", sagt Sahle. "Das war der letzte Kontakt. Das ist frech und typisch Insolvenzrecht."

Eine "Kriegserklärung" führe seiner Meinung nach jedoch nicht weiter. Man sollte die Leute mitnehmen, mit ihnen sprechen. "Für Gespräche bin ich bereit. Ich möchte, dass die Menschen, die hier arbeiten, weiterarbeiten können."

Frankfurt: Karstadt-Filiale auf Zeil soll schließen - "Menschen sind keine Schachfiguren"

Am Mikrofon hatte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) zuvor lautstark spekuliert, dass es sich beim Mietstreit um reines Geschachere handele. "Menschen sind keine Schachfiguren. Tradition auch nicht. Wenn das stimmt, erwarte ich Verhandlungen über die Miete. Das ist ein Zeichen der Hoffnung."

Nach welchen Kriterien die 62 Häuser, die geschlossen werden sollen, ausgesucht wurden, versteht auf der Zeil niemand. Im Hessen-Center verschwindet mit der Filiale von Galeria Kaufhof der letzte Ankermieter. Mitarbeiter hätten immer wieder herbe Einschnitte hinnehmen müssen. Zwischen den Demonstranten wehen nicht nur die Fahnen der Gewerkschaft Verdi.

Frankfurt: Protest vor Karstadt-Filiale - Mitarbeiter trifft es hart

Ein großer Busch hängt voller rosafarbener und blauer Zettel mit Namen. "Swen K., Betriebszugehörigkeit 11 Jahre" oder "Sabina J., Betriebszugehörigkeit 25 Jahre" sind nur zwei von Hunderten, die zeigen, dass es Menschen sind, um die es geht. "Die tun mir so leid", sagt eine Kellnerin vom Zeil-Café gegenüber. "Auch für uns wäre eine Schließung eine Katastrophe. So viele kommen jeden Tag vor oder nach dem Shoppen zu uns", sagt sie betroffen.

Während draußen demonstriert wird, bedienen die Verkäufer ihre Kunden, versuchen zu lächeln. "Es ist so unfair. Man weiß nicht, was und wem man noch glauben kann", sagt ein Mitarbeiter stumpf und schluckt. "Alles ist so undurchsichtig. Jetzt ist auch noch der Corona-Rettungsschirm vorbei. Wer weiß, was am 1. Juli kommt." Immer wieder wischen sich Mitarbeiter verstohlen Tränen aus dem Gesicht, wenn ihre Kundschaft weitergeht.

Karstadt-Filiale in Frankfurt vor dem Aus - Unverständnis bei Kunden

Draußen sammeln sich immer mehr Menschen. Sie schütteln den Kopf, diskutieren. "Meine Oma hat hier schon eingekauft, meine Mutter und ich nehme auch meine Tochter mit", empört sich eine Frau. "Frankfurt wird immer grausamer", ruft ein Mann. "Ihr labert doch alle nur, damit sich wieder ein paar Leute die Taschen vollmachen können." Was wahr ist und was nicht, weiß keiner.

Und Vermieter Sahle trägt nicht dazu bei, die Verwirrung zu beseitigen. "Seit April wurde keine Miete gezahlt", sagt er plötzlich. Und dass bei Abriss und Neubau des Gebäudes alles anders gestaltet werden könne. Unten Einzelhandel, oben ein Mittelklassehotel, das ist seine Idee. "Die Miete könnte sich dadurch verdoppeln." *fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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