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In manchen Lokalen ist es gang und gäbe, Umsatz zunächst als Zwischenrechnung zu bongen. Ein Mittel, um Einnahmen am Fiskus vorbeizuschleusen?

Gastronomie

Dreist: Offenbar betrügen einige Frankfurter Restaurants das Finanzamt

In manchen Lokalen ist es gang und gäbe, Umsatz zunächst als Zwischenrechnung zu bongen. Ein Mittel, um Einnahmen am Fiskus vorbeizuschleusen?

Frankfurt - Es war ein schöner Abend zu dritt. Das Essen in dem gepflegten Restaurant nahe der Freßgass' war tadellos, die Bedienung freundlich. So berichtet es unsere Leserin Susanne Bernhardt (Name von der Redaktion geändert). Erst zu Hause habe sie sich den Rechnungsbon näher angeschaut, den ihr die Bedienung ausgehändigt hatte. Unter dem Restaurant-Namen steht in Großbuchstaben "Keine Rechnung" und in der Zeile darunter "Zwischenrechnung" (Dokument liegt der Redaktion vor). "Das kommt mir seltsam vor", sagt Bernhardt. "Warum habe ich keine ordentliche Rechnung erhalten?" Was sie befürchtet: Diese sogenannte "Zwischenrechnung" wird am Abend aus dem Kassensystem gelöscht. Die Einnahmen wären dann für den Wirt steuerfrei. Bernhardt befürchtet auch, dass sie sich in einem solchen Fall selbst auch der Strafverfolgung aussetzt: "Weil ich eine ordentliche Rechnung nicht verlangt habe."

Restaurants: Vorgang der Zwischenabrechnung ganz normal

Wir fragen beim Gastronomen nach. "Völlig normal", nennt dieser den Vorgang. Der Gast erhalte bei ihm regelhaft zunächst eine Zwischenrechnung. "Weil wir ja nicht wissen, ob er bar oder mit Karte zahlt. Sind es mehrere Gäste, wissen wir außerdem nicht, ob getrennt oder zusammen gezahlt wird." Erst nach dem Zahlvorgang würden diese Informationen in das Kassensystem eingegeben. Der Gast erhalte dann eine endgültige Rechnung. Gäste seines Hauses erhielten also jedes Mal zwei Belege: die Zwischenrechnung und nach dem Zahlvorgang die Rechnung. Die Software Orderbird, mit der seine Kasse arbeite, lasse kein anderes Verfahren zu.

Wir fragen nach beim Hersteller in Berlin, wie es sich verhält bei Anwendung seiner Software mit der Belegausgabe. Andreas Meier erklärt, dass es am Anfang einen Bestellbon gebe, für die Küche, und am Ende einen Rechnungsbon für den Gast. Meier: "Die Zwischenrechnung kommt nicht von allein raus. Die soll auch nicht beim Gast bleiben." Viele Gastronomen verwendeten sie vor allem dann gerne, wenn mehrere Gäste an einem Tisch bewirtet würden und nicht klar sei, ob es am Ende getrennte Rechnungen gebe. Oder um umständliche Kassenkorrekturen zu vermeiden, wenn der Gast Reklamationen habe, etwa: wir hatten aber nur drei Cola statt der berechneten vier. Wir wollen wissen: Könnte die Bestellung eines Tisches, für den lediglich die Zwischenrechnung ausgestellt wird, aus dem System gelöscht werden? Könnte man, antwortet der Fachmann. Da aber jeder Storno im sogenannten Kassenjournal auftauche, müsste er im "Monatsbericht" erklärt werden. Meier wird deutlicher: "Bei einer Betriebsprüfung müsste der Gastwirt immer wieder auftretende Stornierungen sicherlich erklären." Meier behauptet, die Software Orderbird ließe für Manipulationen durch den Gastronomen keinerlei Chance.

So weit die Theorie. Tatsächlich fließt viel Geld an den Kassen vorbei. Der Bundesrechnungshof schätzt, dass dem deutschen Staat in "bargeldintensiven Branchen" wie der Gastronomie Jahr für Jahr bis zu zehn Milliarden Euro verloren gehen. Und warnt vor den gigantischen Steuerausfällen durch Tricksereien mit elektronischen Registrierkassen. Auch die Industrieländerorganisation OECD sieht darin eine wachsende Gefahr. Im vergangenen Jahr setzte sie eine Expertengruppe darauf an. Deren Resümee: Moderne Kassen ermöglichen "wesentlich komplexere Betrugsmanöver" als herkömmliche Handkassen. Die Steuerhinterziehung nehme "besorgniserregend" zu, es gehe um Milliarden.

Restaurants: Kann registrierendes Kassensystem manipuliert werden?

Kann ein angeblich unbestechlich nahtlos registrierendes Kassensystem überhaupt manipuliert werden? Es kann. Mit "Zappern". Zapper wird Software genannt, die in Buchführungssysteme und Registrierkassen gespeicherte Umsatzdaten nachträglich verändert. Diese Manipulation hat nur ein Ziel: Umsatzverkürzung, Steuerhinterziehung. Zapper-Software stammt laut OECD-Bericht nicht selten von Herstellern von Registrierkassen und Betreiber-Software. Im Juni 2017 wurden zwei Software-Hersteller festgenommen wegen der Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Sie sollen 63 Kunden aus der Gastronomie mit Kassensystemen und Software zur späteren Manipulation der tatsächlich erzielten Umsätze beliefert haben.

Muss Leserin Susanne Bernhardt fürchten, mit dem Beleg namens "Zwischenrechnung" ein Indiz für Umsatzverkürzung in Händen zu halten? Wir fragen die zuständige Oberfinanzdirektion Frankfurt und erhalten folgende Auskunft: "Der Gast als Privatperson hat kein normiertes Recht auf Ausfertigung und Erhalt einer förmlichen Rechnung oder auch nur eines informellen Belegs. Das Erstellen einer "Zwischenrechnung" ist legitim und hat nicht automatisch zur Folge, dass der Umsatz nicht oder nicht korrekt in der Finanzbuchhaltung (für steuerliche Zwecke) erfasst wird. Hierfür ist vielmehr maßgeblich, ob der Geschäftsvorfall und der Rechnungsbetrag korrekt als Einzelumsatz im elektronischen Kassensystem erfasst worden und schlussendlich als Erlös in die Finanzbuchhaltung eingeflossen ist."

Kein Recht auf einen Beleg hin, undurchsichtige Zwischenrechnung her - Susanne Bernhardt will künftig das tun, was Steuerfahnder ohnehin raten: Im Restaurant Bargeldzahlung vermeiden, stattdessen mit Karte zahlen. Gaststätten, die bargeldlose Zahlung nicht akzeptieren, will sie meiden.

Bei einer Betriebsprüfung müsste ein Gastwirt wiederkehrende Stornierungen sicherlich erklären.

von Sylvia A. Menzdorff

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