+
Die Welt ist längst digital, der Alltag an den Schulen indes analog. Zwar haben viele Schulen Computer und Laptops, mit denen sie im Unterricht arbeiten können, doch schon am WLAN scheitert es an den meisten Frankfurter Schulen.

Bildung

Kein WLAN, veraltete Technik - Frankfurts Schulen noch in der "Steinzeit"

Der sogenannte Digitalpakt verspricht den Frankfurter Schulen finanzielle Segnungen für den Auf- und Ausbau ihrer digitalen Infrastruktur. Fünf Jahre lang erhalten Hessens Schulen insgesamt 74 Millionen Euro pro Jahr. Das bedeutet: 93 Euro jährlich pro Schüler. Aktuell ist die Realität in Frankfurts Schulen noch ziemlich analog.

Frankfurt - "Hier ist praktisch alles Improvisation pur", stellt Gottfried Bertz lakonisch fest. Hier, das ist die Philipp-Holzmann-Schule im Westend, eine berufliche Schule für Anlagenmechaniker, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, für Bauzeichner, Dachdecker, Fahrzeuglackierer, Floristen und Gärtner, für Gebäudereiniger, Hochbaufacharbeiter, Kanalbauer, Maler und Lackierer, Tiefbaufacharbeiter, Tischler, Zimmerer. Bertz leitet die Schule - 2500 Schüler, 120 Klassen - seit rund 13 Jahren.

Digitale Infrastruktur löst keine Begeisterung aus

Das Stichwort "Digitalpakt" und die von Bund und Land in Aussicht gestellte Förderung in Höhe von jährlich 74 Millionen Euro für die digitale Infrastruktur an Schulen vermag bei ihm kaum Begeisterung zu wecken. "Lächerliche Beträge", lautet sein Kommentar. "Was an Arbeitsmitteln für die Schulen herausspringt, steht in den Sternen."

Die Skepsis des Schulleiters hat ihren Grund. Und der heißt: Schulalltag. "Die Bauzeichner kommen in die Klasse mit ihren Laptops, können diese hier aber gar nicht richtig nutzen, weil es kein WLAN gibt", sagt Bertz. "Hier, wo es um die berufliche Ausbildung hochqualifizierter Kräfte geht, arbeiten wir total rückständig. Wir bilden junge Leute in technikaffinen Berufen aus und haben keinen zeitgemäßen Standard." Zeitgemäßer Standard bedeute für Sanitär- und Heizungstechniker, mit den Möglichkeiten des vernetzten Smarthome zu arbeiten. Geht aber nicht, weil in der Berufsschule das WLAN fehlt. Auch die Ausbildung an CNC-Maschinen, hochpräzise arbeitenden Werkzeugmaschinen, die vom Techniker programmiert werden, leide. Bertz: "Wir sollen staatlich geprüfte Techniker ausbilden und hängen total hinterher. Notwendig wäre aber professionelles Lernen und Üben."

300 PCs, das sei die gesamte digitale Ausstattung der Philipp-Holzmann-Schule, keiner davon mit Internetanschluss. "Dabei redet alles jetzt von Industrie 4.0", sagt Bertz. Die vierte industrielle Revolution, bei der Schrauben mit Montagerobotern kommunizieren, selbstständig fahrende Gabelstapler Waren in Hochregale einlagern, intelligente Maschinen eigenständig Fertigungsprozesse koordinieren. In der Menschen, Maschinen und Produkte direkt miteinander vernetzt sind - diese Welt kennen seine Schüler, sagt Bertz, nur aus Lehrfilmen. Ebenso wie 3-D-Drucker, mit denen heute schon Brückenteile produziert werden könnten

Carl-Schurz-Gymnasium in Sachsenhausen ist eine positive Ausnahme

Das Carl-Schurz-Gymnasium in Sachsenhausen ist, gemessen daran, eine Insel der digitalen Glückseligkeit. WLAN-Anschlüsse gibt es in 30 Räumen. Für die rund 1100 Schülerinnen und Schüler stehen insgesamt 100 Notebooks zur Verfügung. "Wir sind glücklich und zufrieden", sagt Schulleiter Hans-Ulrich Wyneken.

Die WLAN-Versorgung verdankt die Schule freilich nicht dem Digitalpakt, sondern einer Initiative der Stadt Frankfurt. Im Dezember 2018 hatte der Magistrat beschlossen, 14 sogenannte "Pilotschulen" mit drahtlosem Internet auszustatten. Die Carl-Schurz-Schule ist eine der 14, die von einer Jury ausgewählt wurden. Wyneken würde, wenn es finanzierbar wäre, am liebsten jedem seiner 90 Lehrkräfte und allen Mädchen und Jungen in der Oberstufe je ein Notebook zur Verfügung stellen. "Das könnte für die Schüler wie die Schulbuchausleihe für ein Schuljahr übergeben werden", stellt Wyneken sich das vor. Ob die aus dem Digitalpakt bereitgestellten Mittel dafür ausreichen, stehe in den Sternen. "Angekommen ist hier noch nichts", sagt er.

Zur digitalen Infrastruktur der Schule gehören übrigens auch zwei interaktive Whiteboards, eine Art Klassentafeln mit Touchscreen und Internetanschluss. Deren Nutzen für den Lehr- und Lernbetrieb hält der Schulleiter freilich für übersichtlich. "Das ist Spielerei", sagt er. "Teuer und nutzlos." Nutzlos deshalb, weil sie den Frontalunterricht unterstützten. "Unser Konzept ist aber, dass die Schüler im Unterricht selbst aktiv werden, erklärt der Schulleiter. Deshalb sei ein Notebook für die Schüler wertvoller. "Das Notebook ist ein moderner Experimentierkasten."

Geschwister-Scholl-Schule benötigt dringend WLAN

Von Notebooks wagt Felicitas Hüsing, Schulleiterin der Geschwister-Scholl-Schule, gar nicht erst zu träumen. Was sollten die auch bringen - ohne WLAN? "Wie sollen Kinder Medienkompetenz entwickeln, wenn wir sie ihnen nicht beibringen können?", fragt sich Hüsing. 550 Kinder besuchen die Realschule in Heddernheim. Drei der insgesamt 21 Klassen sind "Intensivklassen", die von Kindern ohne oder mit geringen Deutschkenntnissen besucht werden. Gerade diese Schüler, sagt Hüsing, würden von digitalem Lernen als Zusatzangebot zum Unterricht profitieren. "WLAN fehlt elementar."

Wenn ihre Schule tatsächlich eines Tages vernetzt sein sollte, wäre es natürlich Hüsings Traum, sie könnte alle Schüler mit einem Tablet ausstatten. Gut verzichten hingegen könne sie auf die interaktiven Whiteboards, von denen die Schule drei hat. "Die bringen nicht viel und müssen ständig gewartet werden."

Vom Geld aus dem Digitalpakt möchte Hüsing Laptops für die Schüler anschaffen. Und Lehrkräfte möchte sie zur Fortbildung schicken. Hüsing weiß: "Kollegen um die 60 sind ja nicht groß geworden mit Computer und Internet. Die müssen fit gemacht werden."

VON SYLVIA A. MENZDORF

Lesen Sie auch:

Frankfurt: Rassistisches Plakat sorgt für Empörung

Ein rassistisches Plakat, dass dunkelhäutige Menschen mit „Schwarzfahren“ in Verbindung bringt, tauchte in einer Bahn der U 4 auf. Die VGF distanziert sich, ließ es entfernen. Doch wer ist der Urheber?

Nach Skandal im Klinikum Höchst: Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft

Eine RTL-Reportage deckt katastrophale Zustände im Klinikum Höchst auf- nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Freiheitsberaubung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare