Ein Arzt untersucht in einer Kinderklinik ein Kind. Die Kliniken sind derzeit voll mit Kindern mit dem RS-Virus - einer Atemwegserkrankung, die vor allem die Jüngsten trifft. FOTO: dpa
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Ein Arzt untersucht in einer Kinderklinik ein Kind. Die Kliniken sind derzeit voll mit Kindern mit dem RS-Virus - einer Atemwegserkrankung, die vor allem die Jüngsten trifft.

Krankheitswelle

„Es ist die Hölle“: Hochansteckendes Virus grassiert unter Kindern - auch in Frankfut

  • Julia Lorenz
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Immer mehr Kinder erkranken an dem RS-Virus, das hochansteckend ist. Die Symptome können lebensbedrohlich sein und Ärzte erwarten eine weitere Welle.

Frankfurt – Die Wartezimmer der Kinderärzte und Kinderstationen der Kliniken sind voll. Sie haben Husten, Schnupfen, Halsweh und Fieber - in besonders schlimmen Fällen bekommen sie keine Luft: In vielen Familien sind derzeit die Kleinsten krank. Aber nicht Corona ist der Grund dafür, sondern ein anderer Virus: der "Respiratorisches Synzytial Virus", kurz: RSV. Ungewöhnlich viele Säuglinge und Kleinkinder stecken sich derzeit damit an. Viele müssen stationär im Krankenhaus behandelt werden. Die Wartezimmer der Kinderärzte sind voll. Ebenso die Kinderstationen der Kliniken. Auch in Frankfurt.

Infekt-Zeit: Täglich kommen infizierte Kinder in die Frankfurter Praxis

"Es ist die Hölle", sagt Burkhard Voigt, niedergelassener Kinderarzt mit Praxis in Bockenheim und stellvertretender Vorsitzender des hessischen Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte. "Das Virus überfällt uns gerade regelrecht." Normalerweise müsste er in den Wintermonaten pro Monat ein Kind mit Verdacht auf RSV in ein Krankenhaus einweisen. "Jetzt sind es ein bis zwei pro Woche." Gerade jüngst musste er einen dreijährigen Jungen mit einem Rettungswagen in eine Klinik einliefern lassen. "Er hat keine Luft mehr bekommen, brauchte Sauerstoff."

Nach Angaben des Kinderarztes grassiert derzeit aber nicht nur das RS-Virus, aktuell verbreiteten sich alle viralen Infekte in Windeseile. "Ich behandle momentan täglich gut 155 Kinder in meiner Praxis", erzählt Voigt. "Davon haben gut 130 einen Infekt. "Das habe ich so wirklich noch nie erlebt."

Das bestätigen auch andere Mediziner. Und sie alle haben die gleiche Erklärung dafür: die Corona-Pandemie und die zahlreichen Lockdowns in den vergangenen eineinhalb Jahren. "Die Kinder hatten vergangenen Winter weniger Kontakte", sagt Dr. Kay Latta, Chefarzt der Allgemeinen Kinder- und Jugendmedizin am Clementine Kinderhospital." Auch bei leichteren Erkältungssymptomen wurden sie aus der Betreuungseinrichtung genommen."

Hochansteckende RS-Viren: Frankfurter Ärzte kennen den Grund

So habe es insgesamt unnatürlich wenige Infekte gegeben - und dementsprechend auch eine geringere Entwicklung von Antikörpern. "Das schlägt mit dem Abbau der Kontaktbeschränkungen jetzt durch, zumal RS-Viren hochansteckend sind, auch im Vergleich zu Covid-19", erklärt Latta.

Im Clementine Kinderhospital wurden allein in den vergangenen drei Wochen knapp 50 Patienten mit dem RS-Virus behandelt. "Bereits Anfang September mussten wir die ersten Patienten stationär aufnehmen", sagt Latta. Das sei rund acht Wochen früher als gewöhnlich. "In normalen Winterhalbjahren haben wir insgesamt rund 90 Patienten mit RS-Viren aufgenommen." Derzeit würden die Zahlen täglich schwanken, bewegten sich aber immer zwischen sechs und zwölf Patienten, die sich mit dem Virus infiziert haben. Bisher hätten aber noch keine Kinder an andere Krankenhäuser verwiesen werden müssen. "Andere Kliniken im Raum Frankfurt weisen uns aber Patienten zu", berichtet er.

Kinderstationen überbelegt: Kliniken in Frankfurt müssen Virus-Patienten abweisen

Das Höchster Klinikum etwa musste schon Kinder, wenn auch wenige, abweisen, weil die Kinderstation belegt war. Das bestätigt Dr. Lothar Schrod, Chefarzt der dortigen Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. "Aktuell werden bei uns zwischen 25 und 30 Kinder wegen einer RS-Viruserkrankung stationär behandelt", so Schrod. Viele von ihnen müssten unter anderem mit zusätzlichem Sauerstoff behandelt werden.

Schrod weist daraufhin, dass die RSV-Saison normalerweise frühestens im Oktober, in jedem zweiten Jahr erst im Dezember beginne. "In diesem Jahr hatten wir bereits den gesamten Sommer über Einzelfälle", sagt Schrod. Im September seien es bereits 64 stationäre Fälle gewesen. "Die gegenwärtige Infektionswelle mit RSV liegt bezüglich der wöchentlichen stationären Fallzahlen weit über den Spitzenwerten früherer Wintermonate", so Schrod. Auch Christoph Lunkenheimer, Sprecher der Frankfurter Uniklinik, bestätigt, dass die ersten RSV-Fälle in diesem Jahr bereits recht früh aufgetreten sind. Ob die Infektionswelle insgesamt schwerwiegender verlaufe als etwa 2018/ 2019 lasse sich jedoch erst gegen Ende des Winters abschätzen.

Unerwartet kommt die Entwicklung für die Mediziner nicht. "Wir wurden vorgewarnt", sagt Dr. Kay Latta vom Clementine Kinderhospital. Bereits im Mai hätten Kinderkliniken in Neuseeland eine RS-Viruswelle gemeldet. Außerdem hätten viele Epidemiologen schon entsprechende Projektionen vorhergesagt - auch für den Herbst im kommenden Jahr. Und so sagt Latta: "Ich gehe daher davon aus, dass wir 2022 noch mal eine ähnliche Situation wie aktuell haben werden." (Julia Lorenz)

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