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Der Verein "Hilfe für krebskranke Kinder" finanziert sechs Arztstellen der Kinderkrebsstation an der Uniklinik Frankfurt. 

Frankfurt 

„Perfide Taktik“: Vermeiden Krankenkassen Zahlungen für krebskranke Kinder?

Der Verein „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt“ übernimmt Kosten für Personal in der Uniklinik. Laut dessen Vorstand müssten eigentlich Krankenkassen dafür aufkommen.

  • Krankenkassen haben einen Versorgungsauftrag und müssen Krankenhäuser finanziell unterstützen
  • Der Verein „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt“ übernimmt seit Jahren Kosten
  • Es geht um Personal in den Kinderkrebsstationen der Universitätsklinik Frankfurt

Frankfurt - Eigentlich, sagt Alexander Haines, sei die Sache klar: Krankenkassen hätten einen Versorgungsauftrag und müssten deshalb für notwendige Leistungen in Krankenhäusern zahlen. Doch was notwendig ist und was nicht, darüber gehen die Meinungen offenbar auseinander. Der Verein "Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt" jedenfalls, dessen Vorstand Haines angehört, übernimmt seit Jahren Kosten für Personal in den Kinderkrebsstationen an der Universitätsklinik Frankfurt.

Unter anderem finanziert der Verein sechs von mehr als 20 Medizinern, unter ihnen drei Oberärzte, ebenso Erzieherinnen und Sozialarbeiter, die sich um die jungen Krebs-Patienten und ihre Familien kümmern. Insgesamt, sagt Haines, würden 24 Stellen in der Kinderkrebsklinik ganz oder teilweise durch den Verein getragen. Die Kosten dafür summierten sich 2019 auf 1,7 Millionen Euro.

Krebskranke Kinder in Frankfurt: Verschanzen sich Krankenkassen hinter formalen Ausflüchten?

Dass für notwendige Leistungen in Kliniken Drittmittel fließen, etwa von Elternvereinen - diese Praxis sollte eigentlich seit zehn Jahren der Vergangenheit angehören. Damals wurde das Krankenhausentgeltgesetz überarbeitet mit dem Ziel, dass nun Krankenkassen diese Kosten tragen sollten. 

In der Praxis habe sich jedoch nichts geändert, sagen Alexander Haines und Karin Reinhold-Kranz, Vorsitzende des Vereins "Hilfe für krebskranke Kinder". Ihr Vorwurf: Die Kassen verschanzten sich hinter formalen Ausflüchten, um Kosten zu vermeiden. Haines spricht in diesem Zusammenhang von einer "perfiden Taktik": "Jedes Jahr, in dem die Kassen die Zahlung verweigern, sparen sie enorm viel Geld."

Frankfurt: Vorstand von "Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt" ist überzeugt, dass die Stellen notwendig sind

Dass die Stellen, die der Verein finanziert, absolut notwendig sind, davon sind die beiden Vorstandsmitglieder überzeugt. Mehr als 110 Neuzugänge suchten jedes Jahr in der Frankfurter Klinik Hilfe: Kinder und Jugendliche mit Leukämie, Lymphomen, Hirntumoren und anderen Krebserkrankungen. Mindestens zwei Jahre dauern die Behandlungen, oft auch länger. Eine lange Zeit, in der nicht nur medizinische, sondern auch psychosoziale Hilfe gebraucht werde, sagt Karin Reinhold-Kranz. Schließlich werde das Leben der ganzen Familie durch die Krebsdiagnose auf den Kopf gestellt.

Zur Angst um das Leben des Kindes gesellten sich für Eltern auch ganz praktische Fragen: Muss ich vielleicht meinen Job aufgeben? Wo gibt es Unterstützung? Wo kann ich wohnen, wenn ich nicht aus Frankfurt oder zumindest aus der Nähe komme? Diese psychosoziale Betreuung übernehme der Verein ebenfalls, dazu die Finanzierung von Kindergärtnerinnen und Erzieherinnen, die sich um die kleinen Patienten kümmern. Ein Fünfjähriger, der wochen- oder gar monatelang ans Klinikbett gefesselt ist, will schließlich irgendwie beschäftigt werden.

Frankfurt: Auf dem Verein „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt“ lastet enormer Druck

Durch diese Kosten laste auf dem Verein ein enormer Druck, sagt Karin Reinhold-Kranz: "Das ist auch eine Verpflichtung, die wir eingehen. Wir wollen diese Stellen aufrechterhalten und brauchen deshalb entsprechende Rücklagen." Doch die Spenden und Erbschaften, aus denen der Verein seine Arbeit finanziert, sind nicht planbar.

Bisher ist dieser Spagat gelungen. Aber wie lange noch? Sorgenvoll blicken die Vereinsverantwortlichen auf das Familienzentrum in Niederrad, das Familien mit krebskranken Kindern und Jugendlichen als Treffpunkt, Informationsstelle und Wohnort auf Zeit dient. Das Gebäude, das fast 30 Jahre alt ist, braucht in absehbarer Zeit an mehreren Stellen eine Sanierung. Darüber hinaus kümmert sich der Verein um etliche andere Aufgaben. Unter anderem finanziert er ein Sportprojekt für krebskranke Kinder und Jugendliche, ebenso wissenschaftliche Forschungsvorhaben bei Kinderkrebserkrankungen - ein Bereich, in dem sich Pharmafirmen vornehm zurückhielten. 

„Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt“ hofft, dass Krankenkassen Kosten übernehmen

Auch deshalb hoffen Alexander Haines und Karin Reinhold-Kranz, dass die Krankenkassen in absehbarer Zeit zumindest die Kosten für sämtliche Arztstellen in der Kinderkrebsklinik übernehmen und auf das Gesprächsangebot des Universitätsklinikums eingehen: „Wir haben ein funktionierendes Gesundheitssystem, und trotzdem müssen wir uns als Eltern dafür stark machen, damit unsere Kinder gesundheitlich optimal versorgt werden. In einer so hochmodernen Gesellschaft wie der unseren sollte das nicht sein." 

Der GKV-Spitzenverband, die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Deutschland, will sich zu dem Fall nicht konkret äußern, sondern betont lediglich, dass "alle medizinisch notwendigen Leistungen durch die gesetzliche Krankenversicherung angemessen finanziert" würden. Sollte es jenseits der grundlegenden Regelungen auf Bundesebene regionale Probleme geben, müssten diese an Ort und Stelle gelöst werden. Auch die Uniklinik will sich nicht äußern.

Von Brigitte Degelmann


Um eine Studie für Strahlentherapie voranzutreiben, unterstützt die Deutsche Krebshilfe die Universitätsklinik Frankfurt mit einer Million Euro.

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