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Mattias Kieslich, Leiter der Kinderschutzambulanz der Uni-Klinik, mit zwei Handpuppen. In der Klinik werden Kinder und Jugendliche behandelt, bei denen der Verdacht auf Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch vorliegt. Eine solche Ambulanz soll auch Höchst bekommen.

Im Höchster Klinikum

Frankfurt will Kinderschutz verbessern – Ambulanz gegen Missbrauch?

Das Höchster Klinikum soll eine Kinderschutzambulanz bekommen. Das kündigte Gesundheitsdezernent Stefan Majer beim "Höchster Kamingespräch" zum Thema Kindergesundheit an.

Frankfurt - In einer Kinderschutzambulanz steht die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Mittelpunkt: Kindesmisshandlung äußert sich nicht nur durch Schläge oder sexuellen Missbrauch, sondern auch durch Vernachlässigung oder emotionale Misshandlung. An der Uniklinik gibt es bereits eine Kinderschutzambulanz, in der Mediziner verschiedener Fachrichtungen zusammenarbeiten. So etwas möchte Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) im kommenden Jahr auch in Höchst etablieren, wie er am Montagabend beim "Höchster Kamingespräch" im Lindner Congress Hotel sagte.

Es gibt keine Zahlen darüber, ob es in Höchst oder im Frankfurter Westen mehr Kindesmisshandlungsfälle gibt als anderswo. Jedoch: Die Zahl der psychosozialen Auffälligkeiten ist über die Jahre "massiv" gestiegen, sagt Dr. Mechthild Pies, Chefärztin des Sozialpädiatrischen Zentrums am Klinikum Höchst. Und: In Höchst sind die Akteure - etwa die Klinik und niedergelassene Kinderärzte - besonders gut vernetzt, und in Höchst werden rund 2300 Kinder pro Jahr geboren.

Kindergesundheit: Was kann getan werden, um die Gesundheit der Kleinen zu verbessern?

Deswegen ist Höchst nun Pilot-Stadtteil des Projekts "Gut geht's", das im Juli 2017 gestartet ist und vom Zentrum für Gesundheitswirtschaft und -recht (ZGWR) der Frankfurt University of Applied Sciences (ehemals Fachhochschule) als Kooperationspartner begleitet wird. Das Projekt wird über fünf Jahre von der Techniker Krankenkasse (TK) gefördert. Über die Ziele und die Wege sprachen Gesundheitsdezernent Majer und Höchster Kinderärzte beim Kamingespräch, einer Veranstaltungsreihe des Klinikums Höchst, des Höchster Kreisblatts, der Frankfurter Volksbank und des Lindner Congress Hotels Höchst, moderiert von Radiojournalist Klaus Reichert. Auf dem Podium diskutierten die niedergelassene Kinderärztin Dr. Marieluise Müller, Dr. Mechthild Pies und der Chefarzt der Höchster Kinderklinik, Dr. Lothar Schrod mit Majer.

Nach der Studie einer Krankenkasse ist in Deutschland jedes vierte Kind chronisch krank - Adipositas (Fettsucht), Diabetes, Asthma, Neurodermitis oder Karies werden genannt. Um die Probleme und die daraus resultierenden Folgekosten in den Griff zu bekommen, sollen im Programm "Gut geht's" alle Akteure besser vernetzt werden. "Mit den Eltern zu arbeiten reicht nicht - wir müssen an die Kindergärten, an die Schulen", betonte Dr. Mechthild Pies.

Smartphones und Tablets: Es fehlt oft die Kommunikation mit den Eltern, "auch die wortlose, die über Blicke"

Ein großes Problem sei in dem von Migration geprägten Stadtteil auch die Sprache: "Wenn ich mich nicht richtig ausdrücken kann, wird es schwierig zu erklären, was mir fehlt, und auch der Weg zu gesundheitsfördernden Maßnahmen wird schwieriger", konstatierte Majer. Ausländische Eltern kennen oft das deutsche Gesundheitssystem nicht: "Sie stellen ihre Kinder mit absoluten Banalitäten in der Ambulanz vor", hat Dr. Schrod die Erfahrung gemacht.

Es ist jedoch nicht nur die Herkunft, die Kindern zum Teil eine Entwicklung in Gesundheit erschwert: Laut Chefarzt Dr. Schrod ist die gesundheitliche Perspektive von Kindern umso schwieriger, je bildungsferner sie aufwüchsen. Sprich: Kinder, die selbst von ihren Eltern vorm Fernseher geparkt wurden, damit sie Ruhe geben, unterbinden heute den ausufernden Medienkonsum ihrer eigenen Sprösslinge am Smartphone oder der Playstation nicht. Das Ergebnis: Die motorischen Fähigkeiten nehmen ab. 

"Die Verkehrspolizei nimmt die Fahrradprüfung nicht mehr in der 4. Klasse ab, weil die Kinder nicht einhändig fahren, also kein Richtungssignal geben können", sagt Dr. Schrod. Es gebe in Schulen Anweisungen für die Pausenaufsicht, den Kindern das Rennen wegen Verletzungsgefahr zu verbieten: "Das kann doch nicht sein!" Auch Dr. Pies sieht den Medienkonsum mehr als kritisch: "18 Monate alte Kinder im Buggy mit dem Tablet in der Hand - da wird's schwierig." Es fehle die Kommunikation mit den Eltern, "auch die wortlose, die über Blicke".

Nutzung der neuen Medien zeigt klares Suchtverhalten – alternative Reize bieten

Zwar würden Kinder heute weniger und später mit Rauchen beginnen, dafür aber in der Nutzung der neuen Medien klares Suchtverhalten zeigen. Schrod: "Es ist ein Experiment, was aus diesen Kindern einmal wird." Deshalb, so Majer, müsse man alternative Reize im Stadtteil bieten, und da sei die Kinder- und Jugendarbeit gefragt.

Beim Thema psychosoziale Auffälligkeiten rücken auch die Eltern in den Fokus: Werden etwa Erwachsene wegen Depressionen behandelt, müsse erfragt werden, ob sie Kinder haben und wer sich um sie kümmere. Gesundheitsdezernent Majer sucht den interdisziplinären Ansatz: "Man hat nur Erfolg als Netzwerk." Bislang, so Dr. Müller, seien die niedergelassenen Kinderärzte noch nicht kontaktiert.

Alle Akteure in Höchst, die sich beim Thema "Kindergesundheit" angesprochen fühlen, sind zur Stadtteilkonferenz am Freitag, 27. September, von 9 bis 16.30 Uhr ins Bikuz in der Michael-Stumpf-Straße eingeladen. Nähere Infos gibt es auf www.gutgehts-in-frankfurt.de oder telefonisch unter (0 69 ) 212- 4 85 84.

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