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Die Bäume verdorren, die Wipfel werden licht - und die Sonne kann mit ihren Strahlen bis auf den Waldboden vordringen, ihn austrocknen und auch die Schösslinge, den Nachwuchs der großen Bäume, verdursten lassen.

Wald

Klimawandel lässt Bäume sterben - Forstleute stemmen sich gegen Naturkatastrophe

"Klimawandel ist Waldwandel. Wir werden andere Strukturen haben, andere Baumarten", sagt Holger Schell, Revierförster im Schwanheimer Wald. Wir waren mit ihm im Stadtforst unterwegs.

Schwanheim - Eigentlich ist alles schön grün. "Man muss halt den Kopf in den Nacken nehmen, um zu sehen, was mit den Bäumen los ist", sagt Revierförster Holger Scheel. Denn unten scheint der Wald intakt, doch oben dörren die Baumkronen. Viele Bäume im Stadtwald sind tot - Opfer des Dürresommers 2018. An den Schneisen stapeln sich die Stämme, alles "Schadholz", wie Scheel sagt. Der Markt werde gerade überschwemmt mit diesem minderwertigen, stockigen Holz - es ist von Pilzen durchsetzt, bröselt in der Hand. Die Pilze geben den dürregeplagten Bäumen den Rest. Sie sind in fast allen Bäumen präsent, können sich aber entfalten, wenn der Baum geschwächt ist - so wie beim Menschen etwa der Lippenherpes blüht, wenn die Gesamtkonstitution darnieder liegt.

Der Wald steht auf Kies

Etwa 880 Hektar ist das Forstrevier Schwanheim groß. Bis zum Anstieg der Kelsterbacher Terrasse, also vom nördlichen Waldrand am Stadtteil bis hinter die Schwanheimer Wiesen, war das Gelände urzeitlicher, vom Main geprägter Auwald. Dort ist der Boden lehmig, das Grundwasser nur etwa zwei Meter tief. Die Kelsterbacher Terrasse liegt etwa zehn Meter höher und ist von Kies und Sand geprägt - hier wurde das Baumaterial für den Frankfurter Hauptbahnhof gefördert. Bis zum Grundwasser sind es zwölf oder 14 Meter. Holger Scheel schaut in die lichten Wipfel. "Diese Bäume hier leben vom Niederschlag", sagt er. Die Kiefern, etwa 150 Jahre alt, stürben seit dem vorigen Jahr ab. Die etwa 20 Jahre jüngeren Buchen und Eichen sind dürr und braun.

Nach dem Krieg, als aus der Not viel gerodet war im Schwanheimer Wald, pflanzten die Förster die Bäume nach, die sie zur Verfügung hatten - es waren nicht die für den Standort geeignetsten, hauptsächlich Nadelholz. Deshalb wird der Stadtwald seit Jahrzehnten schon "umgebaut", unter ökologischen Aspekten. Der frühere Forstamtsleiter Werner Ebert, heute Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, hat unter die Kiefern Buchen setzen lassen und andere Laubbäume. Heute gibt es im Forstrevier Schwanheim wieder 80 Prozent Laubbäume bei 20Prozent Nadelbäumen. Das hilft: Hätten wir noch die Mischung der 50er Jahre, wäre der Wald wohl nicht mehr zu retten.

"Bäume, die Wasser haben, widerstehen auch der Hitze", sagt Scheel. Im vergangenen Jahr fehlte der Regen über Monate ganz; der Regen vom Mai war nicht genug. Die Bäume treiben "Angstreiser" aus: Unten haben sie rund um den Stamm Schosse und grüne Blätter, oben ist die Krone dürr. Der Ahorn, eigentlich ein Auengewächs, leidet besonders unter der Hitze: Der Rußrindenpilz lässt ihn wie verbrannt aussehen. Die geschädigten Bäume werden Opfer von Pilzen oder anderen Schädlingen. "Das sind alles Sekundärschäden", sagt Scheel. "Da stehen halb verdurstete Bäume, und die werden dann befallen, weil sie sich nicht mehr wehren können."

Am Besten schlage sich noch die Eiche, meint Scheel. Doch bei ihr trifft es auch den Nachwuchs: Die Schösslinge verdorren. Und die "Spätblühende Traubenkirsche", ein invasives Gewächs aus Amerika, profitiert: Der Busch breitet sich immer mehr aus. "Der passt ökologisch nicht hier rein. Er hat keine Raupen, da gehen nicht mal die Rehe 'ran", sagt der Förster. Am Freitag war er mit Kollegen im Lampertheim, den dortigen Wald inspizieren: "Da ist alles schon zu spät: Unter den Kiefern nur noch Traubenkirsche." Das Holz - wertlos.

Borkenkäfer gibt den Rest

Rund 3300 Festmeter Nutzholz werden jedes Jahr im Forstrevier Schwanheim geschlagen. Dieses Jahr werden etwa 6000 Festmeter gefällt werden müssen, sagt Scheel: Stockiges. Nutzloses Holz, das allenfalls für Spanplatten tauge, das gerade den Markt überschwemme, die Preise verderbe. "Deshalb liegt so viel in den Wäldern", sagt Scheel und inspiziert die Stapel an der Lichtetalschneise: Der Borkenkäfer ist schon drin im Holz. Nicht weit entfernt davon sind im Wald Versuchspflanzungen versteckt, mit denen Bäume gefunden werden sollen, die sich dem Klimawandel entgegenstemmen. Senckenberg, die Goethe-Universität und andere Partner arbeiten zusammen (siehe Box unten). Die Erfolge sind noch überschaubar: "Die Entscheidung, was wir nehmen, bleibt schwierig", sagt Scheel. Eine Sorte ist recht gut gewachsen - und verdörrt jetzt. Eine andere bleibt grün - will aber nicht recht in die Höhe, bildet also kaum verwertbares Holz. Förster Holger Scheel hat ein Faible für Esskastanien. Die hätten die Römer vor 2000 Jahren hierhergebracht, die Bäume hätten sich bewährt, seien ökologisch sinnvoll. 2003 sei schon ein heißer Sommer gewesen, in den 90ern seien die Schäden durch Stürme immens gewesen. Scheel sagt: "Das ist nichts zu dem, was wir jetzt erleben."

Im Schwanheimer Wald gibt es - wie bei Rüsselsheim und Lampertheim - Versuchspflanzungen mit anderen Eichenarten, um eine Baumart zu finden, die den Herausforderungen des Klimawandels gewappnet ist. Dabei arbeiten die Goethe-Universität, Senckenberg, das Hessische Landesamt für Umwelt und andere Partner zusammen. Im Schwanheimer Wald wachsen auf der Versuchsfläche neben der herkömmlichen deutsche Stieleiche die nordamerikanische Roteiche, die aus der Mittelmeer- und Schwarzmeerregion stammende Flaumeiche, die Ungarische Eiche und die von Portugal bis zur Türkei verbreitete, immergrüne Steineiche. Die letzten Arten gelten als Bäume der mediterranen Klimazone. Die Roteiche hat ihre "Anbauwürdigkeit" in Deutschland bereits unter Beweis gestellt; für die südeuropäischen Eichenarten liegen noch keine praktischen Erfahrungen im Waldbau vor. Dabei geht es auch um die Anfälligkeit gegenüber der hiesigen Witterung und typischen Schädlingen. Und: Wie gut bauen heimische "Streuzersetzer", also Regenwürmer oder Asseln, die Blätter dieser Bäume ab? Das ganze nennt sich "South Hesse Oak Project". hv

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