Auf der Corona-Station im Klinikum Höchst: Pflegerinnen kümmern sich um einen beatmeten Patienten.
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Auf der Corona-Station im Klinikum Höchst: Pflegerinnen kümmern sich um einen beatmeten Patienten.

„Das Virus ist unberechenbar“

Corona-Situation im Klinikum Höchst: So erleben Mitarbeiter den Alltag in der Jahrhundertkrise

  • vonMark-Joachim Obert
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Die Ärzte und Pfleger des Höchster Klinikums in Frankfurt sind täglich mit den Folgen des Coronavirus konfrontiert. Drei Mitarbeiter sprechen über ihre Erfahrungen.

  • Im städtischen Klinikum Höchst werden 14 Menschen aufgrund einer Corona-Infektion beatmet.
  • Drei Mitarbeiter des Krankenhauses berichten vom Arbeitsalltag während der Corona-Krise.
  • Oberazt Dr. Daniel Bock würde einige Corona-Maßnahmen anders angehen.

Frankfurt - Der Blick aus der Intensivstation auf die Gesellschaft, auf ihre Debatten um das Coronavirus, ihre Maßnahmen und Maßstäbe, ist ein sensibler. Es möge sein, sagt Oberarzt Dr. Daniel Bock, Intensivmediziner und Kardiologe am städtischen Klinikum Höchst, dass die Eindrücke von acht Monaten Kampf gegen Covid-19 den Blick einengen. In der virusbedingt verwaisten Personalcaféteria sitzt er und hält gerade die Handflächen seitlich an die Stirn, die klassische Geste für Scheuklappen. „Ich sehe hier ja ständig schwer erkrankte Patienten“, sagt er. Anders formuliert: Bock und seine Kollegen leben alltäglich dort, wo sich die Corona-Krise zum Corona-Drama zuspitzt, wo Zahlen zu Fallsterblichkeit Schicksale sind.

Frankfurter Arzt über Corona: „Das Virus ist unberechenbar“

Auch in Frankfurt-Höchst starb seit März fast jeder zehnte an Covid-19-Schwersterkrankungen, die Höchster liegen etwas unter dem Bundesdurchschnitt. Für sich betrachtet bleibt die Zahl hoch, jeder Zehnte, junge Patienten auch. „Dieses Virus ist unberechenbar“, sagt Bock. Und ja, er würde deshalb manche Maßnahme anders angehen - „aggressiver“, ist das Wort, das ihm zum Beispiel zu den Schulen einfällt. Jugendliche können das Virus bekommen, können es weitergeben, können hohe Virenlast aufnehmen. Und die Hochsaison der Coronaviren hat auch in Hessen noch gar nicht begonnen.

Bock hat einst seine Dissertation über Viren geschrieben, er hat sich nicht erst mit Beginn dieser Pandemie notgedrungen mit ihnen befassen müssen. Zwischen Dezember und März sorgen Coronaviren alljährlich für Epidemien, wenn man so will. Für viele Erkältungen sind sie verantwortlich. „Die Schulen können einem schon Sorgen bereiten“, sagt Daniel Bock auch deshalb.

Dr. Daniel Bock kämpft am städtischen Klinikum in Höchst gegen das Coronavirus.

Er ist an diesem Nachmittag mit Professor Hendrik Manner, dem Chefarzt der Inneren Medizin, und dem Fachkrankenpfleger und Intensiv-Teamleiter Alex Mogielnicki in die Caféteria der Klinik in Frankfurt-Höchst gekommen, zum Gespräch mit dieser Zeitung. Monatelang wurden Leute wie sie, die an der Front arbeiten, vergleichsweise wenig gehört, wenn es um das Virus ging, seine möglichen Folgen für den Einzelnen, seine Bedrohlichkeit für die Allgemeinheit.

Corona-Krise: Virologen und Epidemologen stehen im Fokus

Virologen und Epidemiologen bestimmten den Diskurs auf allen Kanälen, vor allem in den TV-Talkshows. Über Statistiken wurde diskutiert, über R-Werte, über Übersterblichkeit, Mortalität und Letalität. Epidemiologie ist abstrakt, sie schafft keine Empathie. Und noch immer dringt die These durch, Sars-Cov-2 sei kaum gefährlicher als die Grippe, sei keine Bedrohung für die Allgemeinheit; Sucharid Bhakdi, emeritierter Professor für Mikrobiologe, hat mit dieser These einen Bestseller geschrieben, mehr als 200 000 Mal ist er verkauft worden.

Intensivmediziner haben ein anderes Risikoverständnis, einen anderen Begriff von Allgemeinheit: Potenziell ist jeder gefährdet, weil das Virus auch unterhalb der bekannten Risikofaktoren jeden hart erwischen kann. Auf der Station trifft einen diese Erkenntnis leibhaftig.

Corona im Krankenhaus in Frankfurt: „Sterblicher als das Grippevirus“

Professor Manner stellt Fragen in den leeren Raum: Was also wäre, wenn wir nicht die Kontakte beschränkten? Wenn wir gerade jetzt, in den kalten Monaten, normal weitermachten wie in jeder Grippesaison? „Für uns steht fest, dass das Virus sterblicher ist als das Grippevirus“, sagt er. Hochgerechnet mehrere Millionen Bundesbürger erkrankten in der verheerenden Saison 2017/2018 an der Grippe, basierend auf der Übersterblichkeit starben geschätzt 25.000. Der Gedanke an mehrere Millionen Corona-Infizierte in wenigen Monaten ist für Intensivmediziner wie Manner und Bock nahezu grotesk.

Schon jetzt, sagen sie, brauchen sie die Mithilfe der Gesellschaft, um auf der Covid-Station nicht an ihre Grenzen zu geraten. Acht Beatmungsplätze haben sie in Frankfurt-Höchst, dort und auf den Isolierstationen, wo die weniger schwer Erkrankten mit Sauerstoff versorgt werden, können sie je nach Patientenaufkommen nachsteuern. 14 Menschen werden zurzeit beatmet, 30 liegen auf der Isolierstation. In den ersten Monaten waren es überwiegend junge Patienten, die zweite Welle erfasst nun mehr und mehr Ältere, oft Menschen aus Pflegeheimen. 60 bis 65 ist das Durchschnittsalter bisher.

Professor Hendrik Manner arbeitet am städtischen Klinikum in Höchst.

Coronavirus in Frankfurt: Volkskrankheiten erhöhen das Risiko

In Höchst erleben sie, was alle neueren Studien aussagen: Initial betroffen ist zwar die Lunge, aber die Thromboseneigung spielt für multiorganische Attacken eine wesentliche Rolle. Übergewicht, hoher Blutdruck, Herzerkrankungen, genetische Veranlagungen: Es sind die Volkskrankheiten, die auch in jungen Körpern Gefäßverkalkungen verursachen. „Und dann kann es kritisch werden“, sagt Dr. Bock.

Kann. Das ist das entscheidende Wort. Denn auch das erleben die Höchster wie Intensivmediziner überall: Jeder Patient reagiert anders, Prognosen sind kaum möglich. Die Verweildauer eines Patienten, zwei bis drei Wochen, ist mittlerweile berechenbar, das Krankheitsbild gut anzugehen. Ansonsten aber bleibt Sars-Cov-2, bei allen Therapiefortschritten auch im städtischen Klinikum, ein unbekannter Feind. „Ich habe das Gefühl“, sagt Professor Manner, „dass die meisten Menschen das verstehen, dass die Akzeptanz in der Gesellschaft für die Maßnahmen hoch ist.“

Corona in Frankfurt: Dringender Appell an alle Patienten

Die Ausnahmen sind auch vor dem Klinikum in Frankfurt-Höchst zu sehen. Schon beim Betreten des weitflächigen Vorplatzes mit seiner Wiese und den Sitzbänken weisen Schilder darauf hin, Maske zu tragen. Der Anteil derer, die das an diesem sonnig-warmen Novembertag ignorieren, dürfte ungefähr dem gesamtgesellschaftlichen Anteil chronischer Verweigerer entsprechen. Ausgerechnet neben der Drehtür zum Haupteingang stehen mehrere Patienten mit Angehörigen - ohne Masken.

Möglicherweise ist das eine Momentaufnahme ohne Aussagekraft. Was sie zeigt: Das Klinikum behandelt und operiert Patienten mit anderen kritischen Erkrankungen - natürlich. „Wir haben alle Spezialitäten weitergeführt und dafür viel umverteilt“, sagt Manner, und spricht von „einer gewissen Interdisziplinarität“. Er und Kollege Bock haben deshalb auch einen Wunsch für diesen Artikel: „Schreiben Sie bitte, dass die Menschen bei starken Problemen ins Krankenhaus kommen sollen.“

Coronavirus in Frankfurt: Bei Schmerzen auf jeden Fall ins Krankenhaus

Es gibt eine Statistik, über ihre Hintergründe kann man nur mutmaßen, aber sie hat etwas Beunruhigendes: Es gab seit März weit weniger Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten, die Zahlen der Pathologie sind eindeutig. Womöglich bleibt mancher lieber zu Hause, sagt Dr. Bock, aus Angst vor einer Corona-Infektion. „Solche Kollateralschäden wären fatal“, sagt Manner.

Es gab und gibt im Klinikum in Frankfurt-Höchst Infektionen beim Personal, nicht viele, nichts, was aus dem Ruder laufen könnte, aber immerhin. Über eine Tatsache hat Fachpfleger Alex Mogielnicki anfangs gestaunt. Die auf den Covid-Stationen arbeiten, sind bislang von Infektionen verschont geblieben. Mittlerweile erstaunt ihn das nicht mehr. „Wir sind ja extrem vorsichtig“, sagt er. Denn da ist ja nicht nur die Sorge wegen der Krankheit an sich, da ist auch die Sorge um den Personalnotstand. Bislang, sagt Mogielnicki, sei alles gut gegangen. Auch, weil sie in Höchst die Schutzmaßnahmen für alle Mitarbeiter noch mal erhöht haben. Und mehr noch: Die Arbeitsatmosphäre sei gut, sagt Mogielnicki, vielleicht wachse in solch einer Krise der Zusammenhalt noch mehr. „Man erlebt diese schwere Zeit ja gemeinsam.“

Pfleger Alex Mogielnicki freut sich über die gute Arbeitsatmosphäre im städtischen Klinikum Höchst.

An diesem Nachmittag in der Caféteria erzählt Professor Hendrik Manner, der erfahrene Mediziner, was ihn bereits im März besonders mitnahm - auch, weil er es so noch nie erlebt hatte: „Da fährt ein junger gesunder Mensch glücklich in den Skiurlaub und kehrt sterbenskrank wieder.“ Solche Tragödien ermisst keine Statistik. Das macht den Unterschied in diesen Zeiten.

Die Corona-Lage in Frankfurt ist kritisch. Jetzt gelten drastische Regeln gelten, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Dazu gehören eine Maskenpflicht und Alkoholverbot. (Mark-Joachim Obert)

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