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Im Schockraum: Gerhard Cieslinski, Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme am Nordwestkrankenhaus, und Oberarzt Daniel Wastl demonstrieren an Redakteurin Sarah Bernhard, wie eine Wiederbelebung funktioniert. 

Krankenhaus Nordwest

Wenn das Herz plötzlich nicht mehr schlägt - Wiederbelebung im Nordwestkrankenhaus

Das Krankenhaus Nordwest in Frankfurt ist spezialisiert auf Wiederbelebung. Als einem von 25 Krankenhäusern in Deutschland wurde ihm dabei eine besonders gute Qualität bescheinigt.

  • Das Krankenhaus Nordwest in Frankfurt ist auf Wiederbelebung spezialisiert
  • Ihm wurde eine besonders gute Qualität bescheinigt
  • Die Ärzte arbeiten mit verschiedenen Methoden
Frankfurt - Wer in Frankfurt außerhalb eines Krankenhauses wiederbelebt wird, kommt danach entweder in die Uniklinik, nach Höchst oder ins Krankenhaus Nordwest. Die Kliniken Höchst und Nordwest dürfen sich neuerdings "Cardiac Arrest Center" (CAC) nennen, weil dort im Ernstfall verschiedene Fachdisziplinen so eng zusammenarbeiten, dass sie gemeinsam die Überlebenschancen für Patienten erhöhen können. Und das funktioniert so:

Gerade noch saß der 63-jährige Karl mit seiner Frau Helga am Tisch, als er plötzlich unruhig wird, sich an die Brust greift und dann einfach vom Stuhl fällt. Karl und Helga gibt es nicht, doch Karl, männlich und über 60 Jahre alt, ist ein typisches Beispiel für einen Patienten des "Cardiac Arrest Center", sagt Gerhard Cieslinski, Leiter der Zentralen Notaufnahme im Nordwestkrankenhaus. Die Klinik ist eine von 25 deutschlandweit, denen wegen der engen und effektiven Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen und wegen ihrer standardisierten Abläufe eine besonders gute Qualität bescheinigt wurde. "Im Notfall zählt jede Sekunde", weiß Cieslinski.

Krankenhaus Nordwest in Frankfurt: Jede Sekunde zählt

In unserem Beispiel reagiert Helga genau richtig: Sie wählt die 112, und als sie feststellt, dass das Herz ihres Mannes nicht mehr schlägt, beginnt sie sofort mit der Herzdruckmassage. Das sei leider eher untypisch, sagt Cieslinski: "Viel zu wenige Menschen trauen sich eine Wiederbelebung zu." Dabei sinkt die Überlebensrate pro Minute ohne Wiederbelebungsmaßnahmen um zehn Prozent.

Acht Minuten nach Helgas Anruf ist der Rettungswagen da. Mittlerweile hat Karl Kammerflimmern, die Rettungssanitäter bereiten eine Notfall-Defibrillation vor. Kurz darauf wird im Krankenhaus das Team zusammengetrommelt. Die Ärzte und Pfleger des CAC - mindestens sechs, meist neun Personen - haben ungefähr eine Viertelstunde, um den Schockraum für Karls Ankunft vorzubereiten.

Krankenhaus Nordwest in Frankfurt: Wille des Patienten muss geklärt sein

Karl hat - wie etwa 40 Prozent der Menschen mit außerklinischem Herz-Kreislauf-Stillstand - Glück: Die Wiederbelebungsversuche des Notarztes gelingen; als Karl das Krankenhaus erreicht, schlägt sein Herz wieder. "Aber meist wissen wir dann nicht, was genau der Patient hat. Einen Herzinfarkt oder doch einen Tumor, eine Embolie oder etwas ganz anderes", sagt Cieslinksi, der das Geschehen im Schockraum koordiniert. Außerdem müssen Fragen geklärt werden wie: Was ist der Wille des Patienten? Hat er eine Patientenverfügung? Darum wird sich gleich das Team kümmern, das Helga betreut.

Im Schockraum ist währenddessen bereits Martin Kelbert, der Pflegebereichsleiter der medizinischen Intensivstation, dran. Er überprüft, ob die Platzwunde an Karls Kopf gut versorgt ist, und legt Katheter, kontrolliert die Atmung und bereitet ein EKG vor. Statt einer Normalkurve mit zwei Ausschlägen zeigt es einen Ausschlag, der in ein Hochplateau übergeht. "Ein klares Zeichen für einen Herzinfarkt", sagt Daniel Wastl, Oberarzt der medizinischen Intensivstation.

Krankenhaus Nordwest in Frankfurt: Verschiedene Möglichkeiten, die Lage der Patienten zu verbessern

Karl kommt zur Herzkatheteruntersuchung ins Nebenzimmer. Der Kardiologe des Teams führt durch Karls Armarterie einen zwei Millimeter dicken Schlauch ins Herzkranzgefäß ein. Diese Adern versorgen das Herz mit Blut. Kommt der Katheter gut durch, ist an dieser Stelle alles in Ordnung. Doch er bleibt stecken. Das Herzkranzgefäß ist verstopft. Ein winzig kleiner Ballon am Ende eines beschichteten Drahts schafft Abhilfe: Wird er durch den Schlauch geschoben und geöffnet, drückt er den Blutpfropfen auseinander - das Blut kann wieder fließen, Karls Überlebenschancen steigen. Der Kardiologe setzt gleich noch einen Stent, also ein kleines Röhrchen, das das Gefäß dauerhaft offenhält.

Die Akutmaßnahmen sind nun beendet, Karl wird auf die Intensivstation verlegt. Während Oberarzt Wastl sich im Aufzug noch mal Karls Werte anschaut, kommen ihm Zweifel, ob die bisherigen Maßnahmen genügen. Helga ist zierlich, vielleicht war die Herzmassage nicht effektiv genug. Dann könnte das Gehirn auch jetzt noch Schaden nehmen. Um das zu verhindern, entscheidet Wastl, Karls Gehirn vorübergehend in eine Art Tiefschlaf zu versetzen, also die Hirnleistung für eine gewisse Zeit herunterzufahren. Das machen die Ärzte, indem sie über einen weiteren Katheter kleine, mit Kochsalzlösung gefüllte Kühlballons in Karls Venen injizieren, die das Blut herunterkühlen - und das Gehirn gleich mit. Nach und nach fährt das Gehirn seine Tätigkeit herunter, kann sich so besser darauf konzentrieren, zu regenerieren.

Krankenhaus Nordwest in Frankfurt: Gehirn im Tiefschlaf

24 Stunden lang wird Karls Körper heruntergekühlt, weitere 72 Stunden halten die Ärzte seine Körpertemperatur auf 37 Grad, um Fieberschübe zu verhindern.

Am vierten Tag wird Karl wieder aus dem künstlichen Koma geweckt. Ein Neurologe wartet bereits, um sein Gehirn auf mögliche Schädigungen zu untersuchen. "Es gibt eine ganze Palette an Reaktionen", sagt Cieslinksi. "Sie reicht von ,der Patient ist verwirrt, erholt sich aber rasch' bis zu stark eingeschränkter Hirnleistung und Pflegefall." Doch offenbar war Helgas Herzdruckmassage wirksam genug - ihr Mann hat keine bleibenden Schäden. "Tatsächlich verlassen weniger als zehn Prozent der Wiederbelebten das Krankenhaus lebend und ohne Schädigungen", sagt Wastl.

Krankenhaus Nordwest in Frankfurt ist auf Wiederbelebung spezialisiert

Bis Karl nach einer Woche Intensivstation in die Reha kommt, hat ein Logopäde mit ihm Schlucken und Essen geübt, ein Physiotherapeut hat ihm gezeigt, wie er aus dem Bett aufstehen kann.

"Die Patienten, die überleben, reißen die Stimmung im Team natürlich sehr nach oben", sagt Notfallmediziner Cieslinksi. "Und wir und die Kollegen der anderen Abteilungen freuen uns natürlich mit", sagt Oberarzt Wastl von der Intensivstation. Pflegebereichsleiter Kelbert nickt. "Das gibt uns allen die Kraft, weiterzumachen."

Bei der Herzdruckmassage übernimmt man quasi die Funktion des stillstehenden Herzens und pumpt durch externen Druck Blut durch die Adern und ins Gehirn. Dazu setzt man den Handballen in die Mitte des Brustkorbs, den zweiten Handballen auf den ersten, und drückt mit gestreckten Armen fünf bis sechs Zentimeter nach unten.

Krankenhaus Nordwest in Frankfurt: Herzdruckmassage kann helfen

Der Rhythmus sollte zwischen 100 und 120 Druckbewegungen pro Minute liegen. Das ist etwa so schnell wie der Takt in "Stayin' Alive" von den Bee Gees, "Like a Prayer" von Madonna oder "Dancing Queen" von Abba.

Lange galt: 30-mal drücken, zweimal beatmen. Doch es habe sich herausgestellt, dass das vielen zu unangenehm sei und sie deshalb ganz untätig blieben. Zudem seien die Atemwege oft so zu, dass die Luft bei dieser Technik gar nicht ankomme. Deshalb könne man auf die Beatmung verzichten und sich ganz auf die Herzmassage konzentrieren, sagt Notfallmediziner Gerhard Cieslinski vom Nordwestkrankenhaus. 

sab

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