Margarete Schmitz (84) weiß, was es bedeutet zu hungern.
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Margarete Schmitz (84) weiß, was es bedeutet zu hungern.

Flüchtlinge in Frankfurt

Frankfurt als letzte Hoffnung für Flüchtlinge - damals wie heute

  • vonChristian Preußer
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Die Stadt lag in Trümmern, die Menschen schliefen in Baracken und Erdbunkern – und dennoch suchten 85 000 Heimatvertriebene und Flüchtlinge am Ende des Zweiten Weltkriegs Zuflucht in Frankfurt.

Die Stadt lag in Trümmern, die Menschen schliefen in Baracken und Erdbunkern – und dennoch suchten 85 000 Heimatvertriebene und Flüchtlinge am Ende des Zweiten Weltkriegs Zuflucht in Frankfurt. Margarete Schmitz war eine jener Gestrandeten, sie hatte keine Wahl: „Die Tschechen haben uns damals rausgeschmissen“, sagt sie. „Da wurde kurzer Prozess gemacht.“

Schmitz ist Sudetendeutsche, 1931 in Tschischkowitz geboren, im Norden des heutigen Tschechiens. „Wir hatten ein schönes, großes Haus mit einem Lebensmittelladen. Wir wurden schamlos ausgeplündert“, erzählt sie, während sie aus dem Fenster ihrer Sachsenhäuser Wohnung blickt. „Das war schrecklich.“ Gemeinsam mit Mutter und Schwester floh die damals 14-Jährige „immer ein Stück mit der Bahn“. Hungrig und zermürbt kamen die drei Frauen in Hof in Bayern an: „Dort hatten Leute vom Roten Kreuz eine Gulaschkanone aufgebaut. Mir kommen heute noch die Tränen, wenn ich daran denke. Plötzlich gab es da etwas zu essen.“

Weil der Vater, ein ehemaliges Mitglied der NSDAP, bereits in Frankfurt eine Anstellung bei der Post gefunden hatte, folgten Frau und Töchter 1949 in die große Stadt am Main. „Ich konnte damals nichts verstehen. Dieser komische Dialekt“, sagt sie lachend. Einmal reiste sie zurück nach Tschischkowitz, da war sie längst in Frankfurt heimisch. „Ich wollte meinen Kindern mein Geburtshaus zeigen. Doch der neue Eigentümer hat mich nicht reingelassen.“ Wenn Schmitz heute an die Frankfurter Trümmerlandschaft denkt, wird sie nachdenklich: „Niemand besaß noch etwas, und dennoch haben die Leute zusammengehalten.“

Es sind Erinnerungen an ein fast vergessenes Frankfurt. Die Stadt hat sich in den vergangenen 70 Jahren grundlegend verändert, doch bietet sie auch heute Flüchtlingen Schutz. Wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen.

Shewit, 30 Jahre alt, kommt aus Eritrea und ist einer von rund 1800 Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr an den Main kamen. Auch sein Weg war beschwerlich: „In meiner Heimat herrscht Krieg. Ich habe jeden Tag Morde gesehen. Ich hatte jeden Tag große Angst um mein Leben.“ Das größte Problem sei die Korruption und ein undurchschaubares Geflecht verfeindeter Parteien. „Ich musste weg, sonst wäre auch ich sicher bald getötet worden.“

Der junge Mann erzählt von seiner Flucht aus Eritrea, aus diesem „grausamen Wahnsinn“. „Wir sind nachts mit dem Auto über die Grenze in den Sudan geflohen. 35 Leute, in einem kleinen Jeep, gefahren von einem Schmuggler. Auf uns wurde geschossen. Wir hatten Todesangst. Unvorstellbar!“

Shewit erzählt rasant, die Hände zittern, die Augen bewegen sich ruckartig: „Ich war zwei Monate im Abu-Salim-Gefängnis in Libyen inhaftiert. Kaum war ich draußen, bin ich auf einem winzigen Boot gemeinsam mit 180 Menschen nach Lampedusa gefahren. Sehr gefährlich war das.“ Seit rund einem Jahr lebt Shewit nun in Deutschland, über Frankfurt sagt er: „Es ist eine tolle Stadt. Hier herrscht Frieden. Ich wusste gar nicht mehr, wie sich das anfühlt. Wir bekommen hier die Basis für unser Überleben.“ Shewit lernt Deutsch, sucht einen Job, eine Zukunft. „Ich bin eigentlich Geografie-Lehrer. Meinen Job kann ich hier aber nicht ausüben.“ Irgendwann will er zurück nach Eritrea: „Es ist schließlich meine Heimat. Aber so, wie es dort momentan läuft, kann ich jetzt keinen Gedanken daran verschwenden.“ Doch ob er in Deutschland bleiben kann? Er wartet auf die Genehmigung seines Asylantrags. Vielleicht kann er bleiben, vielleicht muss er bald schon wieder gehen.

Auch Sigrid Jahn verließ ihre Heimat nicht freiwillig, aber es war ihr möglich, eine neue zu finden. Ihre Flucht liegt 70 Jahre zurück: „Wir hatten damals Angst, wir hatten riesengroße Angst vor den Russen“, sagt sie. „Wir wurden gewarnt, dass sie bald kommen würden. Deshalb sind wir so schnell wie möglich aus unserer Heimatstadt Görlitz raus.“ Mit dem Zug flüchtete die damals 12-Jährige gemeinsam mit ihrer Schwester Hilde und der Mutter im Februar 1945 nach Fulda, zur Tante: „Unterwegs haben wir den schweren Bombenangriff auf Dresden miterlebt, in Fulda haben wir gesehen, wie Menschen auf der Straße erschossen wurden.“

Jahn erzählt, und die 70 Jahre alten Erinnerungen sind präsent, als hätte sie diese schrecklichen Dinge erst gestern erlebt. „Der Verwandtschaft hat es nicht so gut gepasst, dass wir bei ihnen Unterschlupf suchten. Nun mussten sie uns ja zumindest für die erste Zeit verpflegen.“

Bald fand die sechs Jahre ältere Schwester eine Anstellung bei einem Lederschneider in Fulda, der jedoch wenig später mit seiner Belegschaft nach Frankfurt zog. Und so landete auch Sigrid Jahn 1950 in der Metropole am Main, als Arbeiterin in einem Teppichversand. „Für mich als junge Frau war Frankfurt ein großes Abenteuer. Alles war gerade im Aufbau begriffen, doch es gab auch noch viele Trümmer.“ Jahn berichtet, wie sie sich gemeinsam mit ihrer Schwester im Café Wipra eine Cola teilte, oder beim Tanztee im Café Rumpelmayer vergnügte Nachmittage verbrachte. „In diesen Zeiten war jeder sehr mit sich selbst beschäftigt. Jeder hat angepackt. Doch dass Frankfurt einmal so aussehen würde wie heute, das konnte sich damals doch niemand vorstellen.“

Wenn Ahmet den Kopf zum wolkenlosen Himmel reckt und die Augen schließt, dann stellt sich der 29-Jährige seine Heimat Somalia als friedliches Land vor. Die Realität ist anders: „Unsere Flucht war traumatisch“, sagt er und berichtet von dem schweren Weg aus Somalia, über Kenia, den Sudan, Libyen, bis nach Lampedusa; jener Insel, die so viele erreichen wollen, für viele jedoch unerreicht bleibt. „Wir hatten großes, großes Glück, dass wir überlebten.“ Ahmet kam gemeinsam mit seiner Frau nach Deutschland. „Wir mussten weg, es ging nicht mehr. Jeden Tag wurden Leute, Freunde, Nachbarn erschossen. Zu jeder Zeit hätte es auch uns treffen können.“ Das junge Paar sparte für die Flucht, 2009 ging sie los. Ahmet bezahlte Schleuser für die Fahrt übers Mittelmeer. „Wir sind in Italien geschlagen und getreten worden. Wir waren obdachlos und mussten im Bahnhof schlafen. Irgendwann sind wir mit dem Bus nach Deutschland gekommen. Seit 2012 sind wir nun hier.“ Nächste Seite: "Frankfurt ist einer wundervolle Stadt"

"Frankfurt ist eine wundervolle Stadt"

Medizin, Kleidung, Wohnung, die Versorgung stimmt: „Die Menschen hier sind sehr freundlich, es wird sich sehr gut um uns gekümmert.“ Frankfurt sei eine wundervolle Stadt, so groß und so sauber und so voller Möglichkeiten. Der Somalier hat seit einiger Zeit einen Ausweis für Schutzbedürftige, seine Zukunft und auch die Zukunft seiner Frau könnte in Deutschland liegen. Ahmet träumt von einem Job als Lkw-Fahrer, doch zuerst will er die deutsche Sprache lernen: „Das ist das Allerwichtigste. Ich will in dieser Gesellschaft ankommen – und das geht nur über die Sprache.“

Sprachprobleme hatte Herbert Hoebelt nicht, als er vor 65 Jahren in Frankfurt ankam. Wenn er jetzt in seinem Garten im Norden der Metropole steht und Blumen betrachtet, dann kommt ihm seine Evakuierung aus Teplitz-Schönau 1945 beinahe surreal vor. „Als wir in Pirna ankamen, da wurden wir entlaust, obwohl wir keine Läuse hatten“, erinnert sich der heute 79-Jährige. „Es war ein Zufall, dass wir am Ende in Frankfurt gelandet sind, mein Vater fand hier Anfang der Fünfziger eine Anstellung als Arbeiter beim Friedhofsamt.“ Aus den Trümmern des Nachbarhauses baute die Familie gemeinsam mit einem Onkel eine Wohnung aus: „Wir nahmen die Ziegel und Backsteine, die wir tragen konnten. Baumärkte gab es zu dieser ja noch nicht“, sagt Herbert Hoebelt lachend. „Wir mussten uns eben mit jenen Dingen helfen, die wir vor unserer Haustüre fanden.“

Trümmer, davon hat Jammal in jüngster Zeit viele gesehen. Ans Anpacken kann er noch lange nicht denken. Seine Gedanken kreisen um seine Familie, seinen Vater: „Ich weiß nicht, wie es ihm geht“, sagt er. Seit einer Woche hat er keinen Kontakt mehr. „In Aleppo ist das Internet zusammengebrochen.“ Jammal ist 49, seit Juli in Frankfurt: „In Syrien herrscht ein verrückter Krieg. 83 Nationen kämpfen dort, es geht allen nur ums Geld.“ Jammal berichtet von Mord und Totschlag, Trümmern, zerstörten Zukunftsträumen. „Ich lebe mit meiner Familie in Frankfurt, wir wollten unbedingt hierher.“ Die Deutschen seien höflich, zielstrebig, ehrgeizig, fokussiert: „Ich kenne sie von meiner Arbeit als Übersetzer in Syrien. Ich mag ihre Ernsthaftigkeit und Präzision. Wir sind sehr gut aufgenommen worden.“

In Sicherheit fühlt sich der Syrer dennoch nicht – er möchte anonym bleiben. „Ich bin anerkannter Flüchtling, aber vielleicht holt mich die Vergangenheit irgendwann ein.“ Jammal will die deutsche Sprache lernen, so schnell wie möglich. „In einem Jahr treffen wir uns wieder“, sagt er. „Dann habe ich mit meinem Bruder eine Firma gegründet und spreche fließend Deutsch.“

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