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So hell erleuchtet wird die Frankfurter Skyline auch am 9. November sein.

Gedenken an Pogromnacht

Frankfurt: Licht bleibt am 9. November wegen Gedenken an Progromnacht aus

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Die Stadt Frankfurt sagt eine Aktion zum Gedenken an die Pogromnacht im Jahr 1938 ab. Die Jüdische Gemeinde reagiert enttäuscht.

Mit einer spektakulären Kunstaktion wollte die Künstlerin Tatiana Lecomte am 9. November an die Pogromnacht 1938 in Frankfurt erinnern. Ausgehend vom Frankfurter Börneplatz, wo von 1860 bis 1938 die Hauptsynagoge der Israelitischen Gemeinde stand, sollten die Straßenlaternen in Teilen der Innenstadt ab 18 Uhr für eine Stunde erlöschen. „Die Abwesenheit von Licht“, so der Titel der Arbeit im Auftrag der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, war als Aktion im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen (bis 17. November) gedacht.

Doch aus der Verdunkelung, die als Metapher für den Nationalsozialismus gelten kann, wird nichts. Das Verkehrsdezernat sagte am Mittwoch die Kunstaktion ab. Gegenüber der Frankfurter Rundschau begründete eine Referentin dies mit der Verkehrssicherungspflicht. „Wir bedauern das sehr“, sagte die Referentin von Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD).

9. November: Erinnern reicht nicht. Dem ausgrenzenden „Wir“ muss man ein inkludierendes Gesellschaftsbild entgegensetzen. Gerade am 9. November. 

Das Rechtsamt habe darauf verwiesen, dass die Stadt die Gefährdungslage an Straßen und Plätzen durch das Ausschalten der Laternen nicht erhöhen dürfe. Falls Fußgänger, Radfahrer oder Autofahrer zu Schaden kämen, müsste die Stadt dafür haften. Diesem Risiko dürfe sie sich nicht aussetzen.

Die Künstlerin Lecomte sagte, ursprünglich habe sie die Laternen an mehr als 130 Straßen und Plätzen in der Innenstadt – mit Ausnahme der Landstraßen und Kreuzungen – verdunkeln wollen. Stadtrat Oesterling habe bei einem Gespräch Mitte Oktober auf die Sicherheitsbedenken hingewiesen.

Gedenken
Die Stadt Frankfurt gedenkt der Pogromnacht von 9. auf 10. November 1938 mit einer Gedenkstunde in der Paulskirche. Dort sprechen Oberbürgermeister Peter Feldmann und Marc Grünbaum aus dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Donnerstag, 7. November, um 14 Uhr. Geladen sind 300 Jugendlichen aus Frankfurter Schulen, von denen einige ebenfalls reden werden.

In Frankfurt-Höchst wird am 9. November um 18 Uhr am Ettinghausenplatz an die Zerstörung der Synagoge gedacht. Die Jüdische Gemeinde Frankfurt erinnert gemeinsam mit der Holocaust-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch am Sonntag, 10. November, 15 Uhr, im Ignaz-Bubis-Gemeindezentrum, Savignystraße 66, an die Pogromnacht. 

Daraufhin habe sie das Konzept angepasst. Nur einige Innenstadtplätze – Paulsplatz, Römerberg, Börneplatz – sollten ins Dunkel getaucht werden. „Die Absage kommt nun sehr kurzfristig“, sagte sie. Wäre sie früher gekommen, hätte sie ihr Konzept weiter ändern können.

Die Jüdische Gemeinde reagierte enttäuscht. Die „Abwesenheit von Licht“ wäre eine neue Form des Gedenkens an die Pogromnacht gewesen, sagte Marc Grünbaum, Kulturdezernent und Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Es sei „befremdlich“, dass die Veranstaltung so kurzfristig abgesagt wurde. Besonders, weil die Jüdische Gemeinde schon vor sieben Monaten mit dem Konzept auf die Stadt zugegangen sei.

Die Ereignisse der Pogromnacht in Frankfurt hat das Historische Museum in seiner Publikation „‚Die Synagogen brennen …!‘ Die Zerstörung Frankfurts als jüdische Lebenswelt“, veröffentlicht 1988, festgehalten. Gegen fünf Uhr am Morgen des 10. November 1938 begannen nach Berichten von Zeitzeugen die Brandstiftungen in Synagogen in Frankfurt. Wohnungen und Geschäfte von Juden wurden zerstört. Tagelang machte das Naziregime Jagd auf jüdische Männer, die gequält, verhaftet, in der sogenannten Sammelstelle Festhalle festgehalten und über den Südbahnhof in Konzentrationslager deportiert wurden. Wie die Historikerin Jutta Zwilling berichtete, kamen mindestens 2621 Frankfurter Juden ins Konzentrationslager Buchenwald, weitere 534 Menschen in das Konzentrationslager Dachau.

Bis auf die Westend-Synagoge verschwanden nach der Brandschatzung alle Synagogen aus dem Stadtbild. Den Abriss mussten die Frankfurter Juden mit einer „Judenvermögensabgabe“ bezahlen. Heute erinnern Gedenktafeln an die abgerissenen Gotteshäuser, etwa in der Friedberger Anlage, in Bockenheim, Rödelheim und Höchst.

Einen Teil ihrer Kunstaktion will Lecomte nun trotzdem umsetzen. Auf dem Römerberg will sie am Samstag um 18 Uhr lichtempfindliche Fotobahnen verlegen. „Damit ich die Dunkelheit einfangen und mitnehmen kann.“

Von Florian Leclerc

Bei einer Gedenkstunde in der Paulskirche in Frankfurt greift Marc Grünbaum von der Jüdischen Gemeinde die Politik scharf an. „Die große Koalition ist Steigbügelhalter der AfD.“ 

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