Die FNP-Redakteurinnen Ute Vetter, Kerstin Schellhaas und Pia Rolfs (von links) müssen über so manche Zuschrift selbst schmunzeln. 
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Die FNP-Redakteurinnen Ute Vetter, Kerstin Schellhaas und Pia Rolfs (von links) müssen über so manche Zuschrift selbst schmunzeln. 

Leserzuschriften

„Hate Slam“ in Frankfurt: Literarische Perlen blanken Hasses

  • Holger Vonhof
    vonHolger Vonhof
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Redakteure der drei großen Frankfurter Tageszeitungen Frankfurter Neue Presse, Frankfurter Rundschau und Frankfurter Allgemeine Zeitung geben beim „Hate Slam“ Einblicke in ihre Postfächer.

  • Hate Slam“ in Frankfurt im Neuen Theater Höchst
  • Frankfurter Neue Presse,  Frankfurter Rundschau und FAZ tragen Leserbriefe vor
  • Aus Hass werden wahre Perlen, über die man nur lachen kann

Frankfurt - „Du bist ein armseliges Menschlein, dessen Leben offenbar keinen Sinn mehr hat. Ich finde, du kannst gern von einem der großen Häuser springen, die an der Zeil stehen.“ Diesen gut gemeinten Ratschlag hat ein Redakteur dieser Zeitung von einem Leser erhalten: Hass-Briefe und -E-Mails dieser Art gehen seit Jahren verstärkt in Zeitungsredaktionen ein, seit der elektronische Postversand von weiten Teilen der Bevölkerung genutzt wird.

Viel Sinnvolles kann so mit einem Knopfdruck erledigt werden, aber der Nachteil ist klar: Geiferer und Schreihälse müssen ihren Hass nicht mehr zur Post tragen und frankieren, sondern können ihn im Sekundentakt an hunderte Adressen versenden oder in den Social-Media-Foren hinterlassen.

„Hate Slam“ in Frankfurt: „Sehr geehrtes Herr Arschloch“

Journalisten ist es durchaus nicht fremd, sich konträren Meinungen zu stellen, aber was seit einigen Jahren so in die Postfächer trudelt, hat die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse, der Frankfurter Rundschau und der Rhein-Main-Zeitung der FAZ dazu bewogen, diese Ausdünstungen des Volkszornes öffentlich zu machen: Für den ersten Frankfurter „Hate Slam“ des neuen Jahres hatte man das Neue Theater Höchst gewählt; der Titel war aus einer realen Zuschrift gegriffen: „Sehr geehrtes Herr Arschloch!“. Einige der Zuschriften aus E-Mail-Eingängen, Briefkästen und Social-Media-Foren sind nämlich zu komisch, als dass sich nur wir Journalisten uns darüber den Bauch halten sollten. Es sind wahre Perlen, die einer breiten Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden dürfen.

Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, muss sich von Menschen, die ihre Meinung nicht teilen, schon mal als „links-grün verwirrte Oberschlesierin“ beschimpfen lassen. Während die FR-Redakteurinnen in Hass-E-Mails gerne als hässliche, missgebildete und „untervögelte“ Kreaturen dargestellt werden, bekommen die Kolleginnen dieser Zeitung gerne intellektuelle und gesinnungsmäßige Defizite zugeschrieben.

„Hate Slam“ in Frankfurt: Hass ist oft enttäuschte Liebe

„Aus meiner Sicht sind einige Leute von Ihnen besser beim Amt in Hartz IV aufgehoben“, heißt es schon mal. Das gilt es zu analysieren: „Hass ist oft enttäuschte Liebe“, weiß Pia Rolfs, Redakteurin dieser Zeitung. Hervorgerufen wird sie etwa dadurch, dass wichtige Leserbriefe nicht oder nicht komplett abgedruckt werden. Rolfs zitiert aus einem Schreiben: „Es wäre schön, wenn Sie meinen Leserbrief wegen meiner Liebe zur Wahrheit ungekürzt abdrucken würden.“ Ein anderer informiert die Redaktion über seine Selbstkasteiung: „Ich könnte fast jeden zweiten Tag einen Leserbrief schreiben, aber ich diszipliniere mich selbst!“

Werner D'Inka, Mitherausgeber der FAZ, hat festgestellt, dass zwei Drittel aller Hasskommentare von Männern stammen. Auch die FAZ muss sich schon mal als „linksversifftes, neo-liberales Zeckenblättchen“ beschimpfen lassen. Interessant findet D'Inka: „Viele Leser solcher Zuschriften meinen offensichtlich, die Orthografie gehöre nicht zu Deutschland.“

„Hate Slam“ in Frankfurt: „Demokratie ist widernatürlich“

„Das große Reinemachen“ drohen von Fremdenhass Getriebene an; dann werde sich auch die „unter Kontrolle der US-Juden“ stehende Lügenpresse umschauen. In die rechte Ecke drängen lassen will sich keiner der Schreiber, auch nicht der Verfasser dieser Zeilen: „Es gibt viele Bürger, die sich vor Negern ekeln, und es kann nicht sein, dass man für eine naturgegebene Antipathie als Nazi bezeichnet wird.“

Mit dem bundesrepublikanischen Staatssystem haben viele ihre Probleme. „Demokratie ist widernatürlich“, trägt FNP-Redakteurin Ute Vetter aus dem Brief eines Monarchie-Fans vor, der Krone, Thron und Gottesgnadentum bevorzugt. Und FNP-Sportchefin Kerstin Schellhaas zitiert einen Leser, der einen guten Ratschlag für uns Journalisten hat: „Kaufen sie sich einen Strick und erlösen Sie Ihre Mitmenschen!“ Ein anderer befindet: „Es gibt nur ein zutreffendes hessisches Wort für Sie: Dummschwätzer!“

Eine recht vernünftige Einstellung hat dann doch ein anderer, der das gegenseitige Beschimpfen in Social-Media-Foren nicht mag: „Das Internet ist nicht dafür da, sich über andere lustig zu machen oder sie zu beleidigen. Eigentlich ist es für Porno gedacht.“

Holger Vonhof

Die Netflix-Serie „Skylines“, die in Frankfurt gedreht wurde, ist für den Grimme-Preis nominiert. Hauptdarsteller Edin Hasanovic hat jedoch auch noch etwas anderes zu sagen.

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