Scharfe Kritik

Absurde Situation in Frankfurt: Mietwohnungen stehen leer ‒ trotz vieler Interessenten

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Mindestens 120 nagelneue Mietwohnungen in Frankfurt stehen leer und finden keine Mieter. Von ungewohnter Seite kommt nun scharfe Kritik.

  • In Frankfurt stehen mindestens 120 Mietwohnungen frei.
  • Interessierte müssen eine Berechtigung beim Wohnungsamt beantragen.
  • Das dauert mehrere Wochen.

Frankfurt – Nagelneue Mietwohnungen stehen leer, obwohl viele Menschen eine Wohnung suchen: Diese absurde Situation wird in Frankfurt derzeit durch zu komplizierte Förderregeln der Stadt verursacht. Nun äußert sogar die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG ungewöhnlich kritische Worte gegenüber der Stadt.

Bezahlbare Wohnungen auch für Menschen, die mehr als Sozialhilfeniveau verdienen, trotzdem aber nicht auf Rosen gebettet sind: Dieses Ziel hat sich die Römerkoalition von CDU, SPD und Grünen gesteckt. So fördert die Stadt den Bau von Wohnungen mit reduzierten Mieten für Menschen, die bis zu 75 Prozent über dem Sozialhilfe-Bemessungssatz verdienen. Doch der Weg, wie Mieter zu den Mittelstandswohnungen kommen, ist kompliziert. Die Folge: Vielfach stehen neue Wohnungen zunächst leer.

Mietwohnungen in Frankfurt stehen leer: „Untersuchen noch, woran es liegt“

Über das Problem hatte diese Zeitung vorigen Sommer erstmals bei einem Neubauprojekt der ABG mit 24 Wohnungen in der Höchster Billtalstraße berichtet. Dort hatte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) bei Baubeginn angekündigt, die Stadt wolle beim Wohnungsbau im Frankfurter Westen „auf die Pauke hauen“. Kürzlich war bekannt geworden, dass auch in den frisch aufgestockten Häusern in der Ginnheimer Platensiedlung 80 Wohnungen leer stehen – trotz Wohnungsmangels in der Stadt.

„Wir können nicht ganz nachvollziehen, warum die Wohnungen nicht an Mann und Frau gebracht werden“, räumt Mark Gellert ein, Sprecher von Wohnungsdezernent Mike Josef (SPD). „Wir untersuchen noch, woran es liegt.“ Dezernent Josef betont zudem in einer Antwort auf mehrere parlamentarische Anfragen, dass 1241 Anträge seit Mai 2020 eingegangen seien. Um die Wohnungen in der Platensiedlung nun zu vermieten, werde dort die Förderrichtlinie zeitlich befristet gelockert, kündigt Josef an: Die Wohnungen sollen auch als Sozialwohnungen vermietet werden.

Aufgestockte Häuser in der Platensiedlung in Frankfurt: 80 der neuen Wohnungen stehen hier noch leer. Vermieter ABG ist sauer.

Frankfurt: Für Mietinteressenten und Vermieter ist es kompliziert

Die Stadt hat die Mietangebote und Infos zum Verfahren, wie Mieter an Berechtigungsscheine kommen, auf der Internetseite www.frankfurt-fairmieten.de zusammengefasst. Dennoch wundert man sich im Wohnungsdezernat laut Sprecher Gellert auch deshalb über die Probleme, weil die Wohnungsgesellschaften beim Einführen des Verfahrens eingebunden gewesen seien.

„Aber die Stadt hat leider nicht die abgestimmte Variante genutzt“, sagt ABG-Geschäftsführer Frank Junker. Stattdessen müssten Mieter nicht nur zunächst eine Berechtigung beim Wohnungsamt beantragen. Das funktioniere kontaktlos per Post, betont Dezernent Josef, dauert aber im Durchschnitt 36 Tage Bearbeitungszeit.

ABG-Chef: Verfahren in Frankfurt ist zu langatmig

Wollen Mieter dann konkret eine Wohnung mieten, muss der Vermieter zusätzlich beim Wohnungsamt anfragen und sich die Gültigkeit des Berechtigungsscheins erneut bestätigen lassen, erklärt der ABG-Chef. „Ich verstehe nicht, warum es so kompliziert sein muss.“ In dem Schein seien alle notwendigen Angaben schon enthalten. Gebremst werde die Bearbeitung auch, weil sich die Stadt weigere, Mietinteressenten die Option einzuräumen, dass sie ihre Kontaktdaten auf der Internetseite sofort für die Vermieter freigeben dürfen. „Die Daten gibt die Stadt nur einmal im Monat weiter“, kritisiert Junker.

Mike Josefs Sprecher Gellert kündigt an, das Verfahren werde, falls nötig, noch verbessert. Womöglich sei das Problem in der Platensiedlung auch verursacht worden, weil dort sehr viele Wohnungen auf einen Schlag auf den Markt gekommen seien.

Die 24 Wohnungen in Höchst hat die ABG nun vermietet, sagt ihr Geschäftsführer. Das sei aber nur „auf einer sehr langen Zeitschiene“ möglich gewesen. Frank Junkers Urteil: „Das Verfahren ist zu langatmig.“ Daher stünden bei der ABG aktuell 120 Wohnungen leer. (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

Diese Geschichte zeigt einmal wieder: In der Mainmetropole ist der Wohnraum knapp. Der Direktor des Regionalverbands, Thomas Horn, schlägt deshalb vor, Kleingärten vom Rebstockgelände an den Stadtrand zu verlagern, um in Frankfurt Platz für 12.000 Wohnungen zu schaffen.

Rubriklistenbild: © Monika Müller

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