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Die Stadt will "Autolärm nicht durch Touristenlärm ersetzen": Radfahrer und Fußgänger erobern den gesperrten, leeren Mainkai sofort.

Test-Sperrung

Mainkai: Mehr Platz für Gastronomie - Bürger sollen autofreie Strecke erobern

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Das Mainfest ist zu Ende, doch in diesem Jahr müssen die Fußgänger jetzt den Mainkai nicht für Autos und Laster freimachen. 13 Monate lang bleibt ihnen das Ufer weiter exklusiv vorbehalten. Was aber soll in dieser Zeit auf der Straße in bester Altstadtlage geschehen?

Frankfurt - Wegen der Trockenheit hatte mancher gebangt. Dann ist das Mainfest gestern Abend doch mit einem fulminanten Feuerwerk zu Ende gegangen. Das bunte Spektakel war zugleich ein würdiger Start für einen großen Verkehrsversuch.

Zum ersten Mal werden nach den Festivitäten der Mainfischer die Sperren der Uferstraße an der Alten Brücke und der Untermainbrücke nicht weggeräumt. Sie bleiben voraussichtlich bis 1. September 2020 stehen. So lange läuft die testweise Mainkai-Sperrung. Vom Stadtparlament beschlossen, haben Radfahrer und Fußgänger Vorrang. Autos, Laster, Motorräder und Busse müssen den Bereich umfahren.

Das dreispurige Asphaltband ist einfach so allerdings nur für einige Freizeitaktivitäten attraktiv. Per Inlineskates lässt es sich nun wunderbar an der Altstadt vorbeirauschen, ebenso natürlich auf dem Fahrrad oder - wer es sich leisten mag - mit dem E-Scooter. Umgestaltet aber wird die Straße zunächst nicht.

Der Umbau ist bewusst noch nicht vorgesehen, da sich die Koalitionäre von CDU, SPD und Grünen zu einer dauerhaften Sperrung der Straße nicht durchringen konnten. Die Sperrung sei ein Test und soll ausdrücklich nicht unumkehrbar sein, wie Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) betont. Wie der Mainkai umgestaltet werden kann, soll erst später ein Architektenwettbewerb ergründen.

Stattdessen will die Stadt, dass die Besucher die Straße spontan und nach Lust und Laune kreativ nutzen. Weder zusätzliche Gastronomie-Angebot noch weitere riesige Feste soll es dort geben. "Wir wollen den Autolärm nicht durch Touristenlärm ersetzen", betont Oesterling. Der "ruhigen Erholung" soll der Mainkai dienen.

Mainkai: Mehr Platz für Gastronomie

Etwas mehr Gastronomie aber ist durchaus vorgesehen, wie Oesterlings Referent Hans Preißl erläutert. So könnten das Frankfurter Wirtshaus am Fahrtor und das Mainkai-Café an der Straßenecke Zum Pfarrturm nun die Gehwege komplett für ihre Außenbewirtschaftung nutzen. Denn die Fußgänger können ja einfach auf der Fahrbahn laufen.

Die Fahrbahn selbst werde aber - besonders im östlichen Abschnitt - freigehalten, um die Zufahrt der Feuerwehr zu gewährleisten, erklärt Preißl. Eine Koordination der verschiedenen Nutzungen der Straße gebe es indessen nicht. In Teilbereichen der Straße wolle das Umweltdezernat zwei "grüne Zimmer" aufbauen, wie es sie auch schon auf dem Rathenauplatz gibt. Hier gibt es Sitzmöglichkeiten inmitten der Pflanzflächen, es entsteht "Raum für Mittagspause oder einfach für den Aufenthalt", sagt Preißl.

Außerdem werde ein Lehrgarten angelegt, den Schulen nutzen könnten, erklärt Preißl. Dieses Projekt laufe unter der Regie des Stadtschulamtes. Des Weiteren überlege das Jüdische Museum, eine Open-Air-Ausstellung direkt auf der Straße aufzubauen. Diverse Institutionen und Parteien hätten schon angefragt, ob sie auf den Fahrbahnflächen Veranstaltungen anbieten können. Solche Veranstaltungen koordiniert das städtische "Servicecenter Veranstaltungen". Genehmigt werden sie, wenn sie zum Konzept des eher ruhigen Mainkais passen.

So müssten Anwohner keine Sorge vor lauter Musik bis in die Nacht haben, beruhigt Preißl. Besonders jene Veranstaltungen, die es dort schon länger gebe, könnten sich aber vergrößern. Das habe beispielsweise die Jugendfeuerwehr bei ihrem stadtweiten Sommerfest vor. Jene Veranstaltungen, für die bisher schon der Mainkai gesperrt wurde, bleiben ebenfalls unverändert groß, etwa Marathon, Ironman, Internationale Woche des Sports und natürlich das Museumsuferfest. Der Weihnachtsmarkt hingegen wächst trotz der neuen Möglichkeiten nicht auf den Mainkai: "Es findet sich dort kein Standbetreiber, der nur für ein Jahr eine so große Investition tätigt", erklärt Hans Preißl. Anders sähe es erst aus, wenn klar sei, dass die Flächen dauerhaft zu Verfügung stehen.

Mainkai: Autonome Busse pendeln

Eine Entlastung dürfte die gesperrte Straße dennoch auch während des diesjährigen Weihnachtsmarktes bieten. Denn just am Fahrtor herrscht oft besonders enges Gedränge, wenn stehende Glühweintrinker die dort entlang laufenden Passanten blockieren.

Auch interessant: Mainkai-Sperrung - CDU-Stadtteilchef ruft zu Widerstand auf

Die Test-Sperrung soll zudem für einen Praxistest genutzt werden: Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) und die Verkehrsgesellschaft (VGF) wollen einen autonom fahrenden Kleinbus zwischen beiden Brücken im Pendelbetrieb fahren lassen - als offizielle Linie, für die Öffentlichkeit nutzbar und kostenlos. Der Betrieb soll nach Informationen dieser Zeitung in der Woche ab dem 23. September und mit Continental als Partner anlaufen. Zu Detailauskünften verweist die VGF an den federführenden RMV. Doch der hüllt sich bisher, auch auf konkrete Nachfrage hin, in völliges Schweigen.

Bis Anfang September 2020 ist der Mainkai gesperrt. Fünf Tipps, wie Autofahrer den Bereich umfahren können, gibt die Redaktion hier.

Kommentar von Dennis Pfeiffer-Goldmann

Die Frankfurter und ihre Besucher sollen sich den Mainkai selbst erobern. Klar, kann man so machen. Angesichts des Test-Charakters der Straßensperrung, mag es probat sein, wenn erstmal nicht viel auf der leeren Gass' geschieht. Ein Umbau jetzt wäre herausgeworfenes Geld, wenn er rückgängig gemacht werden müsste.

Muss er aber nicht. Das ahnt nun wirklich jeder. Nie wieder wird hier Verkehr entlang rauschen. Das auszusprechen aber traut sich kein Stadtoberer. Um bloß niemanden vor den Kopf zu stoßen, den die Sperrung stört. Die diplomatische Zurückhaltung führt nun unweigerlich zu einer echten Frankfurter Lösung: die des Halbgaren. Wie der Mainkai in ein paar Jahren aussehen wird, lässt sich auf der Hauptwache anschauen. Stellen wir uns also auf ein durch Nichtstun zur Dauerlösung mutierendes Provisorium ein. Das wir alle uns natürlich dennoch erobern. Auch wenn es weder ansehnlich noch praktisch sein wird.

Für die Entscheider ist dieser Weg natürlich der einfachste. Sie machen sich keine Mühe, den verdrängten Autofahrern Alternativen zu bieten. Und sei es nur eine Pendlerstraßenbahn von den leerstehenden Neckermann-Parkdecks an der Hanauer Landstraße in die City. Die Stadtoberen machen sich auch keine Mühe, allzu aktiv das Neue am Mainkai zu gestalten. Stattdessen werden alle weitgehend sich selbst überlassen. So lässt sich zwar auch keine Begeisterung für die Sperrung entfachen. Aber es erspart wenigstens Arbeit im Römer. Und es zeigt klar, welchen Gestaltungswillen Schwarz, Rot und Grün haben: keinen.

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