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Dieser Tage am gesperrten Mainkai: Anwohner erobern den neuen Lebensraum mit einem Picknick.

Verkehr

Die Mainkai-Sperrung spaltet die Stadt Frankfurt: Die einen hassen sie, die anderen lieben sie

Stinkende Staus, rasende Autos, Schwerlastverkehr. Das war mal. Nun atmen die Bewohner des Mainkais auf. Den Verdruss der Sachsenhäuser können sie verstehen, nicht aber die Argumente.

Frankfurt - Diese Ruhe. Christine Hölzel-Mau öffnet die Tür zu ihrem Balkon - und so gut wie nichts ist zu hören. Keine 30 Meter von ihrer Parterrewohnung führt der Promenadenweg am Mainufer entlang. Ein paar Menschen schlendern da vorbei, hier und da kommt ein Radler. 

Direkt vor Christine Hölzel-Maus Balkon geschieht gerade nichts, wie eigentlich fast immer jetzt. Verlassen liegt die Fahrbahn des gesperrten Mainkais da, über die sich vor wenigen Wochen täglich noch an die 20 000 Autos bewegt haben, mal in stinkenden Staus, mal mit aufheulenden Motoren rasend. Allein der Schwerlastverkehr, der umliegende Großbaustellen wie die am Maintor ansteuerte, verleidete Christine Hölzel-Mau und ihrem Mann Hans Mau nicht selten den Balkon. Nun steht sie da, und kein Blech trübt den Blick über ihre Pflanzen hinweg auf Main und Sachsenhäuser Ufer. Christine Hölzel-Mau atmet durch - in jeder Weise. Und darauf wollen sie und ihr Mann nicht mehr verzichten müssen.

Mainkai-Sperrung: Riss durch die Stadt Frankfurt 

Wie ihr geht es den meisten Nachbarn im Haus Am Leonhardstor 25 an der Ecke zum Mainkai. Vor sieben Jahren ist ihr Mehrparteienhaus fertiggestellt worden. Entworfen hat es der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler. Seit der Mainkai gesperrt ist, kann man wohl sagen: Besser als hier lässt's sich in Frankfurt kaum wohnen. Der Ortsbeirat 5 fordert in des die Aufhebung der Sperrung. Ein entsprechender Antrag der AfD ist aus einem kuriosen Grund blockiert* worden. 

Damit das so bleibt, denken die Leute im Leonhardstor 25 zurzeit über eine Bürgerinitiative nach, auch mancher Bewohner anderer Stadtteile habe schon Interesse geäußert, unter anderem ein Landschaftsarchitekt aus dem Nordend. Noch gibt es nicht mal einen Namen für diese Pro-Sperrung-BI und Gegen-BI gegen den Zorn der Sachsenhäuser und ihrer Bürgerinitiative. Wobei "gegen" vielleicht das falsche Wort sei, sagt Christine Hölzel-Mau. Sie weiß ja, wie die Sachsenhäuser leiden. Sie weiß, was es bedeutet, tagsüber die Fenster nicht öffnen zu können wegen des Lärms, wegen der Abgase. "Wir haben das jahrelang so gehabt", sagt sie.

Dieser Tage waren die Mainkai-Bewohner im Verkehrsausschuss gewesen, es ging hoch her in der Bürgerfragestunde. Wo der Main mäandert, geht ein Riss durch die Stadt. Eine Ärztin warf sich im Verkehrsausschuss für die Sachsenhäuser in die Brust, betonte den Schaden für Gemüt und Gesundheit. "Genau so", sagt Christine Hölzel-Mau, "ist vorher unsere Gesundheit gefährdet worden." Auch deshalb, sagt ihre Nachbarin und Mitstreiterin Beatrix Betten, gehe es ihnen nicht darum, gegen die Sachsenhäuser zu agieren. Es gehe um eine Grundsatzfrage: Ist das Chaos in Sachsenhausen einzig auf die Mainkai-Sperrung zurückzuführen? Beatrix Betten findet: Nein!

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Die Mainkai-Sperrung ist schlecht geplant

Schon bevor die Ost-West-Achse dichtgemacht worden sei, habe sie ein klares Verkehrskonzept für Frankfurt vermisst, jetzt vermisst sie es noch viel mehr. In einem Leserbrief an diese Zeitung hat sie dieser Tage aufgezählt, in welcher Straße was gemacht werden müsste, wo man wie abbiegen können müsste, dass der Flohmarkt vom Süd- ans Nordufer verlegt werden müsste. Dass Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) die 13-monatige Test-Sperrung des Mainkais nicht sorgfältig vorbereitet hat, monieren auch die Günstlinge. Schließlich gefährde die schlechte Planung die gute Absicht. Frankfurt brauche ja viel mehr Mainkais, sagt Christine Hölzel-Mau, auch in Sachsenhausen, Frankfurt brauche viel mehr Ideen, wie man den Verkehr in der City und den innenstadtnahen Stadtteilen verringert, den Infarkt vermeidet. 

Testphase auf Mainkai nicht vorzeitig beenden

Als die Autos von der Hauptwache verbannt worden seien, sagt Beatrix Betten, sei der Aufschrei ebenfalls groß gewesen. Heute rege sich darüber niemand mehr auf. "Es wäre deshalb falsch, die Testphase auf dem Mainkai vorzeitig zu beenden", sagt Beatrix Betten. Dass Dezernent Oesterling einen ungünstigen Zeitpunkt gewählt hat, fügt sich für sie tragisch in die gesamte Fehlplanung ein. "Wäre damit am 1. April und nicht so kurz vor dem Museumsuferfest begonnen worden, hätten sich die Menschen das ganze Frühjahr über schon mal daran gewöhnen können."

Vielleicht, sagen die Sperrungsbefürworter, wäre ihr Mainkai dann längst schon belebter, hätten sich die Frankfurter die neue Freiheit am Main längst erobert. Dieser Tage haben Christine Hölzel-Mau, Beatrix Betten und einige Nachbarn mal damit angefangen. Tisch und Stühle haben sie auf den Mainkai gestellt und miteinander gespeist. Die meisten Passanten hätten's gut gefunden, sagt Christine Hölzel-Mau. "90 Prozent Zustimmung."

Mark Obert

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