+
Medizinerin Dagmar Jensen (links) und Assistentin Elisabeth Rechberg (Kinder-Krankenschwester) im Behandlungszimmer.

Gesundheit

Frankfurt: Malteser bietet Sprechstunden für Menschen ohne Krankenversicherung sucht an

Alle vier Wochen bieten die Malteser eine Sprechstunde für Menschen ohne Krankenversicherung an. Der Zulauf zum kostenfreien Angebot im Markuskrankenhaus wird immer größer.

Frankfurt - Die Stühle im Wartezimmer mit den weißen Wänden sind fast alle besetzt. Die Patienten schauen auf ihre Handys, reden miteinander oder betrachten die Bilder an der Wand. Die drei großen Fotografien zeigen Szenen aus Frankfurt – die Skyline aus der Ferne im Abendrot oder emsiges Treiben auf dem Eisernen Steg. Der Spielteppich im Wartebereich bleibt unbenutzt, nur Erwachsene sind an jenem Montag in das Medicentrum am Markuskrankenhaus gekommen. Sie alle warten geduldig, bis einer der zwei behandelnden Ärzte im fünften Stock Zeit für sie hat. Und sie alle eint eine Sache: Keiner besitzt eine Krankenversicherung.

Lesen Sie auch: Organisation betreibt im Markus-Krankenhaus eine Praxis für Menschen ohne Krankenversicherung

„Heute ist besonders viel los“, sagt Barbara Gräfin von Brühl mit Blick auf das Wartezimmer. Von Brühl ist für die organisatorische Projektleitung der Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung zuständig. Sie ist Mitbegründerin des Angebotes, das es seit 2006 gibt. Damals trug es noch den Namen Malteser-Migranten-Medizin und war im Bürgerhospital angesiedelt. 2012 folgte der Umzug an den heutigen Standort in der Wilhelm-Epstein-Straße. Die Malteser dürfen die Räumlichkeiten kostenfrei nutzen. Die Projektleiterin ist eine von zwei Helferinnen, die an diesem Tag von 15 bis 19 Uhr ehrenamtlich die beiden diensthabenden Ärzte unterstützen.

Sprechstunde bei den Maltesern: Arzt im Ruhestand

Rainer Boettge ist einer der Ärzte. Der Mediziner ist seit einigen Jahren im Ruhestand, engagiert sich aber immer noch ehrenamtlich. Zu seinen Patienten gehört ein 57 Jahre alter Mann aus Polen, der über Schmerzen in den Füßen klagt. Der Mann setzt sich auf die Liege in einem der beiden Behandlungsräume, Boettge untersucht ihn. „Beide Füße sind kalt“, sagt der Doktor. Der polnische Patient ist mit der vorläufigen Diagnose Durchblutungsstörung zu den Maltesern gekommen, Boettge diagnostiziert letztendlich aber Gicht. Zur Abklärung soll noch eine Röntgenaufnahme gemacht werden, ein Partner des Projekts übernimmt das kostenlos. Zuvor gibt der Mediziner dem 57-Jährigen aber noch Schmerztabletten und ein Mittel gegen Gicht mit. „Mit dem Rauchen müssen Sie trotzdem aufhören“, mahnt Boettge.

Der Mann aus Polen ist nach Deutschland gekommen, um zu arbeiten. Dann fingen die Schmerzen in den Füßen an, arbeiten war nicht möglich. Vom Jobcenter bekommt er kein Geld, weil er keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung hat. Die aber bekommt er nur, wenn er mehrere Monate gearbeitet hat – ein Teufelskreis, der dazu führt, dass er nicht krankenversichert ist.

Das Angebot der Malteser für Menschen ohne Krankenversicherung erhält stetigen Zulauf. 2018 gab es etwa 1600 Behandlungen, und fast 600 Menschen waren zum ersten Mal bei den Ärzten vorstellig. Die Erstkontakte waren damit um 14 Prozent höher als noch 2017. Etwa zwei Drittel der Patienten haben keinen legalen Aufenthaltsstatus, 70 Prozent der Menschen kommen aus einem Land außerhalb Europas. Das bedeutet, dass Menschen aus Europa, der EU oder aus Deutschland eher den kleineren Teil ausmachen. Trotzdem gibt es auch sie. „Es kommen auch Selbstständige, die keine Krankenversicherung mehr haben“, berichtet von Brühl. Auch Studenten, die die Regelstudienzeit überschritten haben, sind auf die Sprechstunde der Malteser angewiesen.

Sprechstunden werden durch Spenden finanziert

Die Menschen seien glücklich, dass es die Anlaufstelle gibt. Man merke, dass sie sich bei den Maltesern sicher fühlten, weil viele seit mehreren Jahren immer wieder kommen. Unter Wahrung der Anonymität bekommen sie Hilfe bei Erkrankungen und Verletzungen. Die Kosten für Medikamente, Operationen und weitere Aufwendungen werden komplett durch Spenden finanziert.

Auch interessant: Elisabeth-Straßenambulanz: Die letzte Hoffnung für Obdachlose

Dagmar Jensen ist die zweite diensthabende Ärztin an jenem Montag. Insgesamt besteht das Team aus fünf Ärzten und sieben Assistenten. Und die Malteser sind auf der Suche nach zwei weiteren Ärzten, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Die aktuell mitwirkenden Mediziner sind zum Großteil selbstständig oder bereits im Ruhestand. Letzters gilt auch für Dagmar Jensen, seit eineinhalb Jahren ist sie im Projekt dabei. „Ich habe davon gelesen, fand die Idee gut und mache seitdem mit“, sagt die 64-Jährige. Die Fälle, die den Ärzten begegnen, seien dieselben wie in jeder anderen Allgemeinarztpraxis. Von Infekten über Bluthochdruck bis zu Schmerzen in der Wirbelsäule. „Meist sind die Erkrankungen aber weiter fortgeschritten“, sagt Jensen. Ihr fällt beispielhaft die Diabetes einer älteren Patientin ein, die lange Zeit unbehandelt geblieben war. Die Frau litt bereits unter Symptomen wie Gefäßerkrankungen. Bleibt die Krankheit noch länger unbehandelt, drohen Netzhautschäden oder Nierenerkrankungen. „Diabetiker haben wir immer wieder dabei.“

So wie den 50-jährigen Inder. Er sitzt auf einem Stuhl, während Assistentin Elisabeth Rechberg seinen Blutdruck misst. Das automatische Gerät rattert und piepst ein paar Mal. „161:68“, liest Rechberg ab – zu hoch. Zu Hause seien die Werte niedriger, versichert der Mann. Dagmar Jensen kontrolliert die Medikamente. Das Mittel gegen Bluthochdruck brauche etwas Zeit, ehe es anschlage.

Seit 20 Jahren sei er in Deutschland, berichtet der 50-Jährige, auf eine Anerkennung warte er bis heute. Zwar habe er einen Rechtsanwalt eingeschaltet, aber die Situation sei unverändert. Neben Diabetes und Bluthochdruck leidet der Mann auch unter einer Behinderung des linken Beins. Arbeiten habe er nie gekonnt, seit 20 Jahren sei er nicht in der Heimat gewesen. In der Sprechstunde erhalte er wenigstens Hilfe bei seinen Erkrankungen. In vier Wochen wird er wieder zur Kontrolle ins Markuskrankenhaus kommen.

von STEVEN MICKSCH

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare