Professor Dr. Ingo Marzi
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Professor Dr. Ingo Marzi

Notfallplan gegen Terror

Wie ist Frankfurt medizinisch auf den Terror-Fall vorbereitet?

  • Stefanie Liedtke
    VonStefanie Liedtke
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„Terrorangriffe sind Bestandteil und Bürde des Lebens in einer Großstadt“ – so hat es Londons Bürgermeister Sadiq Khan nach den jüngsten Anschlägen in der britischen Hauptstadt formuliert. In Frankfurt am Main sind die Behörden vorbereitet für den Fall der Fälle. Doch es gibt auch Nachholbedarf.

Was, wenn Paris nicht Paris, sondern Frankfurt gewesen wäre? Die Antwort auf diese Frage hat zwei Dimensionen. Die eine ist eine logistische. Und logistisch ist in Frankfurt vieles in bester Ordnung. Für den „Massenanfall von Verletzten“ (kurz: MANV), wie das die Fachleute nennen, gibt es in der Mainmetropole Notfallpläne, durchdacht bis ins kleinste Detail. Die andere ist eine medizinische. Und obwohl Frankfurt reich ist an großen Traumazentren und renommierten Unfallchirurgen, so gibt es dennoch ein Problem: Deutsche Mediziner haben es so gut wie nie mit den Verletzungen zu tun, mit denen sie im Fall eines Anschlags konfrontiert wären – mit abgesprengten Gliedmaßen etwa. „Ein Ereignis wie in Paris mit weit über 100 Schwerstverletzten mit Schuss- und Sprengverletzungen – diese Größenordnung kann sich hier keiner vorstellen. Da hätten wir ein Problem“, urteilt Hans-Georg Jung, Leiter der Medizinischen Gefahrenabwehr beim städtischen Gesundheitsamt.

Woher soll die Expertise auch kommen? Gerade einmal 137 Fälle von Patienten mit Sprengverletzungen sind im bundesweiten Traumaregister der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) im Zeitraum von 1993 bis 2012 dokumentiert. Das sind etwa sieben Fälle pro Jahr – verteilt auf die gesamte Republik. Wissen und Fertigkeiten im Umgang mit derartigen Verletzungen seien hierzulande nicht sehr ausgeprägt, schlussfolgern die Autoren der Studie um den Ulmer Bundeswehrarzt Martin Kulla.

In Frankreich ist das ein wenig anders, weil dort Medizin und Militär enger miteinander verzahnt sind, als dies in Deutschland der Fall ist.

Nachholbedarf am Main

Dass angesichts der zunehmenden Terrorgefahr hierzulande Nachholbedarf besteht, ist aus Sicht von Experten unstrittig. „Manche Kollegen haben noch nie eine Explosionsverletzung gesehen“, weiß Prof. Dr. Ingo Marzi, Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Frankfurter Universitätsklinikum und amtierender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). „95 Prozent der Verletzungen, mit denen wir es im Alltag zu tun haben, sind stumpfe Verletzungen, bei denen die Haut noch intakt ist. Nur 5 Prozent sind offene Verletzungen“ , erläutert er. Explosionsverletzungen aber seien „kriegsähnliche Verletzungen“. „Da zerreißt alles mögliche, das Blut schießt aus der Wunde“, erklärt der Unfallchirurg.

In enger Zusammenarbeit mit der Bundeswehr, die auf diesem Gebiet auch aufgrund ihrer Auslandseinsätze in Afghanistan, Mali und im Nordirak über mehr Erfahrung verfügt, hat die DGU deshalb ein Programm für sogenannte „Katastrophen-Chirurgie-Kurse“ entworfen.

Um die Mainmetropole selbst macht sich Marzi dabei gar keine all zu großen Sorgen. „Hier würde es vermutlich noch gehen, weil es hier noch mehrere große unfallchirurgische Kliniken gibt – aber was ist mit dem kleinen Krankenhaus auf dem Land?“

Überleben sicherstellen

Ein erfahrener Unfallchirurg werde auch mit einer Explosionsverletzung fertig, ist Marzi überzeugt. „Wenn wir beispielsweise einen Motorradfahrer reinbekommen, den es bei einem Unfall komplett zerlegt hat, machen wir nichts anderes: Wir stellen als Erstes das Überleben sicher und stabilisieren ihn so, dass kein weiterer Schaden entsteht.“ Ist dies geschafft und die Wunde sauber, „haben wir Zeit“.

Doch im Fall eines Terroranschlags ist es eben nicht nur ein Motorradfahrer, den es zu versorgen gilt. Dann sind es unter Umständen Dutzende Schwerstverletzte auf einen Schlag. Ein Schwerpunkt bei der Weiterbildung ist deshalb auch die Organisation in der Klinik. Wer macht was? Wer muss zuerst versorgt werden? All dies üben die Teilnehmer der DGU-Fortbildung in Rollenspielen. „Wir setzen die richtig unter Stress“, berichtet Marzi.

Das gilt auch für den Tagesordnungspunkt „Rettung unter Beschuss“. Weil nicht selten auf einen Anschlag der nächste folgt, sobald die Rettungskräfte vor Ort sind, müssten die Kollegen auch für diesen Fall vorbereitet sein. „Second Hit“ (Zweiter Schlag) heißt das im Fachjargon. Auch hierfür gibt es klare Regeln, etwa die, dass niemand die Einsatzstelle betritt, bevor der Einsatzleiter sie nicht freigegeben hat. „Aber Sie werden den ,Second-Hit‘ nie ganz ausschließen können“, weiß Gefahrenabwehrexperte Jung. Deshalb sei es wichtig, dafür zu sensibilisieren. Bei der jüngsten Großübung am Uniklinikum etwa haben die Übungsleiter einen vermeintlichen Patienten samt Handgranate eingeschleust. Eine Ausnahmesituation mitten im Ausnahmezustand.

In Frankfurt steht der erste „Katastrophen-Chirurgie-Kurs“ im Mai auf dem Programm. Überall im Land sind weitere Fortbildungen geplant. Ziel ist es, dass am Ende alle Leitenden und die Diensthabenden Oberärzte der 600 deutschen Traumazentren für den Fall der Fälle vorbereitet sind und ihr Wissen an die Kollegen in ihrem Haus weitergeben.

Doch die Schulung kostet Geld. Ein Punkt, auf den Marzi nicht sonderlich gut zu sprechen ist. „Mit den Fallpauschalen ist das, genau wie die übrige Notfallvorhaltung, nicht abzubilden“, macht er deutlich, dass sich hier dringend etwas ändern müsse. „Die Vorhaltekosten für Unfälle, aber auch für Terror muss die Allgemeinheit, müssen die Länder tragen.“

Sorgen bereitet Marzi aber noch etwas ganz anderes: die zunehmende Spezialisierung in der Medizin. Während Ärzte seiner Generation – Marzi ist 57 – noch eine breite Ausbildung genossen hätten, spezialisierten sich junge Ärzte heutzutage immer früher. Eine breite Ausbildung aber sei wichtig, betont der Chefarzt: „Sonst haben wir nachher nur noch Spezialisten und keinen mehr, der einen Menschen mit vielen solcher Verletzungen noch versorgen kann.“

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