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Mynia Deeg, Gründerin aus Frankfurt.

Studie

Frankfurt: Mit Frauenpower zur eigenen Firma

  • vonSarah Bernhard
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Bei der Zahl der Gründerinnen liegt Frankfurt gleichauf mit London und vor Paris - trotzdem fehlt noch manches.

Frankfurt – 16 von 100 deutschen Männern gründen ein Unternehmen, aber nur 9 von 100 Frauen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die vom britischen Sozialunternehmen „Moving ahead“ in Auftrag gegeben wurde und Städte in drei Ländern miteinander vergleicht. Mit 9 von 100 liegt Deutschland immerhin bei den Damen gleichauf mit England - dort gründen 20 von 100 Männern und 9 von 100 Frauen ihre eigene Firma - und vor Frankreich (10 Männer zu 7 Frauen).

Und: Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern setzen sich fort: 35 Prozent der in Frankfurt und Berlin befragten Männer wollen in den kommenden drei Jahren ein Unternehmen gründen, aber nur 19 Prozent der weiblichen Teilnehmer (London: 31 Prozent, Paris: 28 Prozent). 36 Prozent der befragten Frauen wollen niemals gründen (je 33 Prozent in London und Paris), nur 28 Prozent der Männer haben noch nie darüber nachgedacht.

Doch dieses Potenzial bleibt ungenutzt. Wir wollten wissen, warum das so ist, warum Frauen dennoch gründen und was sich ändern muss, um potenzielle Gründerinnen zu motivieren, und haben dazu nicht nur die Studie zurate gezogen, sondern auch Britta Mues-Walter und Mynia Deeg. Beide sind nicht nur selbst Frankfurter Gründerinnen, sondern helfen auch anderen dabei, Unternehmer zu werden. Oder eben Unternehmerin.

Gründe fürs Nicht-Gründen

„Ich erlebe die Frankfurter Frauen als selbstbewusst und zielorientiert“, sagt Mues-Walter. Die 51-Jährige ist Co-Direktorin des Frankfurter „Founder Institute“, eines Programms, das Start-ups in einer sehr frühen Gründungsphase mit erfahrenen Mentoren aus der Region zusammenbringt, und das grundsätzlich einen der Plätze für Frauen freihält. „Aber oft fehlt die Konsequenz, den letzten Schritt zu gehen. Frauen neigen dazu, abzuwarten und sich lieber noch mal abzusichern. Sie brauchen einen stärkeren Push und mehr Rückhalt in der Familie als Männer.“ Zudem ließen sie sich von Kritik schneller verunsichern. Diese Erfahrung bestätigt die Studie: Fehlende Risikobereitschaft und mangelndes Selbstvertrauen sind dort die beiden Hauptgründe fürs Nicht-Gründen.

Dazu kommt laut Studie eine dritte Fähigkeit, in der sich Frauen deutlich schlechter einschätzen als Männer: die Fähigkeit, Kontakte zu knüpfen. Mues-Walter nickt. „Das Frankfurter Ökosystem hat sich in den vergangenen Jahren extrem gut entwickelt.

Jetzt müssen Frauen nur noch stärker bereit sein, mal einen Abend oder zwei pro Woche ins Netzwerken zu investieren. „Ich selbst gehe heute aus keiner Veranstaltung mehr, ohne mindestens einen neuen Kontakt zu haben.“

Ins Netzwerken investieren

Eine weitere Hürde ist laut Studie die Finanzierung. Einerseits, weil sich die befragten Frauen laut eigenen Angaben weniger gut mit Finanzierungshilfen auskennen und deshalb oft auf ihr Erspartes zurückgreifen (65 Prozent der Frauen in Frankfurt/Berlin, London: 47 Prozent, Paris: 58 Prozent). Andererseits, weil sie das Gefühl haben, dass Investoren ihnen nicht vertrauen (37 Prozent in Frankfurt/Berlin, London: 22 Prozent, Paris: 37 Prozent).

Auch dieses Gefühl kann Mues-Walter bestätigen. „Frauen als Mit-Gründerinnen sind gerne gesehen, weil viele Investoren ihnen besseres Durchhaltevermögen und stärkeren Realitätssinn zutrauen als Männern.“ Frauen alleine hätten jedoch schlechtere Chancen. „Ihnen werden oft der Biss und das Geschäftsmännische abgesprochen. Da ist noch mehr Aufklärung nötig.“

Britta Mues-Walter ist Co-Direktorin des Frankfurter „Founder Institute“.

Gründe fürs Gründen

Die Hauptmotivation für eine Unternehmensgründung ist für Frauen in allen vier Städten Unabhängigkeit. „Bei uns zu Hause galt das klassische Rollenmodell. Ich habe gesehen, wie mein Vater als Unternehmer agiert, aber auch, dass meine Mutter viele Talente hatte, die sie nie genutzt hat. Deshalb habe ich mir früh vorgenommen, unabhängig zu werden“, sagt Mues-Walter. Seit ihrem BWL-Studium hat sie unter anderem eine Personalberatung gegründet und mehr als 15 Jahre lang geführt. Seit rund einem Jahr baut sie zusammen mit zwei anderen Unternehmerinnen eine Plattform auf, die Frauen den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern soll.

Auch Mynia Deeg (40), die ebenfalls aus einer Unternehmerfamilie stammt und Mentorin beim „Founder Institute“ ist, wusste schon früh, dass sie gründen will. Im vergangenen März hat sie es getan und sich mit einer Online-Schwimmschule selbstständig gemacht. Die Entscheidung fiel, als sie zum dritten Mal schwanger wurde. „Ich brauchte etwas, bei dem ich flexibel bin, sowohl vom Tagespensum als auch vom Ort her.“ Als ihr Sohn im Sommer 2019 fast ertrank, wusste sie auch, womit sie das schaffen könnte. „Ich habe mit führenden Wissenschaftlern gesprochen und dann eine relativ einfache Methode entwickelt, wie man auch einem Kind mit dem größten Dickkopf Schwimmen beibringen kann.“

Bei den weiteren Gründen zu gründen unterscheiden sich Frankfurt und Berlin deutlich von den beiden anderen Städten. Ihre Fähigkeiten und Erfahrungen einsetzen zu können ist für deutsche Frauen der zweitwichtigste Grund (38 Prozent), es folgen mehr Geld (35 Prozent) und eine gute Geschäftsidee umsetzen (25 Prozent). "Gründerinnen wollen in der Regel etwas verändern. Oft im sozialen Bereich, aber gespickt mit viel Kompetenz", sagt Mues-Walter.

Was sich verbessern sollte

Gründungswillige Frauen brauchen mehr Vorbilder, da sind sich Deeg und Mues-Walter einig. „Anders als in Berlin sind bei Frankfurter Veranstaltungen oft viele Investoren, aber keine Gründer. Dabei würden erfahrene Gründerinnen, die erzählen, wie sie vorgegangen sind und andere unterstützen, sehr helfen“, sagt Deeg. Frauen, „die einfach gemacht haben“. Sie selbst hat in ihrem vorherigen Unternehmen noch während der Stillzeit ihr Baby mit zur Arbeit gebracht. „Darüber reden Frauen oft nicht. Erstens, weil sie gar nicht die Zeit haben. Aber auch, weil dann ein Shitstorm über sie hereinbricht, unter anderem von Männern, die nicht ewig Däumchen drehen mussten, wenn ihr Kind 20 von 24 Stunden geschlafen hat.“

Frauenförderung müsse jedoch deutlich früher beginnen, sagt Mues-Walter. „Mädchen schneiden in der Schule oft besser ab, aber am Ende zählen nicht die Noten, sondern wie man ein Ziel verfolgt und sich durchsetzt.“ Mädchen bräuchten also mehr Rollenvorbilder, mehr Ermutigung, müssten viel stärker darin trainiert werden, Konflikte auszutragen, um ihren eigenen Weg zu gehen. „Ich spreche da aus Erfahrung.“

Zusammen mit politischen Maßnahmen wie etwa Steuervergünstigungen und Frauenquote könne der Wandel gelingen. „Und es wäre toll, wenn der Gründungszuschuss über die ersten sechs Monate hinaus verlängert würde“, sagt Deeg. „Bei vielen Geschäftsmodellen ist nach einem halben Jahr nämlich noch nicht viel passiert.“ (Sarah Bernhard)

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