Peter Postleb entfernt ein Flugblatt von einem Laternenmast auf dem Römerberg.	Foto: Rainer Rüffer
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Peter Postleb entfernt ein Flugblatt von einem Laternenmast auf dem Römerberg.

Interview

Frankfurter Müll-Sheriff zurückgeholt: „Zu wenig Respekt für die Stadt“

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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Saubermann Peter Postleb spricht im Interview über mangelnden Respekt gegenüber der Stadt, Dreckecken und wie man ihrer Herr wird. Schmerzhafte Bußgelder zu verhängen ist für ihn dabei ein elementarer Bestandteil. Aber nicht der einzige...

Peter Postleb (71) ist zurück im Dienst der Stadt Frankfurt. Der „Müllsheriff“ hatte 2001 die Stabsstelle Sauberes Frankfurt aufgebaut. Nun berät er Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). Redakteur Thomas J. Schmidt hat mit dem Saubermann gesprochen.

Herr Postleb, kennen Sie Frankfurt noch?

Ja, natürlich. Ich habe lange in Fechenheim gewohnt. Das ist ja mein Vorteil: Ich kenne Frankfurt und die neuralgischen Stellen, ich kenne die Verwaltung, ich weiß, wer zuständig ist. Frankfurt, meine ehemalige Wirkungsstätte, meinen Lebensmittelpunkt, zu verbessern, ist doch toll. Ich freue mich richtig über diesen Auftrag.

Und Sie haben die Autorität, weil Sie für den OB arbeiten. Aber führt das nicht zu Spannungen mit der Verwaltung?

Das glaube ich nicht. Ich komme ja als Außenstehender. Ich gehöre nicht zur Verwaltung. Ich kann Dinge ganz anderes sehen und beurteilen. Ich bin ja auch nicht gegen die Stabsstelle Sauberes Frankfurt.

Die Sie geleitet haben und die jetzt im Umweltdezernat angesiedelt ist. Woran liegt es denn dann, dass man Sie wieder braucht? Was hat diese Stabsstelle nach Ihrem Weggang falsch gemacht?

Man hat es anders gemacht als ich. Sehen Sie, für mich gab es zwei Dinge: Einmal war es das Ordnungsrecht. Ich hatte die Möglichkeit, Bußgelder zu erheben, und habe es auch getan. Und dann war es die Öffentlichkeit. Wir waren publik in den Medien.

Das hat sich nach Ihrem Ruhestand geändert?

Tja. Claudia Gabriel, meine Nachfolgerin, ist, informell gesprochen, meine beste Kollegin. Nach meinem Weggang wurden die Stadtpolizei und die Öffentlichkeit weitgehend herausgenommen aus der Arbeit der Stabsstelle. Sie sind in Kindergärten und Grundschulen gegangen, was völlig richtig ist. Der pädagogische Ansatz ist richtig. Sie macht vieles gut und richtig, aber die Stabsstelle ist nicht mehr im Blick der Öffentlichkeit. Das braucht es eben auch, ebenso wie die Abschreckung der Müllsünder.

Und jetzt kommt der Sheriff zurück?

Nun ja, ich habe keine Polizeigewalt mehr. Ich bin Freiberufler. Ich sehe mich als ganz normalen Bürger, der aber, wenn er wo anruft, die Autorität des Oberbürgermeisters hinter sich hat. Zum Beispiel habe ich heute morgen um 10 Uhr eine E-Mail an das Liegenschaftsamt geschrieben, weil auf dem Römerberg eine Absperrung stand, auf die eine polizeifeindliche Parole geschmiert war. Um 12 Uhr war sie bereits weggeräumt. Ich möchte ein Bindeglied sein zwischen der Stabsstelle, der Stadtpolizei, der Frankfurter Entsorgungs- und Service Gesellschaft (FES) und allen anderen Beteiligten.

Sie kümmern sich also nicht nur um den Müll?

Nein. Sehen Sie, wenn am Eisernen Steg gekehrt ist, alles blitzblank, aber der Aufzug mit Aufklebern und Graffitis verschandelt ist, fragt man sich doch als Besucher: Was ist das für eine Stadt?

Und Müll ist ja mehr als ein weggeworfenes Bonbonpapier oder eine Zigarettenkippe. Es geht ja bis hin zum wilden Sperrmüll, zu Halden von alten Autoreifen.

Ja, und da gibt es neuralgische Stellen, wo das immer wieder vorkommt. Mein Ansatz war schon damals, strukturell zu denken. Also: Warum ist das hier so und wie kann man es ändern?

Haben Sie Beispiele?

Bestimmte Ecken, wo Müll abgelagert wird, könnte man vielleicht mit Fahrradständern versehen. Dann fühlt sich das nicht mehr an wie ein wildes Gelände. Oder die Baumscheiben, die Kästen an der Hauptwache: Wenn das Unkraut dort kniehoch wächst, dann denkt sich niemand etwas dabei, dort auch noch den Pizzakarton hinzuwerfen. Also muss das Unkraut weg und Blumen gepflanzt werden. Das habe ich übrigens mal gemacht als Stabsstelle: Eine Schulklasse sitzt draußen und isst, der Dreck wurde liegen lassen. Da sind wir hin und haben gesagt: Guten Tag, Stadtpolizei. Bitte die Namen aller Schülerinnen und Schüler, sie bekommen eine Anzeige. Der Lehrer hat einen roten Kopf bekommen. Ja, sie sind doch zuständig, habe ich gesagt. Warum lassen Sie das zu? Er hat dann das Geld bei den Schülern eingesammelt und überwiesen, damit die Eltern nichts davon erfahren. Was glauben sie, wie groß dieser pädagogische Effekt ist, wenn die später in Bad Nauheim oder wo sie herkamen sich erinnern, was ihnen damals in Frankfurt passiert ist.

Es gibt ja auch Gewerbetreibende, die ihren Dreck in die Gegend werfen.

Ich habe als Leiter der Stabsstelle oft einen Sicherheitsdienst eingeschaltet. Die haben diese Stellen 24 Stunden beobachtet, und wenn nachts der Lieferwagen kam die Nummer aufgeschrieben und Fotos vom Fahrer gemacht. Dann konnte der beim Amtsgericht nicht mehr sagen: Das war ich nicht, ich habe das Auto verliehen. Ich kenne ja die Ausreden, die dann kommen...

Welche Stellen oder Stadtteile sind besonders neuralgisch?

Natürlich, in der Innenstadt das Bahnhofsviertel. Da gibt es diesen angefahrenen Treppenabgang. Ein Auto war dagegen gefahren, die Steine abgebrochen. Die Bahn sagte, die Stadt sei zuständig, die Stadt sagte, die Bahn. Am Ende hat die Stabsstelle den Schaden behoben. Vor zwei, drei Jahren ist wieder einer dagegen gefahren, und seitdem sieht es wieder scheußlich aus. Also, das Bahnhofsviertel ist kritisch, weil hier Drogenszene, Alkoholszene, Obdachlose und Bordellszene zusammenkommen. Ich kenne es, ich kenne auch die Innenstadt insgesamt genau.

Frankfurt ist größer als die Innenstadt.

Ja, und deswegen fordere ich auch alle Ortsbeiräte auf, mich,, wenn sie solche Probleme haben, anzusprechen. Ich bin gerne bei Ortsterminen dabei und gebe Ratschläge, wie etwa den mit den Fahrradständern an einer neuralgischen Fläche. Ich habe Erfahrung, ich weiß, wie man die Flächen gestalten kann, damit es nicht mehr so einfach ist für die Müllsünder. Ich will während meiner Zeit als Berater des Oberbürgermeisters jeden Tag in einem anderen Stadtteil sein, ab heute, Montag. Noch einmal, ich bitte alle Ortsvorsteher, mich anzusprechen.

Wie lange werden Sie denn Berater des OB sein?

Das ist noch nicht klar. Es heißt, für zwei bis drei Monate, vielleicht auch länger - so lange, bis die zurzeit dramatische Situation sich geändert hat.

Die Situation wurde dramatisch durch Corona?

Klar, die Leute halten sich mehr draußen auf. Aber ich würde es nicht darauf zuspitzen. Das Problem ist älter. Manche Menschen haben zu wenig Respekt für die Stadt.

Es gibt inzwischen bei der Stadtpolizei wieder Zivilstreifen, die Müllsünder aufspüren. Ist das in Ihrem Sinne?

Klar, das haben wir auch gemacht als Stabsstelle. Einmal in der Woche sind wir irgendwo, in der Königsteiner Straße oder der Berger Straße oder sonstwo, zu zweit in zivil gegangen. Die Stadtpolizei war im Hintergrund dabei. Dann haben wir beobachtet, was passiert, und Bußgelder kassiert. 20 Euro für eine Zigarettenkippe. Interessanterweise hat es nie Streit gegeben. Die Leute haben sofort gezahlt, weil sie wussten, dass es noch teurer wird, wenn wir die Personalien aufnehmen und sie dann einen Bußgeldbescheid zugeschickt bekommen.

Und danach ist es nicht mehr geschehen?

Nun, ich habe mich gefreut, als ich gelesen habe, dass die neue Leiterin des Ordnungsamts, Karin Müller, die Sauberkeit in der Stadt wieder zu einem Anliegen gemacht hat. Da habe ich gedacht, Hurra, endlich nimmt beim Ordnungsamt mal wieder jemand das Wort Sauberkeit in den Mund. Jetzt haben sie ja am Opernplatz wieder Bußgelder kassiert. Die Leute wissen das ja gar nicht mehr. Was, das kostet Geld, wenn man seinen Dreck hinwirft?

Sie selbst sind ja jetzt nicht direkt aus dem Ruhestand zurückgekommen. Sie sind Rentner, aber Sie beraten Kommunen?

Ja, und Unternehmen. Ich habe jetzt alle anderen Aufträge zurückgestellt, den letzten vor zwei Wochen beendet. Ich bekomme ja eine gute Rente, es geht mir nicht ums Geld. Ich habe halt viel Erfahrung in der Sache und habe den Kopf voller Ideen. Das kann ich bei der Beratung einbringen. Es geht dabei um Sauberkeit und Sicherheit. Kommunen wie Schwalbach und Kelkheim haben sich von mir beraten lassen. Auch da ging es um Fragen wie die, was man an bestimmten Stellen tun kann, um die Vermüllung zu vermeiden. Oder ein Unternehmensnetzwerk. Ein Unternehmen hat Mess-Sensoren für Unterboden-Glasbehälter entwickelt, damit man den Füllstand ermitteln kann. Da habe ich vermittelt, dass diese Sensoren in Oberrad ausprobiert werden konnten. Solche Sachen machen mir Spaß - konzeptionell denken. Ich bin keiner, der nur Müll meldet.

Etwas überraschend für mich war, dass Sie Mitglied der Grünen sind?

Ja. Aber die Frankfurter Grünen mögen mich nicht so besonders, weil ich halt als Hardliner gelte. Ich bin seit 25 Jahren Mitglied und war bei Tom Koenigs Referent. . .

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