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Für seine Hausmannskost ist das "Mutter Ernst" in Frankfurt bekannt und beliebt. Seit 21 Jahren führt Stephan Ullrich das Lokal, das er von seiner Mutter übernommen hat. Jetzt kommt das Aus.

Gebäude wird abgerissen

"Mutter Ernst": Traditionslokal droht nach 81 Jahren das Aus

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Das Gebäude in der Alten Rothofstraße 12 in Frankfurt wurde verkauft. Der neue Besitzer hat dem Betreiber des Lokals "Mutter Ernst" zwischen Goethestraße und Goetheplatz nach 81 Jahren gekündigt.

Frankfurt - Wer Freitagmittag zu "Mutter Ernst" geht, hat Appetit auf die unverwechselbaren würzigen Frikadellen mit Spiegelei. Jeder Steh- und Sitzplatz und sogar die Theke ist von hungrigen Managern, Bankern und Bummlern, Boutiquenbesitzern und Rentnern belegt. Es ist laut zwischen den holzgetäfelten Wänden und unter Erinnerungsfotos. 

An diesem Freitag wird noch mehr geredet als sonst. Wut, Trauer und Enttäuschung mischen sich zu Apfelwein, Bier und Senftöpfchen. Das Traditionslokal muss schließen. Am 31. März 2020 ist hier Schluss.

Stephan Ullrich (56) steht der Schweiß auf der Stirn. Der Betreiber in dritter Generation führt das Lokal zwischen modischer Nobelmeile Goethestraße, der Neuen Rothofstraße und Goetheplatz seit 21 Jahren. Er rennt voll beladen mit Tellern und Gläsern von Tisch zu Tisch, nimmt Bestellungen auf und serviert. "Meine Großeltern haben das Lokal eröffnet, meine Eltern weitergeführt und dann habe ich übernommen", erzählt er freundlich und sehr bedrückt.

"Mutter Ernst" in Frankfurt: Sanierung ist zu teuer

Die "Mutter Ernst" ist seit jeher gepachtet. "Seit Oktober gibt es einen neuen Hausbesitzer. Der ist sehr ambitioniert und hat gleich losgelegt", berichtet Ullrich mit sanfter belegter Stimme. Man habe sich auf zwei Monate Verlängerung einigen können. Statt in drei Monaten raus zu müssen, gibt es bis eine Verlängerung für ihn bis zum 31. März 2020. "Dass wir raus müssen, ist sehr traurig", so Ullrich, der sich jetzt auf die Suche "nach etwas Neuem machen muss, das zu uns passt." Er wünscht sich und seinen Mitarbeitern "etwas älteres, nicht hochmodernes zu bezahlbarem Preis in guter Lage." Der neue Besitzer wolle das Gebäude abreißen, da die Substanz des Hauses zu alt sei. Eine Sanierung wäre zu teuer.

"Mutter Ernst" in Frankfurt: Auf die Straße gehen

Klaus P. (58) ist sauer. Seit Jahrzehnten ist er Stammgast. Zwischen zwei Bissen in seine große Frikadelle klopft er Ullrich auf die Schulter und sagt: "Mach keinen Scheiß. Wir gehen für Dich auf die Straße. Die ,Mutter Ernst' ist doch so etwas wie ein Kulturerbe. Der Oberbürgermeister muss da was machen." Für ihn ist das Lokal "eine Oase in der Nobelmeile. Es ist eine Schande, so einen Laden zuzumachen", sagt er und bucht gleich für Silvester noch einen Tisch.

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Seit drei oder vier Wochen habe es Gerüchte gegeben, dass die "Mutter Ernst" schließe. "Das Haus wurde verkauft, aber dass es jetzt so schnell gehen muss, ist bitter. Einen solchen Laden kann man nicht einfach neu erfinden. Er ist das Wohnzimmer von Generationen von Leuten, die gut und gemütlich zwischen all dem Glanz essen möchten", sagt P. 

Frankfurt: "Mutter Ernst" muss schließen

Das Klientel besteht nicht nur aus Leuten, die in der Umgebung arbeiten, sondern auch aus vielen Männern, die auf ihre Frauen warten, wenn sie auf der Goethestraße shoppen gehen. "Was soll Mann denn dann machen?", fragt Werner Maler (64). "Ich liebe es, mich hierhin zurückzuziehen, statt mir die Läden anzuschauen, die meine Frau liebt." Ihm seien Handkäs, Rippchen, knuspriges Schweinekotelette oder Erbsensuppe mit Bockwurst "viel lieber, als Schuhe und Handtaschen. So haben wir beide Spaß und treffen uns bei ,Mutter Ernst' auf ein oder zwei Gläser", meint er melancholisch.

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Auf dem Thekenschrank steht eine silberne Uhr. Eingearbeitet in ein bronzefarbenes Hufeisen, das die Öffnung nach unten zeigt. An der Wand darüber lacht Marita Ernst auf einem Aquarellbild. Die Tochter des Gründer-Ehepaares, nach der die Kultkneipe auch benannt wurde, ist 2015 verstorben. "Wir wollen, dass Du hier bleibst", rufen zwei Männer Ullrich quer durch das Lokal zu. 

Frankfurt: "Mutter Ernst" macht dicht

Der hält mit drei großen Tellern in den Händen kurz inne und zuckt leicht mit den Schultern. "Es wird schwer, nach 81 Jahren das Lokal neu zu erschaffen", sagt er in die Runde. "Schwer ist aber nicht unmöglich, wenn wir den richtigen Laden finden", hofft er und versucht dabei, seine Traurigkeit zu verbergen. Die Mitarbeiter an der Theke machen gute Miene zum bösen Spiel. "Wir kriegen das hin. Wir suchen mit für den richtigen Ort für Stephan Ullrich, all unsere Stammgäste und uns."

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