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TikTok-Challenge mit schwerwiegenden Folgen – Was wir lernen müssen

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Von: Julia Lorenz

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Prof. Christine Freitag
Nach TikTok-Challenge: Prof. Christine Freitag im Interview © Christian Christes

Prof. Christine Freitag plädiert für ein Smartphone-Verbot an Schulen bis zur sechsten Klasse

Frankfurt – In den vergangenen Tagen hat es in Hessen auf mehreren Schultoiletten gebrannt. Auch in der Fürstenbergerschule im Nordend gab es eine Brandstiftung, die ebenso wie die anderen möglicherweise im Zusammenhang mit einer Challenge auf der Videoplattform TikTok steht. Prof. Dr. Christine Freitag, Leiterin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, erklärt, was Kinder und Jugendliche zu solchen und anderen Mutproben bewegt.

Frau Prof. Freitag, warum lassen sich Kinder und Jugendliche auf Challenges wie die namens "Devious Lick", die derzeit auf TikTok umgeht, ein?

Das ist ein klassischer Wettbewerb unter Jugendlichen, die cool sein wollen. Das gehört in der Pubertät dazu und das gab es auch schon immer. Allerdings sehen wir eine Entwicklung, dass bestimmte Grenzen weniger eingehalten werden, sei es bezüglich des Umgangs mit anderen oder auch der Zerstörung von Eigentum. Das hat aber nicht alleine mit den Sozialen Medien zu tun. Das ist eine allgemein zu beobachtende Entwicklung seit längerer Zeit.

Nun sind die Challenges auf TikTok aber nicht nur harmlose Wettbewerbe und Mutproben, sondern teilweise auch Aufrufe zu Vandalismus und Gewalttaten. Sind Soziale Medien gefährlich für Kinder und Jugendliche?

Ganz klar, ja. Sie können durchaus negative Auswirkungen haben. Das sieht man gut am Beispiel von TikTok oder auch bei Facebook. Das sind ausgeklügelte Systeme. Die Macher wissen ganz genau, dass gerade Jugendliche auf Werbung und den Vergleich mit anderen aus ihrer Peer-Group anspringen. Da gibt es einerseits die Anstiftung zu Vandalismus in der Gruppe, aber andererseits auch das Forcieren von Schönheitsidealen.

Die Mädchen müssen schlank sein, die Jungs durchtrainiert und muskulös. Das wird durch die sozialen Medien verstärkt. Das macht sich im Rahmen der Corona-Pandemie noch stärker bemerkbar. Wir haben einen starken Anstieg an Essstörungen, und das ist ziemlich sicher auf den höheren Konsum von Sozialen Medien durch die Corona-Pandemie zurückzuführen. Auch die Aufrufe zu Vandalismus und Gewalt nutzen die entwicklungsbedingte Vulnerabilität von Jugendlichen aus.

Wie meinen Sie das?

Es ist ganz normal in dem Alter, dass viele Jugendlichen sich ausprobieren wollen. Das wird durch diese Plattformen angefeuert und in eine negative Richtung verstärkt. Die Schwierigkeit ist aber, dass wir als Gesellschaft, aber auch die Jugendlichen selbst, nicht dazu erzogen sind, das kritisch zu sehen. Durch die Likes und Herzchen und Smileys, die in den Sozialen Medien verteilt werden, wird den Jugendlichen suggeriert, wie toll es ist, was sie machen. Dadurch fällt ihnen eine Distanzierung noch schwerer.

Gibt es denn einen Typ Junge oder Mädchen, die besonders gefährdet sind?

Bezüglich der aggressiven und zerstörerischen Mutproben sind besonders die extrovertierteren, impulsiveren und weniger sozialen Jugendlichen, die sich kaum Gedanken über die Folgen ihres Handelns machen, leicht beeinflussbar. Was die Körperbilder angeht, sind es eher die unsicheren Kinder, die sich der sozialen Norm anpassen wollen.

Sie haben angesprochen, dass die Kinder gar nicht gelernt haben, sich mit den Sozialen Medien kritisch auseinanderzusetzen. Sollte die Nutzung und der Umgang mit Sozialen Medien in der Schule behandelt werden?

Das wäre sicherlich wichtig. Wir müssen proaktiv lernen, kritisch mit Sozialen Medien umzugehen. Letztlich stellt sich im Gesamtzusammenhang aber auch die Frage, wie viel Verantwortung übernehmen wir als Gesellschaft für eine soziale Erziehung von Jugendlichen, und wie schützen wir sie auch vor schlechten Einwirkungen. Darüber gibt es keinen Konsens in der Gesellschaft. Das zeigt sich auch in der Diskussion um die Cannabis-Legalisierung.

Wir tendieren dazu, Jugendliche zu sehr sich selbst zu überlassen. Jugendliche sind aber gerade hinsichtlich der Selbststeuerung und kritischen Reflexion keine Erwachsenen. Sie sind vulnerabel, weil sie deshalb leicht verführt werden. Sie wissen bei Drogen und Sozialen Medien häufig gar nicht, worauf sie sich einlassen, kennen die Risiken nicht. Deshalb fände ich ein Verbot von Smartphones in der Schule und bestimmten Sozialen Medien bis mindestens zur vierten, besser sogar bis zur sechsten Klasse gut.

Das sehen Kinder und Jugendliche wahrscheinlich eher anders.

Mit Sicherheit. Sie sehen aber auch nicht ein, dass man sich gesund ernähren muss. Wenn man sie fragt, würden sich manche Kinder auch gerne den ganzen Tag von Süßigkeiten ernähren. Aber genau das ist doch das Thema. Man kann Kinder und Jugendliche bei gefährlichen Dingen nicht fragen, ob sie das mal ausprobieren wollen. Bei Alkohol überlassen wir ihnen die Entscheidung auch nicht.

Um sich beispielsweise bei TikTok anmelden zu können, muss man aber auch 13 Jahre alt sein.

Faktisch ist es aber so, dass die Kinder in den Schulen oft schon ab der dritten Klasse Smartphones haben. Letztlich können die Eltern nicht kontrolliert werden, ob sie die offiziellen Verbote durchsetzen. Viele Eltern kennen auch die Gefahren, die von Sozialen Medien ausgehen können, nicht. Aber die Politik könnte beschließen, dass die Grundschulen künftig frei von Smartphones sein sollen. Das wäre aus meiner Sicht eine wichtige und richtige Maßnahme. Es wäre sehr wichtig, dass solche auch unpopulären Themen breiter diskutiert werden und dann auch strengere Regeln umgesetzt würden. Davon würde die Gesellschaft profitieren.

Warum?

Die Sozialen Medien führen in manchen Altersgruppen auch dazu, dass die Kinder zu wenig anderen Freizeitaktivitäten nachgehen. Auch das hat sich in der Pandemie deutlich verschlechtert. Seither verbringen Kinder und Jugendliche viel mehr Zeit vor ihrem Computer und in den Sozialen Medien anstatt beispielsweise zu lernen oder auch Sport zu treiben und sich zu bewegen. Das ist langfristig betrachtet ein großes Problem auch für die Gesellschaft, weil dadurch das Bildungsniveau sinkt. Ganz abgesehen von Dummheiten wie diesen TikTok-Challenges und dem Suchtcharakter der Sozialen Medien.

Was können Eltern tun, damit sich ihre Kinder nicht von solche TikTok-Challenges beeinflussen lassen?

Eltern können durchaus die Nutzung von Smartphones kontrollieren. Wichtig ist aber auch, dass sich Eltern die Seiten zeigen lassen, auf denen sich die Kinder bewegen.

Sehen Sie denn noch andere Soziale Medien als Gefahr?

Grundsätzlich sind auch die ganzen Influencer-Medien, gerade was Essstörungen angeht, gefährlich. Da geht es aber mehr um Werbung, nicht um Zerstörung von Eigentum. Zudem sollte man sich darüber im Klaren sein: Alle Sozialen Medien speichern Daten. Auch das müssen Eltern ihren Kindern klarmachen. Eltern sollten ihnen erklären, was sie öffentlich preisgeben können und was lieber nicht. Die Daten im Internet sind nicht mehr löschbar. Deshalb wäre es auch wirklich wichtig, die Nutzung von Sozialen Medien in den weiterführenden Schulen als Unterrichtsthema einzuführen.

Wie sollten sich Eltern denn richtig verhalten, wenn ihre Kinder beispielsweise Toilettenpapier in der Schultoilette angesteckt haben?

Es ist egal, ob ein Kind durch Soziale Medien getriggert Toilettenpapier anzündet oder einfach so: Das Kind muss sich entschuldigen und den entstandenen Schaden zumindest teilweise vom Taschengeld bezahlen. Kinder sollten Konsequenzen ihres Handelns aufgezeigt bekommen.

Wann sollte man sich professionelle Hilfe aufsuchen?

Wenn solche Dinge einmalig vorkommen, war das ganz einfach nur eine Dummheit. Da muss man noch keine professionelle Hilfe aufsuchen.

Werden Sie in ihrer täglichen Arbeit mit solchen Internet-Challenges konfrontiert?

Von solchen Mutproben erzählen uns unsere Patienten natürlich nicht. Es kam aber schon vor, dass zum Beispiel bei Therapiesitzungen heimlich die Kamera vom Smartphone mitgelaufen ist. Und wir haben natürlich mit den Auswirkungen des Konsums von Sozialen Medien zu tun.

Inwiefern?

Wir haben viele Patienten, die Opfer von Cybermobbing geworden sind, sprich, von ihnen wurden beispielsweise blöde Bilder ins Internet gestellt. Das gibt es tatsächlich ziemlich oft.

Welche Auswirkungen kann das haben?

Mobbing steigert gerade bei Schülern das Risiko für psychische Störungen wie Angst und Depressionen. Das muss man früh behandeln. Mobbing sollte ein wesentliches Thema für die Schulen sein. Es ist ein Problem, dass es für die Täter oft keine Konsequenz gibt. Es geht eigentlich darum, dass Mobbing geächtet wird. Das muss auf jede Schulagenda. (Julia Lorenz)

In Hessen kam es in der Folge der TikTok-Challenge teils sogar zu Verletzten.

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