Lebendig wie hier in der Leipziger Straße solle es überall auf den Straßen von Frankfurt bleiben, finden Hendrik Gienow und Annette Oboth.
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Lebendig wie hier in der Leipziger Straße solle es überall auf den Straßen von Frankfurt bleiben, finden Hendrik Gienow und Annette Oboth.

Stadtpolitik

Drohender Zwang zum Radfahren? Neuer Verein geht gegen geplante Verkehrswende vor

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    vonDennis Pfeiffer-Goldmann
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Ein Verein sammelt kritische Stimmen gegen die geplante Verkehrspolitik in Frankfurt. Der Kritikpunkt: Zu viel Radfahren, zu wenige Alternativen.

Frankfurt - Weil ihnen die Verkehrspläne vor allem der linken und grünen Kräfte in der Stadtpolitik nicht gefallen, wollen einige Frankfurter am Freitag einen neuen Verein gründen. "Vorfahrt Frankfurt" soll er heißen.

Erst Alternativen bieten, dann Autoverkehr einschränken: Für diese Reihenfolge in der Verkehrspolitik will sich ein neuer Verein stark machen. "Vorfahrt Frankfurt" soll am Freitag gegründet werden. Der Verein will jene Stimmen bündeln, die mit den Verkehrsplänen von linken und grünen Kräften in der Stadtpolitik nicht einverstanden sind.

Lebendiges Treiben in der Leipziger Straße. Die Geschäfte offen, bloß die Masken in den Gesichtern der Menschen erinnern an die Pandemie. Auf der Fahrbahn rollen Autos gemächlich in eine Richtung, Radfahrer in beide. Viele Fußgänger laufen auf den Gehwegen. Immer wieder gehen sie über die Straße, dafür treten die Autofahrer auch auf die Bremse.

Verkehr in Frankfurt: Vorhaben aus Koalitionsvertrag „ der falsche Weg“

Dieses entspannte Miteinander gefällt Hendrik Gienow (60). So, findet der frühere Banker, sollte es überall in der Stadt funktionieren. Doch damit könnte es ein Ende haben, wenn eine Koalition unter grüner Führung deren verkehrspolitische umsetzt, fürchtet er. Gienow und 30 Mitstreiter wollen daher heute den Verein "Vorfahrt Frankfurt" gründen: Damit die Autofahrer bei der Verkehrswende in der Stadt nicht unter die Räder kommen.

"Wir freuen uns alle über weniger Autoverkehr", sagt Gienow. "Aber wir machen uns Sorgen, was aus Frankfurt als Wirtschaftsstandort wird." Würden Autos ausgesperrt, drohe dem Einzelhandel und anderen Betrieben Schaden. "Wenn der Oeder Weg nicht mehr erreichbar ist, fahren die Leute auch aus dem Umland nicht mehr dort ins Küchenstudio und ins Möbelgeschäft." Der Plan aus dem geplatzten Koalitionsvertrag von Grünen, SPD, FDP und Volt, den Autoverkehr zu beschneiden und danach Alternativen zu schaffen, sei der falsche Weg, sagt Gienows Mitstreiterin Annette Oboth (58). "Ich habe das Gefühl, dass Ideologie über dem steht, was praktikabel ist."

Das erlebt die Fachärztin für Orthopädie oft, wenn sie per Auto zu Patienten fährt. Seit in der Friedberger Landstraße voriges Jahr eine Auto- zur Fahrradspur ummarkiert wurde, brauche sie bis zu 45 Minuten von Sachsenhausen ins Nordend. "Da stehen die Autos jetzt einspurig im Stau und man sieht nur ganz vereinzelt einen Radfahrer auf der neuen Spur", beobachtet Oboth.

Kritik an drohender Bevormundung durch Politik in Frankfurt

Die Ärztin stört sich an der Bevormundung durch die Politik mit dem drohenden Zwang zum Rad fahren. "Es gibt viel Leute, die wollen nicht Rad fahren oder können nicht." Hendrik Gienow fordert: "Die Bürger sollen selbst entscheiden können, welches Verkehrsmittel das Richtige für sie ist." Der Verein sei keine Auto-Lobby. "Wir wollen ein friedliches Miteinander auf der Straße."

Vielerorts stemmen sich bereits Anlieger gegen Pläne, die Straßen vor ihrer Tür umzubauen - etwa in Leipziger und Berger Straße, im Oeder Weg, im Kettenhof- und Grüneburgweg. "Wir versuchen, diese Initiativen zu bündeln", erklärt Gienow. So könnten sich die Gruppen gegenseitig unterstützen. Zusammen hätten die spontanen Initiativen bereits mehr als 1500 Unterschriften gesammelt.

Sammeln will der neue Verein nun in der ganzen Stadt und im Umland. "Die Stadt lebt ja nicht von den Stadtbewohnern allein", erinnert Gienow. Zum Arbeiten, Einkaufen, für Theaterbesuche müssten auch Umlandbewohner weiter per Auto in die Stadt fahren können, wenn Alternativen die Fahrzeit stark verlängerten. Zu den Unterstützern des Vereins gehören Gewerbetreibende und Politiker von CDU und FDP wie Rainer Krug aus dem Nordend und Axel Kaufmann, Vize-Ortsvorsteher aus Bockenheim und Westend. Enger Kontakt besteht auch zur Initiative "Sachsenhausen wehrt sich". Diese habe sehr erfolgreich die dauerhafte Sperrung des Mainkais verhindert, lobt Gienow. "Diese Erfahrungen möchten wir nutzen."

Verein „Vorfahrt Frankfurt“ kritisiert Rad-Lobby

So ist der Kopf der Sachsenhäuser, Herbert Schmoll, ebenso zur Vereinsgründung für heute eingeladen. "Alle Betroffenen müssen berücksichtigt werden bei der Verkehrswende", sagt er. Bisher aber werbe nur die Rad-Lobby für ihre Sache. Genau das wolle der Verein stadtweit ändern, sagt Hendrik Gienow. "Wir müssen uns organisieren, um zu zeigen, wie viele wir sind." Und den Protest gegen die Pläne von Grünen, SPD, FDP und Volt kund tun: "Wir glauben, dass die schweigende Mehrheit nicht einverstanden ist", ist Gienow überzeugt.

Die Stadt müsse zunächst die Alternativen bieten, fordert der Banker im Ruhestand. "Der Nahverkehr muss ausgebaut und picobello sauber sein, man muss sich sicher fühlen." Erst danach könne die Stadt "dem Autoverkehr an den Kragen gehen". Radwege solle es "sehr gerne" mehr geben, vor allem aber bessere Fußwege. "Das wird immer vergessen", kritisiert Gienow. Daher habe der Verein als zentrales Ziel: "Wir wollen für Vernunft werben." (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

Immer mehr Menschen in Frankfurt fahren mit dem Rad und weitere Radwege sind bereits geplant. Doch der Präsident von „Mobil in Deutschland“ nennt das „irre“.

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