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So nah und vor allem ungeschützt wie nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Zuschauer auf der Rennbahn in Frankfurt nicht mehr an Pferd und Reiter.

Wechselvolle Geschichte

Rennbahn: Als der Pferdesport noch die Massen anlockte

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Volksvergnügen der Nachkriegszeit, Goldgrube der 1980er Jahre - und dann der jähe Absturz. Stadtteil-Historiker Richard Sturm erklärt, warum die Galopprennbahn der DFB-Akademie weichen musste.

Frankfurt-Niederrad - Der Bombenangriff auf Frankfurt am 22. März 1944 setzt auch der Galopprennbahn schwer zu, große Teile der Tribüne und sonstigen Anlage werden zerstört. Doch 33 Monate nach dem letzten Rennen erklingt bereits im September 1946 in Niederrad wieder die Starterglocke: "Die Rennbahn wurde mit Zelten und Zeltdächern hergerichtet, doch es kamen 30 000 Menschen", sagt Richard Müller fest. "Das war wie ein Vorgeschmack auf Woodstock."

Rennbahn in Frankfurt: Leere Ränge

Im zweiten Teil seines Vortrags "Der Turf Frankfurt", den der Stadteilhistoriker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft demnächst als Broschüre veröffentlichen will, geht es um den schnellen Aufschwung der Nachkriegszeit, den Höhepunkt des Pferderennnsports in den 1980er Jahren und die nachfolgenden Krisenjahre mit der Insolvenz des Rennclubs, die der Fußballakademie des DFB den Weg ebneten. Doch während beim ersten Teil der Platz im Heimatmuseum kaum reicht, bleiben beim zweiten Teil die Reihen erstaunlich leer, wie der Vorsitzende des Niederräder Bezirksvereins Werner Hardt feststellt.

Über leere Ränge konnte man beim ersten Frankfurter Pferderennen der Nachkriegszeit nicht klagen: "Die Menschheit war damals eben hungrig nach Vergnügen", stellt Sturm fest. Bereits 1948 wurde das dritte Arthur-von -Weinbergrennen zu Ehren des Rennclubpräsidenten und Gründer des Gestüts Waldfrieden veranstaltet und der neue Pachtvertrag auf den Frankfurter Rennclub übertragen. Es gab bereits 48 Renntage, in den Folgejahren fanden auch Hindernissrennen statt, die Rennbahn erhielt ein neues Funktionsgebäude und ein eingeschossiges Restaurant.

Rennbahn in Frankfurt: Feste Größen

Der Große Preis von Hessen und der Große Preis von Frankfurt wurden zu festen Größen im Rennprogramm. "Weitere Markenzeichen wurden ein 1977 errichteter moderner Richtturm und die 1978 eingeweihte Fernsehanlage", betont Sturm. "Die neue große Tribüne wurde 1982 unter dem ehemaligen Bundespräsidenten Walther Scheel eingeweiht." 1987 gingen 2186 Jockeys auf ihren Pferden an den Start, dank des Wettsystems mit dem elektronischen Totalisator wurden Millionenumsätze erzielt. 1990 schickte sogar Königin Elisabeth II. ihre Stute Starlet nach Doch bald kamen andere Zeiten: "Anfang der 1990er Jahre schossen ausländische Buchmacher aus dem Boden, die Umsätze am Totalisator sanken, der Renn-Club geriet auch durch die Zins- und Tilgungslast der Zuschauertribüne in Schieflage", erläuterte Sturm.

Rennbahn in Frankfurt: Ein gesellschaftliches Ereignis waren die Renntage schon immer. Die besten Kleider wurden dafür aus dem Schrank geholt.

Im März 2008 wurde die alte Tribüne für das neue Fünf-Sterne-Plus-Hotel der chinesischen Huarong-Gruppe abgerissen, nach zwölfjähriger Bauzeit soll es erst 2020 eingeweiht werden soll. Am 21. Oktober 2008 musste schließlich der Frankfurter Renn-Klub unter Präsident Günter Paul Insolvenz anmelden. Danach überschlugen sich die Ereignisse: Ende 2008 wurde unter Mitwirkung des Unternehmers Manfred Hellwig der Renn-Verein Frankfurt gegründet, der wiederum mit seiner 2010 gegründeten Hippodrom GmbH eigener Hauptgesellschafter wurde und dem Renn-Verein 655 000 Euro in Rechnung stellte. Hellwig gründete seinen eigenen Renn-Club von 2010 mit der Präsidentin Christiane Weil-Daßbach und Präsidiumsmitglied Carl-Philipp Graf zu Solms-Wildenfels.

2013 feierte dieser Klub noch 150 Jahre Galopprennen, doch ein Jahr später wurde bekannt, dass die Stadt Frankfurt der DFB das Gelände für ein Leistungs- und Kompetenzzentrum angeboten hatte. "Mit nur 62 900 statt der benötigten 124 600 Stimmen scheiterte ein Bürgerentscheid für den Erhalt der Rennbahn", bedauert Sturm. Während eines jahrelangen Gerichtsverfahrens fand 2015 das letzte Rennen statt, 2016 wurde die Golfanlage geräumt, 2018 begann der Abriss der Tribüne. "Das Eingangsportal mit Kassenhäuschen wird wohl unter Denkmalschutz gestellt, während das Sarottihäuschen zur Lagerung von Schokolade an einen unbekannten Ort gebracht wurde."

Rennbahn in Frankfurt: Undurchsichtige Geschäfte

"Am Ende hat in der Stadt der politische Wille zum Erhalt der Rennbahn gefehlt", bilanziert Sturm. Allerdings auch das Vertrauen in eine rückläufige Sportart und deren Lobbyisten mit undurchsichtigen Geschäften.

Dennoch wirbt aktuell eine Bürgerinitiative für die Gründung eines neuen Rennklubs. Mit einer Online-Petition sucht sie nach Unterstützern. Bei den zahlreichen Rechtsstreitigkeiten um das ehemalige Rennbahngelände, war die Stadt Frankfurt zuletzt auf der Gewinnerseite.

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