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Jörg Harraschain in seinem Nordend.

Mr. Nordend

Für seinen Stadtteil ist er immer auf Achse

Nordends ehemaliger Ortsvorsteher ist noch immer schwer aktiv - das nächste Projekt wartet schon.

Frankfurt-Nordend - Er engagierte sich zwei Jahrzehnte lang im Ortsbeirat, ist noch heute eine Institution im Viertel: Jörg Harraschain, den manche Mr. Nordend nennen. 

Auf dem Weg zu seiner Wohnungstür könnte Jörg Harraschain die eigenen Ideen mit Füßen treten. Um nichts von den vielen Dingen zu vergessen, die dem 76-Jährigen durch den Kopf schwirren, schreibt er sie auf Zettel. Die Notizen legt der ehemalige Lehrer auf den Boden, wo er sie nicht übersehen kann, wenn er das Haus im Bornwiesenweg verlässt.

"Mein Leben ist immer in Projekte eingeteilt", sagt Harraschain. Deren Zahl scheint unendlich. "Zum Sterben habe ich keine Zeit", sagt der Grünen-Politiker. Selbst wenn er sich zurückziehen wollte - die Bürger im Nordend sind so daran gewöhnt, Hilfe von ihm zu erhalten, dass man sich Ruhestand bei Harraschain auch lange nach dem Ende seiner Berufstätigkeit nicht vorstellen kann. Früh fing er an, sich für den Stadtteil zu engagieren, in dem er als Student eine billige Bleibe fand. Das damals "runtergekommene und proletarische" Nordend schöner zu machen, die Menschen zusammenzubringen, das waren Ziele, die ihn antrieben. "Engagement hat Unendlichkeitscharakter", sagt der ehemalige Ortsvorsteher, "ein Fass ohne Boden." Doch irgendwo muss man anfangen.

Feiern mit Joschka Fischer

1983 etwa, da kreierte Harraschain das Rotlintstraßenfest. Der Nachbarschaftstreff, bei dem der spätere Außenminister Joschka Fischer regelmäßiger Gast war, war ursprünglich dazu gedacht, die Grünen bekannter zu machen. Der Initiator trat dort als Musiker mit Liedern von Biermann und Tucholsky auf. Bis heute sucht er per Aushang dafür Helfer, die Kuchen backen oder sich anderweitig einbringen.

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"Es ist wichtig, dass zwischenmenschliche Beziehungen gepflegt werden", betont Harraschain. Er selbst ist stets ansprechbar und kümmert sich. Mit dem Wissen, das er in zwei Jahrzehnten im Ortsbeirat 3 erwarb, kann er Hinweise darauf geben, wohin man sich mit einem Anliegen wenden kann. Das bringt die meisten schon weiter.

Kulturnetzwerk im Nordend stricken

Durch die Straßen des eigenen Viertels kommt er längst nicht mehr unerkannt. Beim Erleben des Quartiers war dem leidenschaftlichen Fotografen aufgefallen, dass es "viele Institutionen gibt", die sich der Kultur widmen. In Kneipen ebenso wie in Galerien oder Läden. Der Wunsch, diese zusammenzufassen, um einen Überblick zu bieten sowie ein Netzwerk zu stricken, brachte Harraschain dazu, 2004 die Arbeitsgemeinschaft "Kunst im Nordend" (KuNo) zu gründen. Unter deren Etikett stellt er Ausstellungen zusammen, die die Betrachter in verschiedene Ecken ihrer Umgebung schauen lassen.

"Hohe Kunst ist etwas Abstraktes", sagt Harraschain. Da frage man sich, was das mit einem selbst zu tun hat. Ihm gehe es darum, Wirklichkeit und Geschichte zu zeigen. Dafür sucht er aktuell nach Bildern von Frankfurter Bädern.

KuNo sorgt zudem seit zehn Jahren für die Bepflanzung von Straßeninseln, zuerst auf der Friedberger Landstraße, dann auf dem Kleinen Friedberger Platz. Auch Gartenarbeit verbindet.

All das wird von Harraschain sorgfältig dokumentiert. In zwei Ordnern sammelt er Zeitungsausschnitte. Ein bisschen Platz ist dort noch frei. Für Harraschain kein Problem: "In meinem Kopf habe ich noch viele Ideen."

Katja Sturm

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