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Nächtliche Straßenbahnromantik vor Hochhauskulisse: Was schön aussieht, soll künftig noch attraktiver werden. Die Frankfurter Stadtregierung prüft ein Jahresticket für 365 Euro. Experten indes halten einen Ausbau der Infrastruktur für wichtiger. 

„Mobilitätsflatrate“ in der Diskussion

365-Euro-Ticket des RMV für Frankfurt? Experte: „populistische Maßnahme“

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Die Stadt Frankfurt prüft die Lösung eines 365-Euro-Tickets für den Nahverkehr. Experten warnen vor diesem RMV-Ticket: Denn zunächst muss der ÖPNV attraktiv genug gemacht werden.

  • 365-Euro-Ticket wird für Frankfurt geprüft
  • „Mobilitätsflatrate“ des RMV soll Autofahrer in Frankfurt zum Umstieg bewegen
  • Wissenschaft: Nur ein besseres Angebot hilft zu mehr Nutzung des ÖPNV

Frankfurt - Ein 365-Euro-Ticket für Frankfurt prüft die Stadtregierung. Das Stadtparlament hat den Auftrag dazu erteilt. Dieser geht auf eine Initiative der Linken zurück. Einer warnt nun deutlich vor einer Nahverkehrsflatrate für alle: „Das ist eine populistische Maßnahme, aber keine, die die Attraktivität des Nahverkehrs steigert“, kritisiert Frank Nagel, freiberuflicher ÖPNV -Berater und Verkehrsexperte der Stadt-CDU.

Es ist das „Wiener Modell“, das stets Pate steht für die Einführung von Flatrates für Bahn und Bus. 2012 hatte es die dortige rot-grüne Regierung einführt, der Jahrespreis sank von 449 auf 365 Euro. Die Zahl der Jahreskarteninhaber hat sich seitdem mehr als verdoppelt, erklären die Wiener Linien. Mehr als 800.000 Menschen haben ein Jahresticket.

Frankfurt RMV: „Mobilitätsflatrate“ soll Autofahrer zum Umstieg bewegen

An so etwas denkt auch die Linke  für Frankfurt: Eine „Lenkungswirkung weg vom Auto“ sei das Ziel einer „Mobilitätsflatrate“, erklärt die Fraktion. „Städtebauliche Enge, schlechte Luft, Lärmbelastung und Klimafaktoren machen ein Umdenken bei der Mobilität in Frankfurt erforderlich, weg vom motorisierten Individualverkehr.“ Eine Flatrate sei „eine überzeugende Maßnahme, um Autofahrende zum Umstieg zu bewegen“, erklärt die Linke.

Den Prüf-Auftrag tragen CDU, SPD und Grüne zusammen mit Linke und „Fraktion“. Im Stadtparlament äußerten sich Redner von SPD und Grünen positiv. Wolfgang Siefert (Grüne) stellt die Zustimmung seiner Partei für ein 365-Euro-Ticket in Aussicht. Der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Martin Daum, erklärt: „Eine Mobilitäts-Flatrate kann den öffentlichen Nahverkehr attraktiver machen.“

Aber reduziert sie auch den Autoverkehr? Nein, zeigt das Beispiel Wien. Professor Carsten Sommer und Dominik Bieland von der Universität Kassel haben 2015 die Folgen der Einführung des 365-Euro-Tickets untersucht. Ergebnis: Der Anteil der Autos im Stadtverkehr hatte sich trotz Billigtarifs überhaupt nicht verändert und blieb bei 39 Prozent.

Frankfurt RMV: Kein Umstieg wegen Preis?

Wie das? Die Einführung der günstigen Flatrate führe vor allem dazu, dass die schon vorhandenen Fahrgäste von ihren bisherigen Tickets zur Billigfahrkarte wechselten, erklären die Forscher. Eingetreten sei „weniger der Gewinn von Neukunden“. Die Fahrgastzahlen stiegen nämlich zeitgleich nur um rund acht Prozent.

„Niemand steigt vom Auto um in Bus und Bahn nur wegen des Preises“, schlussfolgert ÖPNV-Berater Nagel daraus. „Sondern das Angebot muss attraktiver werden.“ Am wichtigsten sei ein Ausbau der Infrastruktur und ein Verbessern der Zuverlässigkeit von Bahnen und Bussen. „Dafür brauchen wir mehr Geld, aber nicht weniger“, sagt Nagel.

Er hat kalkuliert, was eine Reduzierung der rund 900 Euro teuren Stadt-Jahreskarte auf 365 Euro kosten würde: Dafür wären pro Jahr bis zu 150 Millionen Euro aus der Stadtkasse nötig. Angesichts dieser Kosten sei eine sinkende Qualität im Nahverkehr zu befürchten, warnt Frank Nagel. Was der falsche Weg sei: „Wir sollten nicht den Preis an die Qualität anpassen, sondern die Qualität an den Preis.“

Frankfurt RMV: Nur besseres Angebot hilft für mehr Umstiege auf den ÖPNV

Das empfehlen auch die Wissenschaftler: „Ohne ein attraktives ÖPNV-Angebot entscheiden sich nur wenige Menschen gegen die Anschaffung eines Pkw.“ Dafür sei vor allem ein sehr engmaschiges Nahverkehrsnetz notwendig, betonen Professor Carsten Sommer und Dominik Bieland. Daran habe Wien schon 20 Jahre lang gearbeitet, bevor es das 365-Euro-Ticket einführte.

Auch der Frankfurter Fahrgastbeirat fordert diese Reihenfolge: „Erst den Nahverkehr auszubauen und ihn danach kostenlos zu machen“, hatte Fahrgastbeiratssprecher Harald Wagner im Januar im Interview in dieser Zeitung angemahnt. Eine Flatrate sei zwar „ein gangbarer Weg, um das Tarifsystem zu vereinfachen“, ergänzt sein Kollege Michael Schmidt. Aber ein günstiger Tarif bringe dem Fahrgast nichts, wenn die Bahn danach so voll sei, dass er nicht mehr mitfahren könne.

Frankfurt RMV: ÖPNV in Tallinn kostenlos

Und andernorts? Luxemburg, das gerade den Nahverkehr landesweit kostenlos gemacht hat, investiere zehnmal so viel pro Kopf in diesem Bereich, erläutert Frank Nagel. Estlands Hauptstadt Tallinn führte 2013 kostenlosen Nahverkehr ein: „Dort sind Fußgänger und Radfahrer umgestiegen, nicht die Autofahrer.“

Sogar ein Mehr an Autoverkehr könnte folgen, falls Frankfurt beim 365-Euro-Ticket einen Alleingang wagt: „Das motiviert die Pendler zu Autofahrten bis an die Stadtgrenze“, warnt Frank Nagel. An Haltestellen dort drohten Verkehrs- und Parkplatzprobleme etwa in Preungesheim, Nieder-Eschbach, Niederrad oder Enkheim. Deshalb erklärt der Verkehrsexperte: „Es ist viel besser, wenn wir die Pendler wohnortnah abholen, und sie möglichst gar nicht ins Auto steigen.“

Damit das funktioniere, müsse aber erst die Qualität besser werden, mahnt Frank Nagel: „Neukunden kommen nicht durch den Preis zum ÖPNV, sondern weil das Angebot attraktiv ist.“ 

Der RMV hat schon einmal einen Test für einen Vielfahrer-Rabatt getestet. Dieser sollte „RMVsmartFlex“ heißen. Die Rhein-Main-Region soll zum Modellprojekt für den öffentlichen Nahverkehr werden - und Hunderttausende Pendler in Busse und Bahnen locken.

Falls esim Westen von Frankfurt ab Mitte März ein wenig merkwürdig riecht, könnte der Grund dafür ein ganz einfacher sein.

Aufgrund der Aubreitung des Coronavirus in Hessen ergreift der RMV erhöhte Hygienemaßnahmen: In vielen Bussen ist der Fahrkartenkauf nicht mehr möglich, Bahnlinien werden intensiver gereinigt und desinfiziert.

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