Mitarbeiter der Stadtreinigung beseitigen am Sonntagmorgen vor der Alten Oper Scherben der zertrümmerten Scheiben einer Bushaltestelle.
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Mitarbeiter der Stadtreinigung beseitigen am Sonntagmorgen vor der Alten Oper Scherben der zertrümmerten Scheiben einer Bushaltestelle.

Randale

Frankfurt: Am Opernplatz blieb ein Scherbenhaufen zurück

Tausende Menschen hatten sich am Samstagabend zur Party am Opernplatz in Frankfurt versammelt. Alles schien entspannt. Doch nachts um 3 Uhr dann kam es zur Eskalation.

  • Seit gelockerten Corona-Regelungen trinken und feiern regelmäßig Hunderte auf dem Opernplatz in Frankfurt
  • Vermüllung und Lärmbelästigung stören Stadt und Anwohner
  • Vergangenen Samstag (18.07.2020) kommt es zu einer riesigen Eskalation zwischen Feiernden und der Polizei

Frankfurt -Scherben, überall Scherben. Auf den Treppenstufen, die zur Alten Oper führen. Rund um den Lucae-Brunnen. Und vor allem an der Bushaltestelle an der Bockenheimer Anlage, die entglast wurde. Die Spuren einer Nacht, die komplett aus dem Ruder lief, sind am Sonntagmorgen noch deutlich zu sehen.

Es gibt wenige Bilder der Randale. Anders als vor einigen Wochen in Stuttgart, als es über Stunden hinweg Jagdszenen zwischen Krawallmachern und Polizei gegeben hat, ist die Eruption der Gewalt am Opernplatz kaum dokumentiert. Im Wesentlichen sind es drei ziemlich verwackelte Handyvideos, die in den sozialen Medien kursieren und die Eskalation zeigen.

Opernplatz in Frankfurt: Randalierer werfen Flaschen in Richtung der Polizisten

Zu sehen sind junge Leute, überwiegend Männer, aber auch vereinzelt Frauen. Sie stehen auf der Westseite des Opernplatzes, unweit der Bockenheimer Anlage. Zu hören sind "ACAB"-Rufe - die Abkürzung steht für "All Cops are Bastards" (engl., "Alle Polizisten sind Bastarde").

Doch Polizisten sind zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht in größerer Zahl zu sehen. Noch treffen die Randalierer auf keinerlei Widerstand. Ein Mann wirft mehrere der 400 Mülltonnen, die die Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) am Freitagmittag hat aufstellen lassen, auf die Fahrbahn. Andere prügeln auf die Scheiben der Bushaltestelle ein und werden vom Mob angefeuert. Dann trifft die Polizei ein.

Vorsichtig, fast zaghaft rücken die Beamte vor. Zu ihrem Schutz haben sie Schilde dabei. Flaschen und Gläser fliegen in Richtung der Polizisten. Dann brechen die meisten Aufnahmen ab, die Polizei bekommt die Situation langsam unter Kontrolle und beginnt, den Platz zu räumen.

Hunderte feiern wochenends auf dem Opernplatz in Frankfurt

Drei Stunden zuvor war alles noch entspannt. Doch womöglich hatte Sophie so eine Vorahnung. Die 21-Jährige aus dem Nordend verweist darauf, dass es noch früh sei. Dabei ist es schon kurz vor Mitternacht. Viele Hundert Feierfreudige sind zusammengekommen. Auch Sophie ist in jüngster Zeit schon öfter vor die Alte Oper gekommen. "Ruhig", sei es an diesem Tag, sagt sie. "Hier hat es schon ausgesehen wie auf dem Schlachtfeld", fügt sie hinzu. Flaschen seien geflogen.

"In Ordnung" sei die Situation, findet auch Sophies Freundin Sina. "Wir brauchen das, nach draußen zu kommen, nach der ganzen Verbarrikadierung wegen Corona", sagt die 22-Jährige. Ob es ruhig bleibt an diesem Abend, da ist aber auch Sina nicht sicher. Sophie, Sina und eine weitere Freundin halten Abstand zu anderen. Ihren Wein trinken sie aus Plastikbechern. An manchen Freitag- und Samstagabenden der vergangenen Wochen sei auf dem Opernplatz kaum ein Durchkommen gewesen, berichten die Frauen. Deshalb hätten sie lieber am Rand gestanden. Zum einen, um Corona-Abstandsregeln zu wahren, aber auch, um lästigen Annäherungsversuchen zu entgehen.

Einige halten sich noch immer nicht an die Regeln beim Opernplatz Frankfurt

Viele Gespräche drehen sich um die 400 Mülltonnen, die die Stadt hat aufstellen lassen. Teils stehen vier Tonnen direkt nebeneinander. Sophie und ihre Freundinnen finden das gut, wenn auch der historische Platz durch die Tonnen verschandelt werde. Viele der rollbaren Tonnen werden später in der Nacht umgeworfen sein und der Müll daneben liegen. Jetzt aber stehen alle noch.

Der Boden des Opernplatzes ist fast völlig frei von Unrat. Nur hier und da liegen eine Kippenschachtel oder einige Einwegbecher neben Tonnen. Zwei Männer haben auf dem geschlossenen Deckel einer Tonne ihre Whiskydosen, wie auf einem Stehtisch, abgestellt und unterhalten sich darüber hinweg. Zwar werden aufgestellte Dixie-Klos und mobile Urinale genutzt, neben denen es nach chemischer Desinfektion riecht. Aber einige Männer pinkeln noch immer in Hecken oder an die Seitenmauer der Oper.

Kevin Kaidasch aus Heddernheim sitzt mit seinem Cousin und einem Kumpel etwas am Rand des Treibens an einem Grünstreifen. Sie trinken Bier. Der 24-jährige gebürtige Rheinländer ist, wie seine beiden Begleiter, zum ersten Mal da. "Ich war überrascht, dass es so böse voll ist", sagt Kaidasch zu seinen ersten Eindrücken nach der Ankunft. Auch an den Rheintreppen in Düsseldorf sowie in der Altstadt gehe es ähnlich zu, berichtet sein Cousin. Wegen Corona hätten sie bei so vielen Menschen auf einem Fleck etwas Bedenken. Solange es jedoch friedlich bleibe und die Besucher ihren Müll wegräumten, hätten sie aber nichts gegen die Feierei, sagen die Männer.

Opernplatz Frankfurt: Nachts kommt es zu Schlägereien

Dann bricht der Sonntag an, der Alkoholpegel steigt und steigt. Müll auf dem Platz ist nun das geringste Problem, die Leute werden immer aggressiver, es gibt Schlägereien, die Polizei wird gerufen. Was folgt, ist die totale Eskalation.

Sonntagmittag auf dem Opernplatz. Die Straßenreiniger haben in den vergangenen Stunden großartige Arbeit geleistet. Die Tonnen stehen wieder in Reih und Glied. Ein junges Mädchen planscht im Lucae-Brunnen, ihr Vater schaut zu. Nur die demolierte Bushaltestelle erinnert noch an die vergangene Nacht. Und während im Internet der Kampf um die Deutungshoheit tobt, während Rechtsaußen wie Erika Steinbach und Alice Weidel ein hartes Durchgreifen fordern und der Frankfurter Grünen-Politiker Omid Nouripour seiner Stadt "friedliche Feste ohne solche Feiglinge wünscht", währenddessen geht es in der Innenstadt zu wie an einem ganz normalen Sonntag. (Von Clemens Dörrenberg und Georg Leppert)

Nach den Ausschreitungen am Opernplatz haben sich Vertreter der Stadt Frankfurt auf drastische Maßnahmen geeinigt*, um Vorfälle wie diesen zukünftig zu vermeiden. Feiernde müssen sich am Wochenende nicht nur auf höhere Polizeipräsenz am Opernplatz in Frankfurt einstellen. (*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.)

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