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40 Kilometer mit dem Rad: Die Pendlerserie Teil I

Frankfurt, deine Pendler: Jürgen Emig macht Strecke

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Frankfurts ist Deutschlands Pendlerhauptstadt. In keine andere Metropole pendeln täglich so viele Menschen: mit dem Auto, der Rad, dem Zug oder mit dem Flugzeug. Wir stellen sie vor. 

Schaut Jürgen Emig aus dem großen Glasfenster seines Büros im 46. Stock des Commerzbank-Towers, sieht er Frankfurt von oben. Und er sieht seinen Weg nach Hause. Der schlängelt sich aus dem Zentrum durch das Westend im Norden hinaus aus der Stadt; über Felder und durch Wälder bis in den Main-Kinzig-Kreis nach Schöneck-Kilianstädten. Rund 20 Kilometer sind das.

Nächstes Jahr ist er zwei Mal um die Welt gefahren 

Wenn der Volkswirt morgens um 7.15 Uhr in seinem Büro ankommt, hat er diese 20 Kilometer bereits in den Beinen. Wenn er abends nach Hause kommt, werden es 40 Kilometer sein. Denn der 60-Jährige fährt die Strecke täglich mit dem Fahrrad. Hin- und zurück. Seit sieben Jahren. Jeden Morgen und jeden Abend. Zwei Stunden am Tag sitzt er auf dem Sattel. Im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter. Nur bei Glatteis fährt er nicht. Zu gefährlich sagt er. Jürgen Emig ist einer von den 352.000 Menschen, die täglich nach Frankfurt „einpendeln“. Die meisten machen das mit dem Auto, viele nutzen S- und Regionalbahn, wenige fahren solche Entfernungen mit dem Rad.

40 Kilometer. Das sind 200 Kilometer in der Woche, 10.400 Kilometer im Jahr. Jürgen Emig wird – in Kilometern – mit seinem Rad nächstes Jahr zwei Mal die Welt umrundet haben. „Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht“, sagt er dazu und lacht. Emig hat die Statur eines Ausdauersportlers: schlank, drahtig aber kräftig. Der Mann mit den kurzen angegrauten Haaren auf Kopf und Gesicht pendelt mit dem Rad, weil er gerne im Grünen wohnt. Mit seiner Frau lebt er in Kilianstädten in einem Haus mit Garten. Felder und Wälder sind von seinem Heim nur wenige Straßen entfernt. In Frankfurt hat er noch nie gewohnt, obwohl er seit 30 Jahren in der Zentrale der Commerzbank arbeitet. Zum Leben ist die Großstadt nicht so sein Ding, nur zum Arbeiten. Er liebt seinen Job.

Wer viel Fahrrad fährt, hat ein geringeres Krebsrisiko 

Viele Pendler leiden häufig unter Kopf- und Rückenschmerzen, haben schneller Übergewicht. Sie neigen zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck. Sie sind anfälliger für depressive Störungen, schlafen schlecht. Pendeln steht deshalb immer häufiger für eine ungesunde Lebensweise. Das trifft auf den Fahrrad-Pendler nicht zu. Das British Medical Journal hat herausgefunden, dass das tägliche Rad fahren das Risiko von Herz-Kreislauf-Leiden um 46 Prozent mindert. Auch vielen Krebserkrankungen soll damit effektiv vorgebeugt werden.

300.000 Menschen haben an der Erhebung teilgenommen. Zu Beginn der Studie waren sie so alt wie Jürgen Emig, als er mit dem Fahrrad-Pendeln angefangen hat: 53 Jahre. Aus den Ergebnissen formulierten die Wissenschaftler einen Appell an die Politik: Mehr Fahrradwege und eine Verkehrspolitik, die sich stärker an den Bedürfnissen der Radler orientiert. Forscher von der Stanford University berichten noch von einem anderen wichtigen Aspekt: Wer zwischen seinem Arbeitsplatz und seinem Zuhause körperliche Anstrengung schaltet, kommt mit einem ruhigeren und fokussierten Gemütszustand an – das gilt natürlich auch anders herum.

Die Kälte ist unbesiegbar

Wenn Jürgen Emig morgens um 6.15 Uhr losfährt, hat er die Sonne im Rücken. Je nach Jahreszeit schiebt sie sich dann im Laufe der Fahrt den Himmel empor. An einem Morgen taucht sie den Arbeitsweg in milchiges, gelbes Licht oder in flammendes Rot. Manchmal begleitet ihn auch nur graue Morgendämmerung. Gerade im Frühling und Herbst liegt in der Früh noch Nebel auf dem Feldern. 

Zu großen Teilen ist es eine schöne Strecke, die er tagtäglich zurücklegt. Sie führt über die Hohe Straße, ein asphaltierter Feldweg, eine alte Fernverbindung aus längst vergangenen Zeiten. Vorbei am Lausbaum, am Hühnerberg, an der großen Loh in Niederdorfelden bis nach Bergen-Enkheim. Ob wolkenverhangen oder strahlend blau, stets begleitet Emig ein weiter Himmel. „Manchmal bleibe ich stehen und schaue mir das an“, erzählt er. Manchmal sei er aber auch tief in Gedanken und nehme die Umgebung kaum war. Die Frankfurter Skyline ist auf der Hinfahrt immer in seinem Blick, sein Arbeitsplatz allgegenwärtig. Ein „Aha-Erlebnis“, findet er.

Das Pendeln bedeutet Zeit für sich

Für ihn bedeutet die tägliche Strecke auch Zeit für sich. Er kann dabei häufig seinen Gedanken nachhängen. Ein wesentlicher Aspekt für ein zufriedenes Leben trotz Pendelei, sagt Hannelore Hoffmann-Born. Sie ist Ärztin und leitet in Frankfurt das Verkehrsmedizinische Competenz-Centrum (VmCC) und berät unter anderem den TÜV-Hessen in verkehrsmedizinischen Belangen. „Es ist sehr wichtig, auch was für sich selbst zu tun“, sagt sie. Die käme bei Pendlern oft zu kurz und sei häufig ein wesentlicher Grund, warum das ständige Reisen von A nach B sich negativ auf die Gesundheit auswirken könne. Wer mehrere Stunden täglich zwischen Privatleben und Beruf unterwegs ist, müsse die restliche Zeit oft mit der Familie oder mit dem Partner verbringen. Wer Pflicht und Freude in der Form verbinden kann, wie es Jürgen Emig tut, lebt gesünder, sagt die Ärztin.

Die Kälte ist unbesiegbar Die 40 Kilometer können aber auch trist und öde sein. Vor allem im Winter. Oder, wenn der Regen konstant ins Gesicht peitscht, der Westwind das Fahren schwerer machen. Dann ist die Landschaft, die die Hohe Straße durchmisst, grau und kalt. Und durch ihre ungeschützte Höhenlage auch ziemlich erbarmungslos. „Einmal“, erzählt er, „sei die Strecke bis zum Lohrberg total vereist gewesen.“ Acht Kilometer spiegelglatter Weg. Gestürzt ist er damals. Anderen Radfahrern war es ähnlich gegangen, mit dampfenden Mündern und vor Kälte roten Wangen stauten sie sich an einer Erhöhung. Man tat sich zusammen. An dem Tag kämpfte er sich vor bis zum Frankfurter Hauptfriedhof. Dort ließ er das Rad stehen. Seitdem ist Eis und Schnee beim Pendeln per Pedale für ihn tabu. Die Kälte ist unbesiegbar. Trotz spezieller Hand- und Schuhbekleidung sind Hände und Füße nach den 20 Kilometern kalt und taub.

Wenn Jürgen Emig gegen 7.20 Uhr in die Katakomben des Commerzbank-Towers einfährt, ist noch nicht viel los. Die langen Reihen an Fahrradständern sind leer. In der Umkleide riecht es aber bereits nach Duschgel, Wasserdampf hängt in der Luft. Der Umkleideraum ist winzig und verwinkelt. Schmale Holzbänke drängen sich an den Wänden entlang. Kleidersäcke, Fahrradschuhe, Taschen – alles findet irgendwie Platz. Bunte Spinde stehen an den Wänden. Hinter der Umkleide ein Raum mit Dusche und Waschbecken. Mehrere Handtücher trocknen bereits an Haken. „Um die Uhrzeit ist noch nicht so viel los“, sagt Emig, während er seine Fahrradtasche auf eine der Bänke abstellt. Ein Kollege im Anzug schiebt sich an ihm vorbei. Ein weiterer steht gerade unter der Dusche. Frische Unterwäsche und ein Hemd bringt er täglich von zu Hause mit. Anzug und Büroschuhe warten in seinem eigenen Spint.

Nach 15 Minuten tritt ein anderer Jürgen Emig aus dem Umkleideraum. Dunkler Anzug, weißes Hemd, feine Schuhe. Der IT Koordinator geht ans Werk. Dann, gegen 17.30 Uhr trifft er seine Kollegen vom Morgen wieder unten. Dann streift er seinen Anzug vom Körper, packt das Hemd wieder in seine Tasche. Er zieht Outdoor-Hose, Hemd und Schuhe an, setzt Helm und Brille auf und fährt los. Durch das Westend, im Norden schlängelt er sich raus aus der Stadt. Über Felder und durch Wälder bis in den Main-Kinzig-Kreis nach Schöneck-Kilianstädten. Wie jeden Tag.

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