Jenny kommt von ihrem täglichen Rundgang zurück und schaut mal nach, ob sich alle an die Abstandsregeln halten.
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Jenny kommt von ihrem täglichen Rundgang zurück und schaut mal nach, ob sich alle an die Abstandsregeln halten.

Alle lieben Jenny

Ungewöhnliches Pferd geht allein Spazieren – und gibt Menschen Kraft in der Corona-Zeit

  • vonSabine Schramek
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Pferd Jenny ist in Frankfurt eine Berühmtheit. Auf ihren Spaziergängen bringt die Stute viele Augen zum Leuchten – gerade in Zeiten von Corona und Kontaktverbot.

  • Pferd macht Spaziergang durch Frankfurt
  • Gegen Corona: Streicheleinheiten sollen Einsamkeit lindern
  • Corona-Isolation macht vielen zu schaffen

Frankfurt - Jenny ist Frankfurts ungewöhnlichstes Pferd. Die 23-jährige, schneeweiße Araberstute trägt nichts als ein braunes Halfter und ein rotes Schild daran. "Bitte nicht füttern, Kolikgefahr für Jenny" steht darauf. Auf der anderen Seite steht "Ich heiße Jenny, bin nicht weggelaufen, gehe nur spazieren".  

Jeden Tag geht die Araberstute in Frankfurt spazieren - und spendet Kraft in Zeiten von Corona. Das macht sie jeden Tag acht Stunden lang. Allein. Bis vor wenigen Tagen wurde sie von ihrer besten Freundin, der weißen Schäferhündin Evita, ein Stück weit begleitet. Die musste vor wenigen Tagen eingeschläfert werden. Trost gibt es durch die vermehrten Streicheleinheiten in dieser Corona-Zeit.

Corona-Krise in Frankfurt: Pferd bekommt Streicheleinheiten gegen Einsamkeit der Menschen

Wer Jenny sieht, lächelt unweigerlich. Die Ohren freundlich und neugierig nach vorne gestellt, schnuppert sie gemächlich an allem, was ihr gefällt. An Rosenstöcken, an Parkbänken, an saftigen Grashalmen und Wiesenblüten. Auch Laufräder werden neugierig beäugt. Kinderhände strecken sich, um die weiche Schnauze des freundlichen Pferdes zu berühren. Mütter kraulen ihre dichte Mähne und lächeln.

 "Das gibt Trost. Wenn man schon seine besten Freunde nicht mehr umarmen kann, ist es umso schöner, wenn man Jenny ein bisschen tätscheln kann", sagt eine Frau glücklich, die eben aus der Straßenbahn in Frankfurt ausgestiegen ist. 

Pferd macht Spaziergang durch Frankfurt - auch in Zeiten von Corona

Jenny ist auf dem Heimweg nach acht Stunden Spaziergang über Kopfsteinpflaster, Graswege, am Main und an Feldern entlang. Die Stute trottet direkt an der Bahnstation entlang. Fahrer lächeln und winken, Passagiere machen Selfies, streicheln oder lachen. Jennys Herrchen folgt ihr auf einer E-Vespa. Werner Weischedel (80) ist zu den Erdbeerfeldern gefahren, um ihr zu sagen, dass es Zeit für Abendbrot ist. Brav trabt die 23 Jahre alte Dame mit wehendem Schweif voran.

Bis zum Weg kurz vor der Endstation der Straßenbahn, an deren Rand Leute auf Parkbänken sitzen. Da muss sie schauen, ob alle da sind. Wer mit geschlossenen Augen in der Sonne gedöst hatte, guckt ungläubig auf das ungewöhnliche Gespann.

Frankfurt: Abstand muss eingehalten werden - Pferd Jenny gegen Corona

Weischedel nickt grüßend, Jenny schnaubt freundlich. Die Abstände werden von den Männern und Frauen in Frankfurt weitgehend eingehalten. Jenny scheint das zu gefallen. Sie streckt ihren Kopf zu ihnen und lässt sich die Stirn kraulen. Vier Jugendliche, die sich am Main eine Pizza teilen, ignoriert sie schnaubend. "Erstens mag sie keine Pizza, zweitens sitzen da zu viele Leute in Corona-Zeiten", so Weischedel. Er ist traurig. Vor wenigen Stunden musste der Tierarzt die Schäferhündin Evita einschläfern. "Jenny beste Freundin. Es ging einfach nicht mehr. Sie hatte Schmerzen." Evita war 14 Jahre lang die Weggefährtin des Pferdes.

Alle aktuellen Entwicklungen der Corona-Krise in Frankfurt gibt es in unserem News-Ticker

Lange vor Corona: Die weiße Karawane aus Pferden und Hund in Frankfurt

"Früher hatten wir noch eine weiße Stute, Charlie, und eine zweite weiße Schäferhündin, Eva. Da waren wir eine weiße Karawane, die gemeinsam durch Fechenheim gezogen ist", so Weischedel. Er und seine Frau Anna hoch zu Ross, die Hunde dabei. Charly starb vor vier Jahren, Eva vor zwei, Evita jetzt. Bei Weischedels sind noch der winzige zahnlose Rehpinscher Chico, Katzen, Hühner, Tauben, Kanarienvögeln und verletzte Greifvögel, die Weischedel aufpäppelt.

Pferd geht Spazieren: Tierliebhaber aus Frankfurt hat keine Angst vor Corona

Zwischen Orangenbäumen, Palmen, Feigenbäumen und bunten Blumen wuseln und flattern rund 100 Tiere bei dem Ehepaar in Frankfurt herum. "Wir lieben Tiere. Jedes einzelne von ihnen", sagt der Mann mit Zopf, der ehrenamtlich für die Jagd, Fischerei, die Fledermäuse, den Landschaftsschutz und als Feldschutz am Mainbogen tätig ist. "Vor Corona habe ich keine Angst", sagt er. "Aber meine Frau macht sich große Sorgen." Er selbst habe den Zweiten Weltkrieg überlebt. "Vier Tage lang war ich in der Innenstadt verschüttet, da werden wir Corona auch überstehen." 

Pferd Jenny läuft allein durch Frankfurt: Weggefährtin musste während Corona-Krise eingeschläfert werden

Jenny scheint die Ruhe der Leute zu gefallen. Noch hat sie nicht gemerkt, dass Evita nicht mehr wiederkommt. Jeder spricht das Pferd an, als wollten die Männer und Frauen die Nähe, die sie sonst zu Freunden und Nachbarn haben, bei der Schimmelstute ausgleichen. "Die ist so süß", ruft ein Mädchen und kuschelt sich an den Hals von Jenny.

Pferd Jenny hilft in Corona-Krise: Frankfurter Urgestein spendet Kraft und Liebe

"Bahn-Babo" Peter Wirth fährt seine Straßenbahn ein paar Minuten zu spät ein, um Jenny noch zu sehen. Sie kaut bereits in ihrem Hafertrog. "Gestern habe ich Jenny gesehen. Ich liebe dieses Pferd. Sie ist ein Original wie Werner Weischedel und ich. Das macht Mut. Wir alle brauchen zurzeit ein bisschen viel Kraft. Jenny zeigt sie. Das hält Frankfurt stabil. Und Liebe. Sie ist die stärkste Kraft. Jenny zeigt auch sie und gibt sie. Das Pferd erinnert an das, was wir nicht vergessen dürfen. Den blühenden Frühling, die schönste Zeit des Jahres."

Das Glück der Erde - Eine 20-Jährige aus Bad Villbel will zu Pferd über die Alpen reisen. Ihr Ziel: Italien. In Eppstein entlaufen rund 20 Pferde einer Weide und machen die Straßen unsicher.

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