Der Direktor der Rechtsmedizin am Uni-Klinikum Frankfurt, Marcel A. Verhoff, steht im Kühlraum neben zwei Leichen.
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Der Direktor der Rechtsmedizin am Uni-Klinikum Frankfurt, Marcel A. Verhoff, steht im Kühlraum neben zwei Leichen.

Unklare Todesfälle

Mysterium Todesursache: Für die Leichenschau gibt's in Frankfurt nicht genug Mediziner

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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Bei einem Siebtel aller Leichen in Frankfurt ist die Todesursache nicht klar. Dann muss der Rechtsmediziner ran. Doch die fehlen in Hessen. Die Stadt Frankfurt geht deshalb einen eigenen Weg.

Frankfurt - Etwa 7000 Todesfälle kommen in einer Stadt wie Frankfurt jährlich etwa vor. Die meisten werden von Angehörigen gemeldet, die Todesursache vom Haus- oder Krankenhausarzt festgestellt. Etwa 1000 Todesfälle jedoch werden der Polizei gemeldet. Es kann der Obdachlose im Park sein, die allein lebende Frau, die schon lange nicht mehr gesehen wurde und dann wird die Wohnung geöffnet. Überall, wo die Polizei dabei ist, gibt es für Hausärzte keine Pflicht, die Leichenschau vorzunehmen. Und bei einer Vergütung von bis zu 70, neuerdings bis zu 120 Euro, ist es kaum lohnend für einen Arzt, dafür seine Praxis für eine oder zwei Stunden zuzusperren und seine Patienten warten zu lassen.

Frankfurt ist deshalb einen neuen Weg gegangen. Seit 2018 zahlt die Stadt jährlich für zirka 120 000 Euro einen Arzt, der dem Institut für Rechtsmedizin zugeteilt ist. Er ist nur für die Leichensachen zuständig, die von der Polizei gemeldet werden, und arbeitet rund 40 Stunden pro Woche.

Frankfurt: Eine ominöse Dunkelziffer

In der jüngsten Sitzung des Gesundheitsausschusses der Stadt Frankfurt hob Polizeivizepräsident Walter Seubert ein erfreuliches Ergebnis hervor: "Es ist kein Tötungsdelikt erkannt worden." Die ominöse Dunkelziffer, über die immer spekuliert wird, wenn Hausärzte die Todesursache langjährig bekannter kranker Patienten feststellen, scheint nicht besonders hoch zu sein. Selbst wenn ein erster Anscheinsverdacht nahelegt, dass es sich nicht um eine natürliche Todesursache handelt und deswegen eine Obduktion erfolgt, komme oft doch noch eine natürliche Todesursache heraus. Dies sagte Professor Marcel A. Verhoff, Leiter der Rechtsmedizin.

In seinem Referat erläuterte er: Der Rechtsmediziner hat 2018 immerhin 41 Prozent aller "Polizeileichen" angesehen. Im Folgejahr noch 38 Prozent aller Leichenschauen, 364 von 950. Der Grund liege darin, erklärte Seubert, dass Polizeileichen oft nachts gefunden werden und dann gar nicht mehr der Versuch unternommen werde, einen Amtsarzt aus dem Bett zu klingeln.

Unklare Todesursache in 55 Prozent der Fälle in Frankfurt

"Beim Kollegen klingelt dann morgens um acht Uhr das Diensthandy", sagte Verhoff. Ein Vorteil für die Polizisten und gegebenenfalls die Angehörigen eines Verstorbenen: Die Wartezeit beträgt im Mittel 63 Minuten, bis der Rechtsmediziner vor Ort ist. Die Wartezeit bei Amtsärzten oder Hausärzten ist, wenn die Polizei anruft, doppelt so lange.

In der Einschätzung des Rechtsmediziners gibt es deutliche Unterschiede zu der der anderen, außerhalb seiner Dienstzeit bestellten Ärzte. Diese geben sehr viel häufiger natürliche Todesursachen an als der Rechtsmediziner. 2018 etwa waren es 56 Prozent der Todesursachen bei den Ärzten und nur 34 Prozent bei dem Arzt der Rechtsmedizin. Hingegen sah er in 55 Prozent der Fälle eine unklare Todesursache - was eine genauere Untersuchung, gegebenenfalls Obduktion erforderlich machte - und in elf Prozent eine nicht-natürliche Todesursache. Die Vergleichszahlen bei den Ärzten: 42 Prozent und zwei Prozent. Ähnlich waren die Zahlen auch im Folgejahr in Frankfurt.

Bei 35 bis 40 Prozent der Fälle wird in Frankfurt eine Obduktion angeordnet

Sowohl Hausärzte als auch Rechtsmediziner veranlassen in etwa 35 bis 40 Prozent der unklaren oder nicht-natürlichen Todesursachen eine Obduktion in Frankfurt. Nicht-natürlich heißt nicht, dass es ein Tötungsdelikt ist. In einem Fall, erklärte Verhoff, stellte sich heraus, dass eine Patientin sich vergiftet hatte, als sie ihr Medikament falsch dosierte.

Hingegen gab es eine hohe Diskrepanz zwischen der vermuteten Todesart nach einer Leichenschau und der tatsächlich festgestellten Todesart nach einer Obduktion. Obduktionen müssten häufiger durchgeführt werden, forderte Verhoff.

Der Rechtsmedizin in Frankfurt fehlt der Nachwuchs - und das Geld

Ein Problem ist die Finanzierung der Stelle in Frankfurt. Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) beklagte: "Wir haben für das kommende Jahr noch keinen genehmigen Haushalt." Langfristig sei es wünschenswert, wenn das Land - zum Beispiel das Innenministerium, dem die Polizei untersteht - sich an der Finanzierung beteiligt.

Den anderen Wunsch, künftig alle Leichenschauen durch ausgebildete Rechtsmediziner vornehmen zu lassen, kann Verhoff nicht erfüllen: "Ärzte haben Vollbeschäftigung. Wir müssten Rechtsmediziner ausbilden, die in der Praxis fehlen." Wichtig sei, dass die zweite Leichenschau in Hessen vor einer Einäscherung von Rechtsmedizinern vorgenommen werde.

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