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LGBT-feindliche Angriffe in Frankfurt: Polizei verstärkt Schutz für queere Community

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Von: Thomas Remlein

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Die Polizei wird ihre Präsenz in der Innenstadt von Frankfurt erhöhen, um die queere Community besser vor homophoben Angriffen zu schützen.

Frankfurt - Der neue Polizeipräsident Stefan Müller und weitere Beamte haben am Montag (19. September) im Sicherheitsausschuss des Stadtparlaments das Konzept zum Schutz der queeren Community in Frankfurt erläutert. Dabei wollen die Beamten die Akzeptanz der Polizei in der Community erhöhen. Müller verwies auf die verstärkte Präsenz seiner Mitarbeiter vor allem Freitag- und Samstagnacht. Gleichwohl räumte er ein, dass es „keine hundertprozentige Garantie für kriminalitätsfreien Raum gibt“. Hauptzeit für Übergriffe gegen Homosexuelle seien nachts und die frühen Morgenstunden.

Es war am 3. Juli dieses Jahres gegen 4 Uhr an der Ecke Vilbeler Straße/Elefantengasse, als Manuel Irlbeck (26) Opfer eines homophoben Angriffs wurde. Dabei erlitt er einen Kieferbruch, der operiert und mit sechs Stichen genäht werden musste. Am 12. Juli berichtete er in der Bürgerrunde des Haupt- und Finanzausschusses von dem Überfall und forderte von der Stadtpolitik Konsequenzen aus den sich häufenden Angriffen auf die queere Gemeinschaft in Frankfurt. Irlbeck verlangte, kurzfristig mehr Polizei einzusetzen und langfristig an der Akzeptanz der queeren Gemeinschaft in der Gesellschaft zu arbeiten. Auch der Angriff auf Drag-Queen Electra Pain sorgte im März in Frankfurt für viel Aufsehen.

Frankfurt: Polizisten mit Regenbogenarmbinden beim CSD - Positive Rückmeldungen der LGBT-Community

Wie das beim Christopher Street Day (CSD) in Frankfurt am 16. Juli dieses Jahres verwirklicht wurde, schilderte Stefan Block-Löwer, Einsatzleiter der Polizei beim CSD. Der CSD ist ein Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender-Personen und Intersexuellen. Ein Polizeiwagen war mit Regenbogenfarben geschmückt, „die Kollegen trugen Regenbogenarmbinden“, berichtete Block-Löwer dem Ausschuss. Es habe „durchweg positive Rückmeldungen“ gegeben, „was das größte Dankeschön für die Polizei“ gewesen sei. Wie in den vergangenen Jahren sei der CSD „friedlich und ohne besondere Vorkommnisse verlaufen. Es habe neun Anzeigen, gegeben, zwei davon hätten einen homophoben Hintergrund gehabt. In der Nachlaufphase des Umzugs seien mehr Beamte präsent gewesen.

Nach den vermehrten Straftaten habe die Polizei die Präsenz erhöht, sagte Müller. Neben Uniformierten seien auch zivile Kräfte unterwegs. Müller sprach von einer hohen Dunkelziffer von mehr als 90 Prozent, weil Beleidigungen kaum angezeigt würden und Rempeleien auch nicht. Die Zahlen der vergangenen zwei Jahre nannte er wegen Corona „nur eingeschränkt valide“. Bis 6. September registrierte die Polizei 18 queerfeindliche Straftaten im gesamten Stadtgebiet. Der räumliche Schwerpunkt liegt rund um das Szeneviertel nördlich der Konstablerwache und auf der Zeil, der zeitliche in der Nachtzeit und den frühen Morgenstunden, vorwiegend am Wochenende.

Angriffe auf queere Community in Frankfurt - Zahl der schweren Körperverletzungen nimmt zu

Wegen „der niedrigen Zahl“ riet Müller „zur Vorsicht bei der Interpretation“. Auffällig sei, dass schwere Körperverletzungen zugenommen hätten. Die Nationalität der Tatverdächtigen sei „ohne Signifikanz“. Die Einrichtung einer temporären Videoschutzzone im Szeneviertel, über die nach den letzten Übergriffen kontrovers diskutiert wurde, stellt die Polizei nach aktueller Bewertung zunächst zurück, auch wenn die rechtlichen Voraussetzungen vorliegen. Der Grund dafür liegt in der nach Einschätzung des Polizeipräsidiums eher kritischen bis sogar ablehnenden Einstellung der Community zu diesem Thema.

Polizeipräsident Stefan Müller sprach im Sicherheitsausschuss.
Polizeipräsident Stefan Müller sprach im Sicherheitsausschuss. © christoph boeckheler*

Felicia Thomas, vom 1. Polizeirevier und Bindeglied zwischen Polizei und Szene, berichtete, dass Anzeigenerstattung im Falle von Übergriffen oft sehr spät erfolge, was die Strafverfolgung erschwere. Über Verbindungsbeamte soll die Anzeigenbereitschaft erhöht werden: „Der Austausch und das Miteinander sind uns wichtig.“

Schwule und Lesben in Frankfurt: Polizeipräsenz hat nach CSD nachgelassen

Annette Kühn vom Bündnis Akzeptanz und Vielfalt berichtete in der Bürgerrunde aus der Community, dass nach dem CSD die Polizeipräsenz nachgelassen habe. Sie berichtet von einer Liste mit Übergriffen gegen Homosexuelle im vergangenen Monat, die sie vorlegen könne. So eine Liste sei für die ordentliche Strafverfolgung nicht brauchbar, erklärte Müller. Sie sei höchstens eine Zwischenetappe zur Strafverfolgung. Martin-Benedikt Schäfer (CDU) lobte die Frankfurter Polizeibeamten dafür, dass sie „offen, klar und deutlich dem Thema gegenübertreten“.

Emre Telyakar, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen, wies darauf hin, dass die Stadt eine neue Ombudsstelle Antidiskriminierung geschaffen habe. (Thomas Remlein)

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