Oberkommissarin Vanessa Pasquariello steht vor dem Frankfurter Polizeipräsidium
+
Oberkommissarin Vanessa Pasquariello aus Frankfurt sieht bei aller Gesellschaftskritik keinen Grund, die Menschen nicht zu lieben.

Werte-Debatte

Was eine Frankfurter Polizistin über Diskriminierung und Vorurteile zu sagen hätte

  • vonFriedrich Reinhardt
    schließen

Bei der Polizei in Frankfurt ist Vanessa Pasquariello Oberkommissarin in Rödelheim. Kritik übt sie an den gelebten Werten – bei der Polizei und im Supermarkt.

Frankfurt – Als Streifenpolizistin tritt Vanessa Pasquariello sonst nicht auf den Balkon, um zur Menschenmenge über Werte zu sprechen. Im 11. Polizeirevier in Frankfurt-Rödelheim ermittelt die 33-Jährige Verbrechen oder redet Jugendlichen ins Gewissen, wenn sie Mist gebaut haben. Sie sieht viel Schlechtes und in ihren zwölf Jahren bei der Polizei beschützte sie auch Demonstrationen von Menschen, die sie wegen ihrer dunklen Hautfarbe nicht im Land haben wollen, erzählt sie.

Würde man sie aber auf den Balkon bitten, nicht als Polizistin, sondern als Vanessa Pasquariello, dann würde sie sagen: „Liebe Leute, schaut nach rechts und links und macht euch bewusst, dass das Menschen wie ihr seid. Wertschätzt euch und versucht nicht so viel zu urteilen!“

Bei der Polizei arbeiten? „Das passt“, sagten Pasquariellos Freunde

1987 in Münster geboren, wuchs die Tochter einer italienischen Mutter und eines guyanischen Vaters als Einzelkind in einer Sozialwohnung mit Nachbarn aus ganz unterschiedlichen Ländern auf. Der Vater war nicht da, ihre junge Mutter alleinerziehend. Über diese Zeit sagt Pasquariello: „Ich hatte eine super Kinder- und Jugendzeit.“ In der Schule habe sie als Klassensprecherin den „Gerechtigkeitssheriff“ gespielt. Als sie sich für die Polizei entschied, sagten Freunde daher: Das passt.

Heute trägt sie zwei silberne Sterne auf den Schulterklappen. Sie ist Oberkommissarin in Frankfurt und sagt, dass sie Wertschätzung zwischen den Menschen vermisst. Nicht gegenüber der Polizei. Generell. Sie nennt ein Beispiel, eine alltägliche Situation: Sie überlegte im Supermarkt vor dem Kühlregal, was sie kaufen möchte. Da blaffte eine Frau: „Sind sie festgewachsen oder was?“ Warum dieser Kommentar?

Bevor sie Polizistin in Frankfurt wurde, machte Pasquariello ein Freiwilliges Soziales Jahr

Pasquariello hat das Gefühl, „jeder urteilt nur noch, ohne sich damit auseinanderzusetzen“. Und über Menschen zu urteilen, das sei heikel. „Nicht alle Menschen kommen mit denselben Voraussetzungen auf die Welt.“ In einem Freiwilligen Sozialen Jahr auf einer psychosomatischen Station für Kinder und Jugendliche habe sie erlebt, wie Lebenswege früh weit auseinander gehen. Wer über andere urteile, kenne diese Lebenswege nicht. Vorurteile leiteten die Meinung, so sei die Natur des Menschen. Da helfe nur, sich seine Schubladen im Kopf bewusst zu machen. Im Polizeidienst habe sie die Erfahrung gemacht, dass sich ihre Vorurteile zu 60 bis 70 Prozent nicht bestätigen.

Diskriminierung bei der Polizei: „Kein polizeispezifisches Problem“

Und dann ist da noch die Diskriminierung, der Pasquariello als Frau und wegen ihrer Hautfarbe ausgesetzt ist – auch durch ihre Kollegen. Während des ersten Studiensemesters machte ein Dozent erniedrigende Witze über Menschen mit dunkler Hautfarbe. „Das geht gar nicht. Das verletzt mich“, sagt Pasquariello. Nach ihrer Beschwerde wurde der Vorfall bei einer Aussprache mit dem Dozenten und einem Vorgesetzten geklärt.

Auch müssten sich Frauen bei der Polizei von den Kollegen respektlose Sprüche anhören. „Hühnerstreife“ bezeichnet eine Streife von zwei Polizistinnen. Das sei kein polizeispezifisches Problem, sondern eines der ganzen Gesellschaft. „Frau am Steuer, welche Frau hat solche Sprüche noch nicht gehört?“ Würde man Pasquariello zu diesem Thema auf den Balkon bitten, würde sie sagen, dass die vermeintlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen Menschen mit heller oder dunkler Hautfarbe „einfach Schwachsinn“ sind. Ein Grund, die Menschen nicht mehr zu lieben, sei all das aber nicht. (Von Friedrich Reinhardt)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare