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Offener Brief

Frankfurter Professor fordert: Studenten zurück zur Uni

Die Hörsäle sind leer, Seminarräume verwaist und Mensen geschlossen. Studieren ist aufgrund der Corona-Pandemie derzeit nur digital möglich. Dieser Zustand muss sich ändern. Das fordert der Frankfurter Professor Roland Borgards in einem offenen Brief.

Frankfurt – Die Corona-Krise hat es möglich gemacht: Deutsche Universitäten sind seit April reine digitale Lehrveranstaltungen. Das heißt, die Dozenten vermitteln ihre Inhalte mittels Internet-Videoübertragungen in die heimischen Studenten-Buden. Dass dies eine gefährliche Entwicklung für den hiesigen Bildungsstandort nach sich ziehen könnte, befürchten über 4000 Professoren und Dozenten aus ganz Deutschland. Sie alle sind Unterzeichner des offenen Briefes „Zur Verteidigung der Präsenzlehre“. Ins Leben gerufen hatte ihn der Frankfurter Germanistik-Professor Roland Borgards zusammen mit seinem Bonner Kollegen Professor Johannes F. Lehmann.

Die Lehrenden seien darüber enttäuscht gewesen, dass etwaige Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen nur für Bereiche wie Gaststätten, Baumärkte oder Schulen diskutiert wurden. Über die Lage der ebenfalls systemrelevanten Universitäten und ihren fehlenden Präsenzbetrieb sei kaum gesprochen worden. „Das hat uns sehr beunruhigt. Welches Signal ist das für die Gesellschaft?“, fragt sich Borgards. Er stellte klar, dass er und die Unterzeichner keine Gegner der digitalen Lehre sind. „Im Gegenteil. Wir loben ausdrücklich in unserem Brief, wie gut die digitale Lehre – teilweise sogar besser als gedacht – funktioniert.“ Dennoch bricht er eine Lanze für den normalen Universitätsalltag mit etwa referierenden Politik-Professoren vor versammelter Studentenschar. Oder auch für den Mathematiker, der komplizierte Formeln an der Tafel erklärt und den Studenten dabei ins Gesicht blicken kann. Denn: „Vor allem bei kritischen Inhalten, zum Beispiel in der Politik zum Thema ,rechter und linker Gewalt‘, ist es für den Lehrenden wichtig, dass er die Atmosphäre im Raum spürt. Er merkt, ob irgendwas total schräg läuft und er vielleicht nachregulieren muss“, erklärt Borgards. Auch die Körpersprache der Studierenden könnte in einem „Zoom-Meeting“ via Webcam im Internet kaum beurteilt werden. Die Mimik und Gestik helfen dem Dozenten ebenfalls, zu sehen, ob sein Stoff verstanden wurde.

Abgesehen von der fehlenden Präsenzlehre sei es innerhalb der Universitäten bedauerlich, dass die Studenten auch zwischen den Vorlesungen, Kursen und Seminaren keinerlei Kontakt haben. Borgards bezeichnet dies als „Campuspräsenz“ und erläutert: „Dabei geht es nicht nur darum, dass Studierende gemütlich einen Kaffee trinken, sondern auch um einen wertvollen Austausch zum Verständnis des Lehrinhaltes in lockerer Atmosphäre untereinander, wenn der Professor nicht mehr dabei ist. Zu Hause fällt das ja komplett weg.“ Dabei sei ihm klar, dass es nicht darum geht, in der nächsten Woche in den normalen Uni-Alltag zurückzukehren. Aber er hoffe, dass zumindest zum kommenden Wintersemester kreative Lösungen gefunden werden.

Professor Roland Borgards.

Bei allen Überlegungen müssten natürlich die Einhaltung der Abstandsregeln und die Hygienemaßnahmen gewährleistet sein. Aber es sei wichtig, sich endlich zu überlegen, wie das je nach Standort und je nach Fach umgesetzt werden könne. „Die Grundlage muss sein, dass die Universität auch in der Zukunft als Präsenzuni stattfindet. Und nur da, wo es angebracht ist, mit digitalen Elementen von zu Hause“, sagt der Germanistik-Professor.

Von Oliver Haas

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