Gegenüber dem Rechenzentrum Telehouse liegt die Baustelle des Neubauquartiers "Westville". Von seinem Büro aus blickt Bela Waldhauser auf die Baustelle an der Kleyerstraße. Die Wohnhäuser sollen mit der Abwärme des Rechenzentrums beheizt werden. FOTO: renate hoyer
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Gegenüber dem Rechenzentrum Telehouse liegt die Baustelle des Neubauquartiers "Westville". Von seinem Büro aus blickt Bela Waldhauser auf die Baustelle an der Kleyerstraße. Die Wohnhäuser sollen mit der Abwärme des Rechenzentrums beheizt werden.

Energiewende

Frankfurt: Rechenzentren sollen Wohnungen heizen – Tausende Menschen können profitieren

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    VonDennis Pfeiffer-Goldmann
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Ein Pilotprojekt nutzt im Gallus die Abwärme der IT, um CO2 einzusparen. Das Rechenzentrum bietet Möglichkeiten im Kampf gegen den Klimawandel.

Frankfurt – Die Abwärme von Rechenzentren soll in Frankfurt in Zukunft Wohnungen und Büros heizen sowie Trinkwasser erhitzen. Energieversorger Mainova will dafür Rechenzentren in der ganzen Stadt ans Fernwärmenetz anschließen. Ein deutschlandweites Pilotprojekt entsteht im Gallus: Dort wird es in den Wohnungen von 4000 bis 5000 Menschen bald warm, weil nebenan Server gekühlt werden.

In knapp drei Jahren ziehen die ersten Bewohner auf dem ehemaligen Avaya-Gelände an der Kleyerstaße ein, wo die Telenorma einst legendäre Uhren und Telefone herstellte. Fußbodenheizungen und Trinkwasser im Quartier "Westville" werden dann von der Abwärme erhitzt, die auf der anderen Straßenseite beim Kühlen des Rechenzentrums von Telehouse anfällt. "In Deutschland fehlt die Tradition, Abwärme der Industrie zu nutzen", sagt Telehouse-Vorstandschef Béla Waldhauser. Bei Rechenzentren werde das bisher nur in Skandinavien genutzt, erklärt Mainova-Chef Constantin H. Alsheimer.

Rechenzentrum in Frankfurt: Nachfrage und Wachstum gigantisch

Telehouse-Chef Waldhauser gibt die Energie gern kostenlos ab: "Ich habe Abwärme ohne Ende." Die Mainova wird sie in einem Nahwärmenetz nutzen, an das Bauherr Instone alle 1300 "Westville"-Wohnungen anschließt. Zwecks Redundanz - falls die 30 Grad messende Abwärme aus den Telehouse-Servern einmal nicht ausreicht - erhält das Nahwärmenetz auch noch einen Anschluss ans 80 bis 110 Grad heiße Fernwärmenetz der Mainova, das ohnehin durch die nahe Rebstöcker Straße verläuft. Per Wärmepumpen bringt die Mainova die Nahwärme dann auf 70 Grad.

Dank der kostenlosen Abwärme des Rechenzentrums werden die künftigen Bewohner für Wärme und Warmwasser etwas weniger als üblich zahlen, schätzt Ralf Werner, der Rhein-Main-Chef von Instone. Ein besonderer Faktor sorgt für geringere Investitionskosten: Die Wärmeleitungen über die Straße hinweg bestehen noch aus Telenorma-Zeiten, erklärt Bela Waldhauser. Schon früher sei die Wärme aus der Heizzentrale hinter Werk I - in dem heute das Rechenzentrum ist - fürs Beheizen von Werk II genutzt - wo das Quartier "Westville" entsteht.

Abwärmenutzung von Rechenzentrum spart 400 Tonnen CO2

"Menschen machen sich Sorgen wegen der Rechenzentren", erinnert Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). Die Abwärmenutzung sei ein "kleiner Schritt, um die Dinge im Sinn des Klimawandels zu versöhnen". Die Abwärmenutzung spare rund 80 Prozent und konkret 400 Tonnen klimaschädliches CO2 ein, erklärt Mainova-Chef Alsheimer.

Zuletzt hatten sich Anwohner in Seckbach kritisch zu Wort gemeldet, wo Betreiber Equinix im Gewerbegebiet ein Rechenzentrum nach dem anderen hochzieht - und weitere Investition von knapp einer Milliarde Euro ankündigte. Um zehn bis zwölf Prozent steige die Nachfrage pro Jahr, erklärt Waldhauser, der im Verband der Internetwirtschaft auch Sprecher der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen in Deutschland ist. "Wir kommen mit dem Bauen nicht hinterher, die Nachfrage ist gigantisch." In Frankfurt laufen so viele Daten wie nirgends sonst zusammen: Der hiesige Internetknoten De-Cix ist der weltweit größte.

Frankfurt: Abwärme aus Rechenzentrum soll Kraftwerke ersetzen

Rechenzentren seien zwar sehr große Stromverbraucher, räumt Constantin Alsheimer ein. "Aber sie gehen hocheffizient mit Strom um." Den größten Anteil am Energieverbrauch mache nicht mehr die Kühlung aus, sagt Telehouse-Chef Waldhauser. Am meisten verbrauchten die Server selbst, und damit letztlich verursacht durch jeden Klick von Endkunden etwa im Internet.

Die Abwärme der Rechenzentren will die Mainova in Zukunft in großem Stil nutzen - und möglichst viele Rechenzentren an das Fernwärmenetz anschließen. Dazu sei die Mainova mit den Betreibern in Gesprächen. Speisen die Rechenzentren ihre Wärme direkt ins Netz ein, kann die Mainova die Wärmeproduktion in ihren Kraftwerken drosseln - was zum Beispiel Kohle einspart.

Entlang der Hanauer Landstraße werde der Energieversorger bis 2025 die Fernwärmeleitung bis zum Biomassekraftwerk Fechenheim weiterführen, kündigt Alsheimer an. An der Straße liegen Rechenzentren von Interxion, und die Firma will für mehr als eine Milliarde Euro weitere bauen. (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

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