Unweit des Liebfrauenbergs: Zwei Radfahrer fahren schnell an Fußgängern vorbei. Mit der Zunahme des Radverkehrs lassen sich solche Situationen ständig und überall in der Innenstadt beobachten. Leidtragende sind vor allem Fußgänger.
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Unweit des Liebfrauenbergs: Zwei Radfahrer fahren schnell an Fußgängern vorbei. Mit der Zunahme des Radverkehrs lassen sich solche Situationen ständig und überall in der Innenstadt beobachten. Leidtragende sind vor allem Fußgänger.

„Völlig disziplinlos“

Rücksichtslose Radfahrer bedrängen Fußgänger: „Regeln sind denen völlig fremd“

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    vonDennis Pfeiffer-Goldmann
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Fußgänger in Frankfurt leiden stark unter einem geändertem Verkehrsverhalten und Rüpel-Radlern. Der Radweg-Ausbau läuft derweil.

  • Fußgänger in Frankfurt leiden unter rücksichtslosen Radfahrern
  • Sie klingeln sich den Gehweg frei und fahren über Rot, so die Klagen
  • In der Innenstadt wird es nach den Corona-Lockerungen wieder voller

Frankfurt – Mit kräftigem Klingeln macht die Radfahrerin auf sich aufmerksam. Von hinten rauscht sie auf die Fußgänger zu, die auf dem Gehweg der Kurt-Schumacher-Straße nahe der Konstablerwache unterwegs sind. Nur wenige Zentimeter am Arm eines Mannes vorbei drängelt sich die Zweiradfahrerin hindurch.

Rücksichtlose Radfahrer in Frankfurt für Fußgänger oft unangenehm

Es ist nur eine gefährliche Situation von vielen dieser Tage in der wieder voll gewordenen Innenstadt. Spürbar mehr Fahrradfahrer als vor der Corona-Pandemie sind unterwegs. Statistische Zahlen dazu gibt es zwar nicht, doch das Mehr an Radlern ist spürbar. Für Fußgänger wird das oft unangenehm.

„Völlig disziplinlos“ seien einige Radfahrer seit den scharfen Kontaktbeschränkungen im März/April unterwegs, schimpft Eike Sommer. Der Rentner aus Oberrad ist selbst mit seiner Frau oft mit dem Rad unterwegs. Beide spüren, dass die Rücksichtslosigkeit der Radler zunimmt. „Die glauben, sie seien bei der Tour de France.“ Da werde quer über Zebrastreifen gefahren, mitten über Gehwege, Radler ignorierten das Rot an der Ampel und klingelten noch Fußgänger an, die gerade Grün hätten. „Regeln sind denen völlig fremd“, kritisiert Sommer.

Frankfurt: Rüpel-Radler „schon seit Jahren ein Problem“

Überall in der Innenstadt bestätigt sich der Eindruck. Wenn Zweiradfahrer die Zeil entlang jagen. Wenn sie auf dem Gehweg der Goethestraße Fußgänger wegklingeln. Das sei aber nicht neu, sondern „die ganzen Jahre schon ein Problem“, sagt Rainer Michaelis, Leiter der städtischen Verkehrspolizei. „Die große Menge hält sich an die Regeln, aber die anderen fallen besonders auf.“

Daher werde die Stadt weiter die Polizei bei gezielten Kontrollen des Radverkehrs unterstützen, etwa gegen Rotlichtsünder, kündigt Michaelis an. Die Zahl der Kontrollen sei nicht erhöht worden, erklärt Polizeisprecherin Chantal Emch. Denn der Polizei lägen „keine Statistiken vor“ die zeigten, ob „in den vergangenen Wochen mehr Fahrradfahrer als üblich in Frankfurt unterwegs waren.“

„Es ist voller geworden“ in Frankfurt: Viele Rotsüder unter den Radfahrern

Thomas Kirchner dagegen beobachtet: „Es ist voller geworden.“ Der CDU-Stadtverordnete aus Praunheim ist Alltagsradfahrer, nutzt den Drahtesel täglich für den Weg zur Arbeit im Bankenviertel. Selbst Warteschlangen an der Ampel an der Bockenheimer Warte hat er schon gesehen. Per Rad seien jetzt „unterschiedliche Charaktere“ unterwegs, ist Kirchners Eindruck. Bisherige Gelegenheitsradler seien nun täglich unterwegs. Sie träfen auf die eiligen, langjährigen Profi-Radpendler: „Das muss sich erst einspielen, aber bisher ist mir nicht aufgefallen, dass es unhöflich oder aggressiv zugeht.“ Meist wichen die schnelleren Radler eben vom Radweg auf die Fahrbahn aus, um gemütliche Fahrer zu überholen. Eines aber habe sich nicht verändert: Rotlichtsünden von Radlern beobachte er in großer Zahl, seufzt Thomas Kirchner, „außer an großen, gefährlichen Kreuzungen.“

Was Corona derzeit zu verstärken scheint, ist ein langfristiger Trend: Bereits in den fünf Jahren bis 2018 hatte der Radverkehr in der Stadt um 60 Prozent zugenommen, wie kürzlich eine Untersuchung der Stadt ergab. „Frankfurt nähert sich immer mehr dem Status einer Fahrradstadt“, jubiliert Bertram Giebeler vom Fahrradclub ADFC.

Frankfurt schafft für Fahrräder nachhaltig mehr Platz

Schon im vorigen Jahr hatte die Stadt ein millionenschweres, mehrjähriges Ausbauprogramm für den Radverkehr auf den Weg gebracht. Zuvor war die Initiative „Rad-Entscheid“ mit ihrem Versuch, Maximalforderungen über einen Bürgerentscheid durchzusetzen, an formellen Kriterien gescheitert. Radspuren entlang von Kurt-Schumacher- und Konrad-Adenauer-Straße sowie Schöner Aussicht sind erste Projekte aus dem Kompromiss--Programm. Unter Hinweis auf die Corona-Krise fordern ADFC und die Initiatoren des Rad-Entscheids zusätzlich seit einigen Wochen „Pop-up-Radwege“, also das Ummarkieren von Autospuren in provisorische Radspuren. Im Verkehrsdezernat hält man davon nichts, setzt auf nachhaltige Lösungen. Nur Markierungen genügten nicht, hatte der Leiter der städtischen Stabsstelle Radverkehr, Stefan Lüdecke, bereits in dieser Zeitung zu Bedenken gegeben. Zum Beispiel müssten Ampelschaltungen und Parkplätze angepasst werden.

Dafür stelle die Stadt extra aktuell weitere Planer ein, betont Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD). Er räumt ein: Der Platz auf den Straßen müsse angesichts der veränderten Nutzung umverteilt werden - weniger für Autos und mehr für Radler.

Rüpelhaftigkeit einiger Radfahrer in Frankfurt schreckt ab

Nicht die Menge der Zweiradfahrer sei allein das Problem, sondern die zunehmende Rücksichtslosigkeit vieler Radler: Das beobachtet Bernd Schneider, der im vorigen Jahr mit seiner Frau Angelika eine Bürgerinitiative für sichere Gehwege ins Leben gerufen hatte. „Radfahrer dürfen zum Beispiel im Prinzip durch eine Fußgängerzone fahren, aber nur mit Schrittgeschwindigkeit.“ An solche Regeln aber hielten sich viele Radfahrer nicht - ebenso wenig wie die E-Roller-Fahrer. „Die fahren grundsätzlich auf dem Gehweg, obwohl sie es nicht dürfen.“

Die zunehmende Rüpelhaftigkeit einiger Radfahrer schreckt inzwischen Eugen Sommer ab. Gerade die Mainuferwege meiden seine Frau und er jetzt bei ihren Touren. „Da traut man sich als Normalradfahrer ja nicht mehr hin.“

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann

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